Epidemiologie Wissenschaftler bezweifeln Sinnhaftigkeit von Grenzschließungen

Europa lässt die Schlagbäume runter - doch aus Sicht von Experten bringt das so gut wie nichts. Der Kampf gegen das Coronavirus wird woanders gewonnen.
Kreuzlingen: Deutsche Polizisten kontrollieren Einreisende an der Grenze zur Schweiz.

Kreuzlingen: Deutsche Polizisten kontrollieren Einreisende an der Grenze zur Schweiz. 

Foto: Felix Kästle/ dpa

Es ist ein Bild, das man aus weiten Teilen Europas kaum noch kennt. Grenzbeamte halten Fahrzeuge an, schicken Menschen zurück. Auch wenn das Bundesinnenministerium in Berlin Wert darauf legt, dass der grenzüberschreitende Warenverkehr weiterfließt und auch Berufspendler zur Arbeit und wieder zurück können: Seit Montagmorgen, 8 Uhr, gibt es verschärfte Kontrollen an den deutschen Grenzen zu Österreich, der Schweiz, Frankreich, Luxemburg und Dänemark. "Reisende ohne triftigen Reisegrund dürfen an den benannten Grenzen nicht mehr ein- und ausreisen", so das Ministerium.

Es ist ein drastischer Einschnitt und in dieser Form einzigartig in der Nachkriegsgeschichte Westeuropas. Wenig koordiniert, in einer Kette von Einzelentscheidungen haben neben Deutschland auch zahlreiche Staaten in diesen Tagen ähnlich entschieden. Hintergrund ist die Hoffnung, so die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 zu unterbinden. Doch Fachleute halten zum jetzigen Zeitpunkt nicht viel von den Maßnahmen. De facto kein Experte, mit dem der SPIEGEL am Montag gesprochen hat, sieht eine größere Wirkung auf die aktuelle Ausbreitung des Erregers in den jeweiligen Ländern.

"Aus epidemiologischer Sicht erreicht man mit Grenzschließungen wenig", sagt etwa Sune Lehmann, der sich an der Technischen Universität Dänemark in Lyngby bei Kopenhagen an der Schnittstelle von Physik, Soziologie und Informatik mit komplexen Netzwerken befasst. Noch am ehesten seien solche politischen Maßnahmen als Signal sinnvoll – "um den Ernst der Lage zu unterstreichen".  

Abstand zu den Mitmenschen - das ist entscheidend

Einen möglichen Erfolg von Grenzschließungen könne er derzeit nicht quantifizieren, erklärt auch der Physiker Dirk Brockmann, der an der Humboldt-Universität Berlin und am Robert Koch-Institut die Ausbreitung von Infektionskrankheiten erforscht. Einen negativen Effekt auf die Covid-19-Lage gebe es wohl nicht, aber wahrscheinlich auch kaum einen positiven. "Die Bedeutung von Grenzschließungen im Vergleich zu anderen Maßnahmen des Social Distancing ist deutlich geringer."

Social Distancing – Abstand zwischen sich und seine Mitmenschen zu bringen. Das ist die derzeit wichtigste Waffe der Epidemiologen gegen die Gefahr, dass ein massenhafter Ausbruch von Covid-19 die Gesundheitssysteme in die Knie zwingt. Durch möglichst wenig Kontakt zwischen Infizierten und Gesunden soll der Anstieg der Fallzahlen abgeflacht werden, womöglich auch die Gesamtmenge der Infizierten über den Verlauf der Epidemie niedriger bleiben.

"Es gibt nur ein begrenztes Repertoire an Mitteln, die beim Kampf gegen eine Epidemie zur Verfügung stehen", sagt Rafael Mikolajczyk, der Chef des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Universität Halle-Wittenberg. Grenzschließungen gehörten dazu. "Diese Maßnahme nützt allerdings aktuell wohl nicht so viel." Die Gesellschaft müsse stattdessen verstehen, dass "wir die Epidemie aktuell nur durch Einschränkung der sozialen Kontakte in den Griff bekommen können". Womöglich sei es aber so, dass diese Maßnahmen eher akzeptiert würden, wenn auch an den Grenzen kontrolliert werde, so Mikolajczyk.

Addition versus Multiplikation

Mit wem man auch spricht, immer wieder ist zu hören: Der Kampf gegen das Virus wird in der aktuellen Lage kaum an den Außengrenzen gewonnen, sondern - wenn - nur im Land selbst. "Grenzschließungen bringen kaum Nutzen", lautet daher auch das Fazit des Epidemiologen Christopher Dye von der University of Oxford. Er war zwischen 2014 und 2018 Strategiedirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf.

Es hilft, sich an den Mathematikunterricht in der Grundschule zu erinnern, wenn man Dyes Argument verstehen will. Entscheidend ist der Unterschied der beiden Grundrechenarten Addition und Multiplikation: Kommen Kranke über offene Grenzen in ein Land, dann steigt dadurch natürlicherweise die Zahl der Fälle dort. Es findet eine Addition statt. Doch viel stärker ins Gewicht falle eine gleichzeitig stattfindende Multiplikation, sagt der Experte: Halte sich die Bevölkerung des Landes nicht an die Maßnahmen zur Senkung der sozialen Kontakte, kann jeder Erkrankte mehrere Menschen neu infizieren.

Aus diesen Fällen entstehen wieder Fälle und so weiter. Immer wieder, bis irgendwann die Zahl der Menschen steigt, die nach einer Erkrankung zumindest für eine Zeit immun sind. Beim Coronavirus SARS-CoV-2 liegt die Zahl der bis dahin gesunden Menschen, die ein Infizierter ansteckt, derzeit aus Sicht von Experten irgendwo zwischen zwei und drei. "Wir müssen den Multiplikationsprozess stoppen", sagt Dye. "Der Additionsprozess hat kaum Einfluss - und ihn zu begrenzen, bringt hohe soziale Kosten."

Später in der Epidemie kann es sinnvoll sein, die Grenzen zu schließen

Dass sich Europas Länder abschotten, dass sie im Angesicht der Krise bisher kaum zusammen und scheinbar eher neben- und gegeneinander agieren, das ist ein fatales Bild. Dye hofft, so sagt er, dass sich die Staatschefs bald zusammenraufen. Auch das wäre ein wichtiges Signal – und das wohl angemessenere im Moment. Die Schlagbäume seien es nicht.

"Wenn sich der Erreger in der Bevölkerung verbreitet, machen ein paar importierte Infektionen wenig Unterschied", bestätigt auch der Modellierer Stefan Flasche von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Später in der Epidemie, da sind sich viele Experten aber einig, könnten Grenzschließungen durchaus sinnvoll sein - und zwar dann, wenn es gelungen ist, den Ausbruch der Krankheit so weit in den Griff zu bekommen, dass die Fallzahlen wieder sinken. Dann gilt es, einen Re-Import von Fällen aus anderen Ländern zu vermeiden.

In China ist das aktuell wohl so. Doch die Länder Europas sind noch lange, lange nicht so weit.