Sieben-Tage-Inzidenz Welche Landkreise über dem Corona-Grenzwert liegen

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen entscheidet über Verschärfung und Lockerung von Gegenmaßnahmen. Welche Regionen liegen über der Grenze? Und warum kursieren so unterschiedliche Werte? Der Überblick.

Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen ist nach wie vor die wichtigste Messgröße der Politik während der Coronakrise: Wie entwickelt sich die Pandemie? In welchen Städten und Landkreisen müssen Maßnahmen verschärft werden, um die Verbreitung des Virus zu bremsen?

Der entscheidende Wert ist die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz. Sie beschreibt die Zahl der bestätigten Neuinfektionen in einer Stadt oder einem Landkreis in den zurückliegenden sieben Tagen je 100.000 Einwohner.

In den vergangenen Monaten hat der Inzidenzwert zunehmend für Verwirrung gesorgt. Je nach Quelle variiert der Wert für ein und denselben Landkreis: Das auf Bundesebene zuständige Robert Koch-Institut (RKI), die 16 Landesbehörden und teils auch die Gesundheitsämter vor Ort rechnen mit unterschiedlichen Zahlen und Methoden.

Warum gibt es nicht die eine Sieben-Tage-Inzidenz? Wie kommen die unterschiedlichen Werte zustande? Und welche Werte verwendet der SPIEGEL?

Werte zur Sieben-Tage-Inzidenz beziehen sich stets auf bestätigte Neuinfektionen, also Infektionen, die mit einem PCR-Test labordiagnostisch bestätigt wurden. Mehrere Studien zeigen, dass ein Großteil der Corona-Infektionen unentdeckt bleibt. Das liegt unter anderem daran, dass sich Menschen mit mildem oder asymptomatischem Verlauf selten testen lassen und dass die Testkapazitäten begrenzt sind. Innerhalb eines Testregimes ermöglichen die erkannten Fälle aber Rückschlüsse auf Trends und regionale Unterschiede.

RKI verwendet unvollständige Daten

Wie eine SPIEGEL-Recherche zeigt , unterschätzt die vom RKI veröffentlichte Inzidenz  das Infektionsgeschehen in mehreren Regionen systematisch. Die Bundesbehörde berücksichtigt in ihrer Berechnung all jene Fälle, deren Meldedatum in den jüngsten sieben Tagen liegt. Das Meldedatum ist der Tag, an dem das Gesundheitsamt vor Ort Kenntnis von einem Fall erlangt. Es meldet diesen Fall dann weiter an die Landesbehörde, die wiederum an das RKI. Je nach Tagesablauf in den Gesundheitsämtern und Landesbehörden erfährt das RKI noch am Meldetag von einem Fall.

Genauso kommt es aber vor, dass ein Fall länger braucht, um die Meldekette zu durchlaufen. Das RKI erfährt dann erst am Folgetag oder sogar noch später davon. So sind die dem RKI vorliegenden Informationen, insbesondere für die unmittelbar vorangegangenen Meldetage, für zahlreiche Regionen unvollständig. Der berechnete Inzidenzwert ist dadurch vielerorts zu niedrig. Ein Vergleich zwischen den Landkreisen ist mit diesen Zahlen nicht sinnvoll möglich.

Länder rechnen uneinheitlich

Die Inzidenzwerte der 16 zuständigen Landesbehörden unterscheiden sich meist von denen des RKI, weil sie schon Kenntnis von Fällen haben, die noch nicht an das RKI übermittelt wurden. Sie nutzen dabei unterschiedliche Berechnungsmethoden zur Ermittlung ihrer Sieben-Tage-Inzidenz:

  • Ein Großteil der Länder verfährt ähnlich wie das RKI. Sie berücksichtigen all jene ihnen bekannten Fälle, deren Meldedatum in den vergangenen sieben Tagen liegt. Hier kann es zu einer ähnlich systematischen Unterschätzung kommen, wenn auch in geringerem Ausmaß, schließlich sitzen die Landesbehörden weiter vorn in der Meldekette als das RKI.

  • Andere Länder beziehen all jene Fälle in die Inzidenzberechnung ein, von denen sie in den zurückliegenden sieben Tagen Kenntnis erlangt haben. Entscheidend ist also nicht das von den Gesundheitsämtern vor Ort angegebene Meldedatum, sondern das Eingangsdatum bei der Landesbehörde.

Außerdem verwenden die Landesbehörden bei der Inzidenzberechnung unterschiedliche Einwohnerzahlen. Manche nutzen, wie das RKI, die vom Statistischen Bundesamt und den Statistischen Landesämtern zum Stichtag 31. Dezember 2019 zusammengestellten Bevölkerungsdaten. Andere nutzen einen vom jeweiligen Landesamt bereitgestellten aktuelleren Datenstand.

Manche Landkreise zählen anders

Die Gesundheitsämter der Landkreise und kreisfreien Städte weisen wiederum eigene Corona-Zahlen aus. Da die Ämter am Anfang der Meldekette stehen, verfügen sie über die aktuellsten Daten. Diese sind allerdings noch nicht validiert, während beim RKI und auf Landesebene eine zusätzliche Qualitätskontrolle stattfindet.

Mehrere Gesundheitsämter beziehen auch klinisch-epidemiologische Verdachtsfälle in ihre Zählung ein oder taten das zu Beginn der Pandemie . Dabei handelt es sich um Personen, die zwar Symptome aufweisen und beispielsweise Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hatten, aber selbst nicht labordiagnostisch auf das Coronavirus getestet wurden. Solche Verdachtsfälle werden auch an Land und RKI weitergemeldet, fließen dort aber nicht in die offizielle Zählung ein.

Außerdem verwenden viele Gesundheitsämter bei der Inzidenzberechnung nicht die Einwohnerzahlen der Statistikämter, sondern die unbereinigten Zahlen der Einwohnermeldeämter. Sie enthalten Karteileichen früherer Einwohner, die sich nicht ordnungsgemäß umgemeldet haben. Dadurch fällt die Bevölkerungszahl höher und die Inzidenz im Ergebnis niedriger aus. Auch die Stadtstaaten Berlin und Hamburg rechnen mit diesen fragwürdigen Zahlen .

Welche Zahlen der SPIEGEL zeigt

Gesundheitsämter, Landesbehörden, RKI – auf allen drei Ebenen haben die veröffentlichten Daten über entdeckte Corona-Infektionen methodische Schwächen. Es gibt auch nicht die eine Sieben-Tage-Inzidenz, die über die Verschärfung oder Lockerung von Maßnahmen entscheidet. Häufig greifen die Landeswerte, zum Teil sind aber auch die Inzidenzen von RKI oder Gesundheitsamt entscheidend.

In der Berichterstattung des SPIEGEL werden jeweils jene Inzidenzwerte zitiert, die Grundlage einer politischen Entscheidung oder Gegenstand der öffentlichen Diskussion sind. In unseren Übersichtsgrafiken und Tabellen haben wir in den ersten Monaten der Pandemie die Inzidenzwerte des RKI gezeigt. Um die Dynamik der Pandemie besser beschreiben und dabei auch Regionen sauber miteinander vergleichen zu können, nutzen wir inzwischen einen alternativen Rechenweg.

Grundlage sind die validierten Fallzahlen nach Meldedatum, wie sie jeden Morgen vom RKI veröffentlicht werden. In unserer Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz ignorieren wir aber die jüngsten drei Meldetage und verwenden die davor liegenden sieben Tage. Ein Beispiel: Am 11. eines Monats werden die bestätigten Neuinfektionen mit einem Meldedatum vom 1. bis 7. des Monats herangezogen. Die Meldungen vom 8., 9. und 10. des Monats lassen wir außen vor.

Wie kommen wir auf ausgerechnet drei Tage, die wir zurückspringen? Wir haben die Meldeverzüge bei den Infektionszahlen im Herbst 2020 untersucht. In den ersten drei Tagen nach dem jeweiligen Meldedatum gab es noch zahlreiche Landkreise, deren Fallzahlen in den RKI-Daten sehr unvollständig waren. Am vierten Tag war meist in nahezu allen Landkreisen eine hohe Vollständigkeit erreicht.

Die auf diese Weise berechnete Sieben-Tage-Inzidenz hinkt dem Geschehen zwar etwas hinterher, beruht dafür aber auf deutlich vollständigeren Werten. Und die Zahlen der verschiedenen Regionen sind untereinander vergleichbar. Im Vergleich zum RKI sind die SPIEGEL-Zahlen häufig etwas höher.

Wir verwenden für alle Städte und Landkreise die von den Statistikämtern mit Stand 31. Dezember 2019 bereitgestellten Einwohnerzahlen.

In bestimmten Fällen kann unsere Methode zu niedrige Sieben-Tage-Inzidenzen hervorbringen. Einerseits in hochdynamischen Situationen: Steigen die Fallzahlen in einem Landkreis schnell und stark an, hinken unsere Werte dem Geschehen spürbar hinterher. Andererseits bei längeren Meldeverzögerungen: Kommt etwa ein Gesundheitsamt für mehrere Tage nicht mehr hinterher, Fälle zu übermitteln, sind die beim RKI abgerufenen Daten auch nach drei Tagen noch lückenhaft und die berechnete Inzidenz zu niedrig.