Shutdown-Diskussion Anästhesisten distanzieren sich vom Positionspapier der KBV

Gebote statt Verbote – und kein Shutdown: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat mit einem Positionspapier für Diskussionen gesorgt. Jetzt hat sich ein Ärzteverband deutlich distanziert.
Patient in einer Klinik (Symbolbild)

Patient in einer Klinik (Symbolbild)

Foto: Panthermedia / imago images

Kurz vor Verkündung eines weiteren Shutdowns hatte die Kassenärztliche Vereinigung (KBV) am Mittwoch ein "Positionspapier  von Wissenschaft und Ärzteschaft zur Strategieanpassung im Umgang mit der Pandemie" veröffentlicht. In der Pressekonferenz, in der das Papier vorgestellt wurde, sagte KBV-Chef Andreas Gassen: "Eine pauschale Lockdownregelung ist weder zielführend noch umsetzbar".

Die Stellungnahme wurde von der KBV gemeinsam mit den Virologen Hendrik Streeck und Jonaas Schmidt-Chanasit erstellt. Zahlreiche Ärzteverbände werden als Unterstützer gelistet, darunter der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Bundespsychotherapeutenkammer, der Hausärzteverband und der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, der 29 Verbände vertritt.

Einer der vom Spitzenverband vertretenen Facharztverbände hat sich nun allerdings von dem Papier distanziert: Der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) kritisierte am Donnerstag die Aussage der KBV, laut der ein Lockdown in Teilen nicht das richtige Mittel gegen die Corona-Pandemie sei.

BDA-Präsident Götz Geldner, sagt laut einer Mitteilung  des Verbands, dass es zu einer deutlichen Einschränkung von Kontakten und damit der Ausbreitungsmöglichkeit der Infektion derzeit keine Alternative gebe. Alle anderen Schritte seien bislang nicht genügend wirksam gewesen. Viel stärker als im Frühjahr gehe es jetzt darum, einen Kollaps der gesamten Intensivmedizin in Deutschland vermeiden – was viele Tote bedeuten würde: "Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen", so Geldner.

Shutdown sinnvoll und verhältnismäßig

Der BDA hat laut Eigenangabe mehr als 20.000 Mitglieder, die "derzeit in der Pandemie in der Intensivmedizin an vorderster Front arbeiten", heißt es in der Mitteilung. Der Verband unterstütze das Positionspapier der KBV nicht und habe im Vorfeld auch keine Kenntnis über das Papier gehabt. Die Schwestergesellschaft des BDA, die "Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin" (DGAI) teile diese Auffassung.

Auch der Berufsverband Deutscher Rheumatologen hat sich distanziert. "Wir möchten ausdrücklich klarstellen, dass wir weder dieses Positionspapier unterstützen noch einer Aufführung unseres Verbands zugestimmt haben. Da der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands das Positionspapier offenbar befürwortet, wurden sämtliche im Spifa organisierten Verbände namentlich aufgeführt - so auch der BDRh. Dies war nicht abgestimmt", heißt es in einer Mitteilung  vom Donnerstag. Derartige Taschenspielertricks um einen breiten Rückhalt in der Ärzteschaft vorzutäuschen, seien nicht akzeptabel.

Zusätzlich bezeichneten Intensivmediziner auf einer Pressekonferenz am Donnerstag den beschlossenen Shutdown als sinnvoll und verhältnismäßig. Noch sei die Lage auf den deutschen Intensivstationen kontrollierbar, sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Deutschland verfüge über ein hervorragendes Gesundheitssystem und im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wesentlich größere Kapazitäten. Doch in wenigen Wochen könnte sich das bei einem weiteren exponentiellen Wachstum der Neuinfektionen dramatisch ändern. Die Divi hatte das Positionspapier der KBV nicht unterzeichnet.

Anmerkung der Redaktion: Die Distanzierung des Berufsverband Deutscher Rheumatologen wurde nachträglich ergänzt.

wbr
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