Bis ein Impfstoff verfügbar ist Epidemiologen empfehlen monatelange Einschränkungen des öffentlichen Lebens

Ein paar Wochen Ausnahmezustand, dann ist die Covid-19-Epidemie unter Kontrolle? So einfach wird die Sache nicht, sagen Forscher. Wir werden unsere Kontakte über lange Zeit reduzieren müssen.
Passagierin am Flughafen Berlin-Tegel: Die Coronakrise wird die Welt lange in Atem halten

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Foto: Christoph Soeder/ dpa

Kontrollen an den Grenzen, Kitas und Schulen dicht, Kultur- und Sporteinrichtungen ebenfalls. Deutschland fährt gerade die Systeme herunter. Nur noch für die Grundversorgung nötige Geschäfte wie Lebensmittelläden, Apotheken oder Tankstellen sollen öffnen. (Lesen Sie die Regeln hier im Detail.) Und immer gilt: Außerhalb der eigenen vier Wände möglichst Abstand halten von anderen Menschen.

Die in diesen Tagen anlaufenden Maßnahmen im Kampf gegen die Krankheit Covid-19 sind einschneidend. Ziel ist es, die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 in der Bevölkerung zu verlangsamen. So sollen Ärzte und Pfleger die Möglichkeit bekommen, sich beim Fortschreiten der Epidemie zumindest um die am schwersten betroffenen Kranken zu kümmern. Langfristig haben Virologen das Ziel, einen Impfstoff zu entwickeln und zu testen.

Doch welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt den besten Erfolg bringen, diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Epidemiologen arbeiten an Empfehlungen für die besten Strategien. Eine Forschergruppe des Covid-19 Response Team am Imperial College in London hat dazu gerade einen aktuellen Artikel  veröffentlicht.

Das Team beschäftigt sich auf Basis von Modellrechnungen unter anderem mit der Frage, ob es sinnvoll sein könnte, die Ausbreitung der Epidemie nur abzumildern, anstatt sie komplett zu unterdrücken. Diesen Ansatz hatte Großbritannien ursprünglich ins Auge gefasst. Dafür spräche, dass sich auf diese Weise nach und nach eine Immunität in der Bevölkerung aufbaut. Allerdings könnte das Gesundheitssystem trotzdem massiv überlastet werden.

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Im Simulator lassen sich verschiedene Parameter einstellen, neben der Größe der simulierten Bevölkerung zum Beispiel auch die Anzahl der eingeschleppten Fälle und – besonders wichtig - der Faktor, wie viele Gesunde ein an Covid-19 Erkrankter infizieren kann. Außerdem lässt sich das Ausmaß der für alle Menschen geltenden Social-Distancing-Maßnahmen in der Gesellschaft ebenso wählen wie die Effektivität der Isolation von Kranken. Spielt man verschiedene Szenarien durch, zeigt sich: Endet die Reduktion von Kontakten zu schnell, zum Beispiel nach 30 Tagen, wird der Beginn der Epidemie eigentlich nur verschoben.

Eine solche Verschiebung der Epidemie würde nur dann wirklich Sinn ergeben, wenn das Virus bei den wärmeren Temperaturen im Sommer weniger gefährlich wäre. Doch das, so zeigen aktuelle Studien, ist eine gewagte Annahme. "Ich würde im Moment nicht darauf setzen, dass es im Sommer vorbeigeht", sagt Modellierer Schwehm.

Politik und Gesundheitsbehörden sollen klar kommunizieren

Der Extremfall wird also wohl zum neuen Normalfall. Epidemiologe Eichner warnt daher: Die Bevölkerung dürfe nicht annehmen, dass in ein oder zwei Monaten alles überstanden sei. Gleichzeitig sei es wichtig, dass die Maßnahmen zur Kontaktreduktion nicht gerade am Höhepunkt des Ausbruchs endeten. Politik und Gesundheitsbehörden müssten klar kommunizieren, so der Forscher.

"Es ist im Moment schwierig sich vorzustellen, wie es global gelingen soll, das Virus zu eliminieren", sagt auch der Epidemiologe Sebastian Funk von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Er war nicht an der Entwicklung des Simulators beteiligt, befasst sich aber ebenfalls mit der Modellierung der Covid-19-Epidemie. Wenn aber die komplette Ausrottung nicht gelinge, sagt Funk, blieben als Optionen nur noch, den Lockdown, also den weitgehenden Stopp des öffentlichen Lebens, zum Dauerzustand bis zur Entwicklung eines Impfstoffes zu machen – "oder ansonsten zu akzeptieren, dass sich ein großer Teil der Bevölkerung infizieren muss".

Auf welchen Standpunkt man sich auch stelle, sagt der Forscher, "uns stehen ungekannte Herausforderungen bevor".