Schutz vor Coronavirus Wie viel Abstand ist genug?

Großbritannien erwägt, den Corona-Sicherheitsabstand von zwei Metern zu reduzieren. Dagegen regt sich Protest. Doch wie weit sollte die Distanz sein?
Abstandsregeln am Strand: Sind drei Meter am sichersten?

Abstandsregeln am Strand: Sind drei Meter am sichersten?

Foto: Christopher Neundorf/ Kirchner-Media/ imago images

Ein Meter, anderthalb Meter oder doch besser zwei Meter? Für die Eindämmung der Corona-Pandemie gelten in jedem Land unterschiedliche Abstandsregeln. Besonders streng ist Großbritannien. Dort sollen sich Menschen, wann immer es geht, mindestens zwei Meter voneinander fernhalten.

Kritiker halten die Vorgabe jedoch für zu straff. Gerade Gastronomen hätten Schwierigkeiten, sie umzusetzen. Das zeigt sich beispielsweise bei Pubs: Selbst wenn diese demnächst wieder aufmachen dürften, könnten nur etwa 20 bis 30 Prozent der Bars die Abstandsregeln einhalten, warnt die British Beer and Pub Association. Müssen Besucher dagegen nur einen Meter Abstand halten, könnten 70 Prozent der Pubs wieder öffnen.

Die Befürworter der Lockerung berufen sich unter anderem auf eine Studie, die kürzlich im Fachblatt "Lancet"  erschienen ist und laut der das Infektionsrisiko nur minimal steigt, wenn die Menschen statt zwei Metern nur einen Meter Abstand halten.

Die Argumentation hat jedoch mehrere Haken. Noch kann niemand genau sagen, wie viel Abstand ausreicht, um eine Infektion mit dem Coronavirus wirksam zu verhindern. Dafür müsste beispielsweise geklärt sein, welche Rolle virenbelastete Schwebeteilchen in der Luft, sogenannte Aerosole, bei der Ausbreitung spielen, die möglicherweise sogar über Stunden infektiös bleiben können.

Die "Lancet"-Studie ist eine der bisher umfangreichsten Analysen über die Wirksamkeit von Abstandsregeln. Das Forschungsteam hat im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 200 Untersuchungen zusammengetragen, die sich mit dem Infektionsrisiko beschäftigen. Solche Metaanalysen gelten als besonders zuverlässig, weil sie Ergebnisse mehrerer Studien zusammenfassen und dadurch auf höheren Fallzahlen beruhen und gleichzeitig Widersprüche in den Studienergebnissen aufdecken können.

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Argument für Lockerung beruht auf einer Tabelle

Allerdings beschäftigten sich nicht alle der berücksichtigten Studien mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2, sondern auch mit den eng verwandten Erregern Sars und Mers. Forscher gehen davon aus, dass sie sich ähnlich verbreiten wie das neuartige Coronavirus. Zudem handelte es sich in vielen Fällen nicht um groß angelegte Studien, entsprechend vorsichtig müssen die Ergebnisse interpretiert werden.

Die Befürworter lockerer Abstandsregeln berufen sich trotzdem vor allem auf eine Abbildung der "Lancet"-Studie, genauer Abbildung 3B. Demnach liegt das Risiko, sich anzustecken, bei einem Abstand von mindestens zwei Metern bei 1,3 Prozent, bei einem Abstand von mindestens einem Meter bei 2,6 Prozent. Zum Vergleich: Gelten keine Abstandsregeln, beträgt das Infektionsrisiko etwa 13 Prozent.

Doch genau an dieser Auswertung regt sich nun Kritik. So seien die Forscher in ihrer Studie pauschal davon ausgegangen, dass sich das Infektionsrisiko mit jedem zusätzlichen Meter Abstand halbiert, kritisiert der renommierte Statistikprofessor David Spiegelhalter von der Cambridge University im "Guardian" . Es sei zwar davon auszugehen, dass ein Abstand von mindestens zwei Metern sicherer ist, aber wie viel sicherer, lässt sich anhand der Daten nicht sagen. "Ich hoffe, niemand nimmt die Ergebnisse in Abbildung 3B zu ernst", schreibt Spiegelhalter bei Twitter.

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Zudem entscheidet nicht nur der Abstand, ob sich jemand ansteckt oder nicht, sondern wahrscheinlich auch, mit wie vielen Viren jemand in Kontakt kommt und wie viel Zeit er mit einem Infizierten verbringt.

Tatsächlich hatten auch die Autoren der "Lancet"-Studie nie behauptet, dass eine Ein-Meter-Regel ausreichend ist. Sie waren lediglich zu dem Schluss gekommen, dass das Infektionsrisiko ab diesem Abstand statistisch signifikant sinkt - am sichersten sind wahrscheinlich sogar drei Meter. Müssten die Abstandsregeln also sogar verschärft werden?

Es ist Aufgabe der Länder, zwischen Infektionsschutz und sozialer sowie wirtschaftlicher Verträglichkeit abzuwägen. So gilt in Deutschland beispielsweise meist die 1,5-Meter-Regel, in Frankreich sind die Menschen angehalten, mindestens einen Meter Abstand zu halten.

Doch auch wenn sich noch nicht wissenschaftlich genau beziffern lässt, wie viel Abstandhalten den größten Vorteil bringt, sind sich Forscher weitgehend einig: Solange es keine Impfung gibt, ist körperliche Distanz der zuverlässigste Infektionsschutz, noch vor Masken.

koe
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