Mögliche Frühsymptome Ärzte berichten von Geruchsverlust bei Covid-19-Infektion

Offenbar leiden Corona-Infizierte oft unter Geruchsverlust. Doch solange die Riechstörungen nicht offiziell als Symptom aufgeführt sind, werden die Betroffenen nicht getestet.
Der Verlust des Geruchssinns scheint ein bisher unerwähntes Symptom von Covid-19 zu sein

Der Verlust des Geruchssinns scheint ein bisher unerwähntes Symptom von Covid-19 zu sein

Foto: Christian Charisius/ dpa

Wer sich morgens einen frischen Kaffee brüht, erschnuppert meist schon vor dem ersten Schluck den kräftigen Duft, der durch die Wohnung zieht. Gelegentlich gepaart mit dem Geruch von knusprigen Aufbackbrötchen aus dem Ofen. Sie haben heute morgen nichts gerochen? Das muss kein Zeichen dafür sein, dass Sie sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben - aber nach neuen Erkenntnissen könnte es eines sein.

Das Robert Koch-Institut (RKI) führt den Verlust von Geruchs- oder Geschmackssinn bisher nicht in seiner Liste mit Symptomen  auf, aber es mehren sich die Berichte von Ärzten und Wissenschaftlern, die bei einigen Patienten mit Covid-19 auch eine Riechstörung festgestellt haben.

Bereits im März schrieb die britische Gesellschaft der HNO-Ärzte, ENT UK, in einem Statement : "Es gibt gute Beweise dafür, dass eine signifikante Anzahl von Covid-19-Patienten in Südkorea, China und Italien eine Anosmie oder eine Hyposmie entwickelt haben." Die britischen Ärzte riefen dazu auf, dass sich Menschen, die einen Geruchsverlust bei sich bemerkten, freiwillig in Quarantäne begeben sollten.

Eine Anosmie bezeichnet den kompletten Verlust des Geruchssinns, Hyposmie ein vermindertes Geruchsvermögen. Beides geht in der Regel mit Störungen des Geschmackssinns einher. Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der rund hundert der milderen Fälle in der besonders betroffenen Region Heinsberg in Nordrhein-Westfalen untersucht hat, berichtete von solchen Symptomen . Ihm zufolge hätten rund zwei Drittel der Infizierten einen mehrtägigen Geruchs- und Geschmacksverlust beschrieben.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

"Bislang gibt es noch keine repräsentativen Studien dazu, aber diese Symptome sind uns auch bekannt", sagt der Generalsekretär der Deutschen HNO-Gesellschaft, Thomas Deitmer. "Wir empfehlen daher HNO-Ärzten, bei Patienten, die mit Riechstörungen zu ihnen kommen, auch Covid-19 in Betracht zu ziehen."

Der Geruchssinn ließe sich nicht so leicht überprüfen wie etwa Fieber oder Husten. Daher könnte das Symptom bisher unerwähnt geblieben sein. "Eine richtige Riechprüfung ist sehr aufwendig", so Deitmer. "Es ist klar, dass man sich, wenn ein Covid-19-Patient in die Notaufnahme kommt, nicht vordringlich um seine Riechstörung kümmern kann."

Auch bei Grippe häufig Geruchsverlust

Der Verlust von Geruchs- oder Geschmackssinn bei Viruserkrankungen ist kein unbekanntes Phänomen. Auch bei der Influenza kann es zu einer sogenannten postviralen Grippeanosmie kommen: dem andauernden Verlust des Geruchssinns nach einer Grippeinfektion.

"Das liegt nicht etwa daran, dass die Nase zuschwillt, weil man einen Schnupfen hat", sagt Deitmer. "Vielmehr befallen die Viren direkt die Riechrezeptoren in der Nase und deaktivieren sie." Häufig sei dadurch auch der Geschmackssinn beeinträchtigt. "Das liegt daran, dass wir nur süß, sauer, salzig und bitter schmecken können - der Rest läuft über den Geruchssinn", so Deitmer. "Daher verwechseln viele auch den Geruchs- und den Geschmackssinn."

Auch dem stellvertretenden Direktor der HNO-Klinik in Münster, Achim Beule, sind schon Covid-19-Patienten begegnet, die unter einem Geruchsverlust litten. "Bei Covid-19 scheint es eine recht ausgeprägte Form der Einschränkung zu sein", sagt er. "Wir wissen nicht, in welchem Krankheitsstadium das auftritt. Aber es deutet vieles darauf hin, dass es sich um ein Frühsymptom handelt." Wer einen Geruchsverlust bei sich bemerke, solle daher telefonisch Kontakt zum Hausarzt oder zu einem HNO-Arzt aufnehmen.

Ein Geruchsverlust ist unter Umständen therapierbar: "Bei postviralen Riechstörungen setzen wir beispielsweise ein Cortison-Nasenspray ein, das wäre vielleicht auch bei Covid-19-Patienten denkbar", sagt Beule. "Oder ein Riechtraining: Da muss man dann zweimal am Tag an vier verschiedenen Stoffen riechen." Da Cortison die Immunabwehr schwächt, ist jedoch nach aktuellem Kenntnisstand nicht sicher, ob eine Cortison-Behandlung zu empfehlen ist (lesen Sie hier, warum Allergiker keine Bedenken haben müssen, ihre Medikamente weiterhin einzunehmen).

"Bei Covid-19-Patienten tritt der Geruchsverlust allem Anschein nach häufiger auf als bei der Grippe", sagt Beule. Ob die Anosmie dauerhaft bestehe, könne man erst sagen, wenn entsprechende Studien oder Befragungen von Genesenen durchgeführt worden seien. "Ich kenne Patienten, bei denen sich das im Rahmen der Abheilung dann auch wieder erholt hat", so Beule. Das deckt sich auch mit den Aussagen Streecks, der die Patienten in Heinsberg befragt hat und lediglich von einer vorübergehenden Sinneseinschränkung berichtete.

Keine Symptome - kein Test

Der britischen HNO-Gesellschaft ENT UK zufolge wurde in Südkorea bei rund 30 Prozent der positiv getesteten Patienten mit sonst milden oder asymptomatischen Krankheitsverläufen eine Riechstörung als eines der Hauptsymptome bemerkt.

Auch aus China, Frankreich und Italien gibt es dem Schreiben zufolge Berichte über eine hohe Anzahl an Patienten, die eine Anosmie im Zusammenhang mit Covid-19 entwickelt hätten.

Der US-amerikanische Berufsverband der HNO-Ärzte (AAO-HNS) berichtet  ebenfalls, dass ein Geruchsverlust bei sonst symptomlosen Sars-CoV-2-Positiven beobachtet worden sei. Die US-Mediziner fordern, eine plötzlich auftretende Riechstörung auf die Liste der Covid-19-Symptome zu setzen, um solche Fälle testen zu können.

Iranische Wissenschaftler befragten in einer vorveröffentlichten und noch nicht gegengeprüften Studie  mehr als 10.000 Iraner nach ihrem Geruchssinn. Rund 76 Prozent der Befragten berichteten von einem plötzlichen Geruchsverlust innerhalb der Zeit des Covid-19-Ausbruchs.

Den aktuellen RKI-Empfehlungen zufolge  werden nur Patienten auf Sars-CoV-2 getestet, die respiratorische Symptome zeigen - Beeinträchtigungen des Geruchssinns gehören nicht dazu. Patienten, die mit Riechstörungen einen Arzt aufsuchten, könnten jedoch unbemerkte Überträger der Krankheit sein, schreibt ENT UK. "Leider entsprechen diese Patienten nicht den Testkriterien oder den Empfehlungen für eine häusliche Isolation", heißt es in dem Schreiben. So könnte sich das Virus weiter unbemerkt verbreiten.

Dem RKI sind die Berichte über die neuartigen Symptome bekannt. Auf Nachfrage des SPIEGEL sagte eine Sprecherin, dass man dies aktuell prüfe. Das könne aber noch eine Weile dauern.

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