Osterurlaub und Corona "Eine Pandemie kennt keine Feiertage"

Epidemiologen haben einen Simulator entwickelt, um das Risiko von Reisen in der Coronakrise zu berechnen. Was genau würde passieren, wenn viele Menschen über Ostern ihre Familien besuchen?
Seebrücke im Ostseebad Zinnowitz auf der Insel Usedom

Seebrücke im Ostseebad Zinnowitz auf der Insel Usedom

Foto: Stefan Sauer/ dpa

Darf man die Familie über Ostern besuchen oder nicht? Die Vorgaben der einzelnen Bundesländer für Familienbesuche erscheinen verwirrend. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Eigentlich ist das Bundesland wegen der Coronakrise für Privatreisende aus anderen Regionen Deutschlands tabu, selbst Tagesausflüge sind verboten.

Familienbesuche sind allerdings dann gestattet, wenn es die Kernfamilie betrifft. Laut Ministerpräsidentin Manuela Schwesig zählen dazu Kinder, Eltern, Großeltern. Demnach könnten Kinder, die in Hamburg leben, ihre Eltern in Mecklenburg-Vorpommern besuchen. (Welche Regeln in den einzelnen Ländern gelten, lesen Sie hier.)

Doch auch wenn es in bestimmten Regionen erlaubt ist, über Ostern die Familie zu besuchen, die Zahl der neuen Corona-Infektionen zuletzt weniger rasant gestiegen ist und einige Länder wie Österreich die Maßnahmen nach Ostern allmählich zurückfahren wollen: Noch ist es zu früh, von einer Entspannung auszugehen. Bei der Eindämmung der Epidemie kommt es auf jeden Einzelnen an; unüberlegte Familienbesuche erhöhen das Risiko für eine Infektion, wenn auch ungewollt.

"Tragen Sie nicht das Virus unbewusst in Ihre Familie"

So mahnt auch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern: "Wir raten in Zeiten einer Pandemie von Familienbesuchen dringend ab. Gefährden Sie nicht Ihre Liebsten und tragen Sie nicht das Virus unbewusst in Ihre Familie." Ministerpräsidentin Schwesig geht mit gutem Beispiel voran: Der Osterbesuch bei ihren Eltern in Brandenburg fällt aus, kündigte die SPD-Politikerin an.

Welche unbeabsichtigten Folgen der Familienbesuch eines Einzelnen potenziell haben kann, zeigt ein Simulator , den Epidemiologen gemeinsam mit Gesundheitsbehörden in Baden-Württemberg entwickelt haben.

Das Szenario in der Beispielrechnung:

  • Ein Einzelner trägt das Virus in eine Population mit 83 Millionen Menschen, was in etwa der Einwohnerzahl Deutschlands entspricht.

  • Im Fall des Coronavirus steckt ein Infizierter nach derzeitigem Wissensstand etwa drei weitere Menschen an.

  • In dem Fall verläuft die Infektionskurve zunächst flach, wächst aber exponentiell. Nach 15 Tagen hätten sich laut Simulation sechs Menschen infiziert, nach 45 Tagen 359 und nach 60 Tagen 2585.

Bei der Berechnung handelt es sich um ein grobes Modell, das die Wirklichkeit nur mit Ungenauigkeiten abbilden kann. Wie weit sich das Coronavirus durch einen Osterbesuch verbreitet, hängt beispielsweise davon ab, ob die Familie in den darauffolgenden Wochen den Kontakt zu anderen Menschen meidet.

Die Modellrechnung zeigt jedoch, dass gerade zu Beginn einer Pandemie - und mehrere Experten gehen davon aus, dass sich Deutschland noch in dieser Phase befindet - Einzelne die Ausbreitung des Virus ungewollt massiv beschleunigen können. Im Tiroler Skiort Ischgl gilt beispielsweise ein Barkeeper als Superspreader .

Osterbesuche bei der Familie könnten eine ähnliche Kaskade von Infektionen lostreten wie Karnevalsfeiern, Skiurlaube und Fußballspiele vor Publikum. Besonders, wenn nach den Feiertagen die Vorgaben schrittweise gelockert und beispielsweise Kindergärten oder Geschäfte wieder öffnen sollten und dadurch mehr Menschen Kontakt zueinander hätten.

Die Modellrechnung legt zudem nahe, dass sich die Auswirkungen der Osterbesuche wahrscheinlich erst schleichend bemerkbar machen und erst Wochen später ihren Höhepunkt erreichen würden. In diesem Fall müsste der Shutdown deutlich länger durchgehalten werden, womöglich fiele bei vielen der Sommerurlaub aus. Im schlimmsten Fall könnten steigende Fallzahlen die Kapazitäten der Krankenhäuser überfordern. Ärzte müssten dann entscheiden, wer beatmet wird - und wer nicht.

Wie wirksam Distanzhalten ist, zeigt auch die Simulation. Wenn jeder über zwei Wochen hinweg den Kontakt zu anderen um 80 Prozent reduziert, traten in der Modellrechnung sechsmal weniger Infektionen auf. Wenn die Beschränkungen während des kompletten Untersuchungszeitraums von 60 Tagen eingehalten wurden, ließ sich ein Ausbreiten der Epidemie sogar komplett verhindern. Auch deshalb empfehlen Epidemiologen monatelange Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

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In der Realität zeigen die Maßnahmen zur Kontaktreduzierung laut Robert Koch-Institut (RKI) bereits deutliche Wirkung. So steckt in Deutschland jeder Infizierte laut den verfügbaren Daten nur noch einen anderen Menschen an. Sinkt diese Zahl über einen längeren Zeitraum unter eins, spräche das dafür, dass sich die Epidemie nicht weiter ausbreitet und die Maßnahmen schrittweise gelockert werden könnten.

"Wir alle werden eine ganz andere Osterzeit erleben"

Wann es zu Lockerungen kommt, steht noch nicht fest. Die aktuellen Regelungen gelten noch mindestens bis zum 19. April, dem Sonntag nach den Osterfeiertagen. Am Dienstag nach Ostern wollen Bund und Länder das weitere Vorgehen beraten. Dass danach alles wieder geöffnet wird, ist unwahrscheinlich. Mögliche Lockerungen hängen auch davon ab, ob die geltenden Vorgaben während der Feiertage eingehalten werden.

Wie der Ausstieg aussehen könnte, zeigt aktuell Österreich: Kleinere Läden sollen dort bereits nach Ostern öffnen dürfen, größere Geschäfte ab dem ersten Mai folgen. Schulen, Hotels und Restaurants bleiben dagegen noch mindestens bis Mitte Mai geschlossen. Größere Veranstaltungen sind bis Ende Juni abgesagt.

"Wir alle werden eine ganz andere Osterzeit erleben als je zuvor", sagte Angela Merkel jüngst in einer Ansprache und appellierte nachdrücklich an alle, zu Hause zu bleiben. "Eine Pandemie", so die Kanzlerin, "kennt keine Feiertage."