Coronaimpfstoff Ema empfiehlt AstraZeneca weiterhin uneingeschränkt

Trotz sehr selten auftretender Thrombosen im Gehirn: Die europäische Arzneimittelbehörde empfiehlt den Coronaimpfstoff von AstraZeneca für alle Erwachsenen. Die britischen Kollegen sehen das anders.
Foto: Matthias Bein / dpa

Trotz sehr seltener Fälle von Hirnthrombosen empfiehlt die EU-Arzneimittelbehörde Ema uneingeschränkt die Anwendung des Coronaimpfstoffes von AstraZeneca. Der Nutzen des Wirkstoffes sei höher zu bewerten als die Risiken, erklärte die Ema am Mittwoch in Amsterdam.

»Covid-19 ist eine sehr schwere Erkrankung«, sagte die Ema-Chefin Emer Cooke bei einer Pressekonferenz. »Viele Tausend Menschen sterben jeden Tag in der EU.« Der Impfstoff von AstraZeneca liefere einen effektiven Schutz vor Covid-19, »wir müssen alle verfügbaren Impfstoffe nutzen, um Erkrankungen zu verhindern.«

Auch Sabine Strauß, Vorsitzende des Risikobewertungskomittees der Ema (Prac) betonte, der Schutz vor Covid durch Vaxzevria überwiege die Risiken. »Eine Ad-hoc-Expertengruppe hat eine detaillierte Analyse der 62 Fälle von Sinusvenenthrombosen vorgelegt«, so Strauß. »18 Fälle endeten tödlich. Nach ausführlichen Diskussionen kommen wir zu dem Schluss: Die Thrombosen im Gehirn sind sehr seltene Nebenwirkungen vom Impfstoff, weil mehr solcher Fälle auftraten, als zu erwarten wäre in der Normalbevölkerung.«

Diese Thrombosen seien vor allem bei Frauen im Alter von unter 60 Jahren binnen zwei Wochen nach der Impfung aufgetreten. Häufig gab es auch einen begleitenden Mangel an Blutplättchen. Spezifische Risikofaktoren seien nach den bisherigen Erkenntnissen nicht bestätigt worden. Bislang gebe es zwar bereits plausible Erklärungen für die Gerinnselbildung, einen finalen Beleg gebe es aber noch nicht für die Hypothese, dass es sich um einen Autoimmunprozess handelt.

Das Prac werde weiterhin alle gemeldeten Fällen untersuchen, so Strauß. In der EU sei von ein bis zwei solcher schweren Nebenwirkungen pro 100.000 Geimpften berichtet worden. Es sei entscheidend, dass sowohl Ärzte als auch Geimpfte auf Beschwerden wie Kopfschmerzen, Einblutungen in die Haut oder Sehstörungen in den 14 Tagen nach der Impfung achteten. Bei entsprechenden Symptome sollten Betroffene sofort medizinischen Rat einholen, hieß es weiter. Derzeit gebe es allerdings noch keine klaren Therapieempfehlungen im Falle einer Sinusvenenthrombose, so Strauß.

Es gibt einen klaren Zusammenhang

Am Dienstag hatte die Ema bereits bestätigt, dass sie einen ursächlichen Zusammenhang sieht zwischen dem Coronaimpfstoff von AstraZeneca und den sehr selten auftretenden Blutgerinnseln. Dabei handelt es sich um sogenannte Sinusvenenthrombosen, also Blutgerinnsel in den Hirnvenen. Ein geringer Prozentsatz von Geimpften hatte 4 bis 16 Tage nach der Impfung eine solche Sinusvenenthrombose entwickelt. »Wir können mittlerweile sagen, dass es klar ist, dass es einen Zusammenhang mit dem Impfstoff gibt«, hatte der Chefstratege der Ema-Impfabteilung, Marco Cavaleri, im Interview mit der italienischen Zeitung »Il Messaggero«  erklärt.

Die Ema hatten den von der Oxford-Universität und dem britisch-schwedischen Konzern entwickelten Impfstoff wiederholt als sicher und wirksam empfohlen und betont, der Nutzen der Vakzine überwiege deutlich mögliche negative Folgen.

Die britische Arzneimittelbehörde MHRA gab zeitgleich zur Ema bekannt, dass Großbritannien zukünftig eine Einschränkung empfehle: Menschen unter 30 Jahren, die keine Vorerkrankungen haben, die einen schweren Covid-19-Verlauf wahrscheinlicher machen, sollten einen anderen Covid-Impfstoff erhalten, falls eine Alternative vorhanden ist.

Vier Fälle pro Million in Großbritannien

Den Behörden zufolge wurden mehr als 20 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs gegeben. Es gebe 79 Fälle von Thrombosen im Zusammenhang mit einem Blutplättchenmangel. Diese betrafen 51 Frauen und 28 Männer im Alter von 18 bis 79 Jahren. 19 Menschen starben, 13 Frauen, 6 Männer. Drei der Verstorbenen waren unter 30 Jahre alt. In Großbritannien wurden laut den Angaben mehr Frauen als Männer geimpft.

Alle Fälle traten nach der ersten Impfung auf, allerdings wurden auch in Großbritannien erst relativ wenige Menschen zweifach mit dem AstraZeneca-Präparat geimpft. Das heißt also nicht, dass das Problem nicht bei der zweiten Impfung auftreten könnte.

Die britischen Behörden betonen, dass ein möglicher Zusammenhang zwischen der Impfung und den schweren Nebenwirkungen deutlich werde, aber noch nicht vollständig geklärt sei. Für die meisten Menschen überwiege weiter der Nutzen der Impfung. Allerdings sei das Abwägen von Nutzen und möglichen Risiken für jüngere Altersgruppen schwieriger.

In Großbritannien wird deshalb jetzt eine Einschränkung des AstraZeneca-Impfstoffs empfohlen: Menschen unter 30 Jahren, die keine Vorerkrankungen haben, die einen schweren Covid-19-Verlauf wahrscheinlicher machen, sollten einen anderen Covid-Impfstoff erhalten, falls eine Alternative vorhanden ist.

Forscher von der Universität Greifswald haben bei der Ursachensuche für die Blutgerinnsel spezielle Antikörper im Blut der Betroffenen gefunden, die sich gegen körpereigene Blutplättchen richten. Die Blutplättchen sind für die Blutstillung und -gerinnung von zentraler Bedeutung. Die gefundenen Antikörper könnten dazu führen, dass die Blutplättchen im Blut verklumpen und Blutgerinnsel bilden.

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So wie viele andere europäische Länder hatte auch Deutschland den Einsatz des AstraZeneca-Impfstoffs nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) vorrangig auf Menschen ab 60 Jahren beschränkt. Der Grund: Die aktuellen Informationen zur Impfung mit Vaxzevria und den seltenen Fällen von Sinusvenenthrombosen zeigen, dass vor allem jüngere Frauen betroffen sind.

Bis zum 29. März wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 31 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach Impfung mit dem Covid-19 Impfstoff von AstraZeneca im Rahmen der Spontanerfassung gemeldet. In 19 Fällen wurde zusätzlich eine Thrombozytopenie gemeldet, eine bedrohliche Reduktion der Blutplättchen. In neun Fällen war der Ausgang tödlich. Mit Ausnahme von zwei Fällen betrafen alle Meldungen Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren, die beiden Männer waren 36 und 57 Jahre alt.

hei/wbr
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