Angeblicher Erfolg aus China Das Hoffnungsspiel mit den Antikörperstudien

Immer wieder machen Erfolgsmeldungen zu Antikörpern die Runde, die das neue Coronavirus ausschalten. Einer soll sogar die "Pandemie stoppen". Doch daran bestehen erhebliche Zweifel.
Antikörper heften sich an die Oberfläche des Virus und verhindern so, dass es in den Körper eindringt

Antikörper heften sich an die Oberfläche des Virus und verhindern so, dass es in den Körper eindringt

Foto: Christoph Burgstedt/ Science Photo Library/ Getty Images

Dinge, die zu schön klingen, um wahr zu sein, sind es oft auch. Meldungen zur Coronakrise bilden da keine Ausnahme. So wurde nun bekannt, dass chinesische Wissenschaftler aus dem Blut von ehemaligen Sars-Cov-2-Infizierten Antikörper isoliert haben, die das neue Coronavirus ausschalten können.

In infizierten Mäusen ließ sich mit einem der Antikörper die Viruslast des neuen Erregers deutlich senken. Gesunde Mäuse waren zudem vor einer Infektion geschützt, schreiben Forscher im Fachmagazin "Cell" .

Die Nachrichtenagentur AFP veröffentlichte auf Basis der Studie am Dienstag eine Meldung mit dem Titel: "Chinesische Wissenschaftler arbeiten an vielversprechendem Corona-Medikament". Zahlreiche Medien griffen diese auf, "n-tv.de"  und die Website der österreichischen überregionalen Tageszeitung "oe24"  vermeldeten gar im Titel, das Medikament, an dem gerade gearbeitet werde, könne die Pandemie stoppen.

Doch ob sich die Ergebnisse aus den Mäusetests im Menschen bestätigen werden, lässt sich noch nicht sagen. Auch, inwiefern ein solches Mittel für die breite Anwendung oder gar als entscheidendes Instrument gegen die Ausbreitung des Virus taugen würde, ist fraglich.

Bereits zig Antikörper isoliert

Noch gibt es das angepriesene Medikament nicht. In der Studie berichten die Forscher um Sunney Xie von der Universität Peking zunächst davon, dass sie das Blut von 60 ehemals Infizierten auf hochpotente, neutralisierende Antikörper gegen das neue Coronavirus untersucht haben.

In den Proben von 14 Personen fanden sie vielversprechende Antkörperkandidaten, von denen sich schließlich einer als besonders geeignet für weitere Prüfungen herausstellte. Diesen testeten die Forscher in Mäusen.

Der Antikörper konnte die Viruslast der Tiere um den Faktor 2400 zurückdrängen. Ob das im Menschen genauso funktioniert und welche Nebenwirkungen es gibt, wollen die Wissenschaftler nun untersuchen. Sie bereiten erste klinische Tests vor.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Antikörper sind ein natürlicher Bestandteil der menschlichen Immunabwehr. Sie entstehen während und nach einer Infektion mit einem Erreger oder wenn der Körper durch eine Impfung zur Bildung angeregt wird. Antikörper erkennen den Erreger, gegen den sie gebildet wurden, wieder und verhindern, dass dieser erneut in Körperzellen eindringt und diese infiziert.

Auch die derzeit immer wieder diskutierte Plasma-Therapie macht sich das zunutze. Dabei wird Covid-19-Patienten Blutserum eines ehemals Infizierten injiziert, das die Antikörper gegen das Virus enthält. Die Prozedur ist allerdings aufwendig und nicht ohne Risiken.

Forscher versuchen deshalb, gezielt Antikörper zu isolieren und zur Therapie einzusetzen. Die Wissenschaftler aus China sind da längst nicht die Einzigen.

Erst am Dienstag berichtete ein anderes Team um David Veesler von der University of Washington im Fachmagazin "Nature"  von der Arbeit mit einem Corona-Antikörper. Dieser wurde aus einem Patienten gewonnen, der bei der Pandemie mit dem ersten Sars-Virus 2002/2003 erkrankt war. Ob er das neue Coronavirus im lebenden Organismus ausschaltet, ist allerdings noch unklar.

Kürzlich gab es zudem Spekulationen darüber, ob Antikörper aus Lamas möglicherweise dabei helfen könnten, Covid-19 zu bekämpfen. Auch "DER SPIEGEL" berichtete.  

Niederländische Forscher arbeiten ebenfalls an Antikörpern, die zunächst im Zusammenhang mit dem ersten Sars-Virus entwickelt wurden. Sie können das neue Coronavirus im Labor bekämpfen (Studie im Fachmagazin "Nature Communications" hier).  Im Menschen wurden sie noch nicht getestet.

Spektakulär erschien zunächst auch eine Meldung aus Israel, nach der Forscher einer geheimen Einheit, die Premierminister Benjamin Netanyahu unterstellt ist, ebenfalls einen vielversprechenden Antikörper entdeckt haben. Eine Studie dazu gibt es allerdings nicht. Wie weit die Tests sind, ist unklar (mehr dazu lesen Sie hier).

Zeitaufwendige Entwicklung

All das sind spannende Forschungsansätze. Wenn es gelingt, mithilfe von Antikörpern ein oder mehrere Medikamente zu entwickeln, könnte dieses die Therapie von Patienten tatsächlich erleichtern und die Zeit überbrücken, bis es einen Impfstoff gibt (mehr zur Impfstoffentwicklung lesen Sie hier).

Allerdings heißt es in einer Mitteilung zur Studie  aus China auch: "Es ist oft zeitaufwendig, neutralisierende Antikörper zu entwickeln, die für die klinische Verwendung geeignet sind. Das kann Monate oder sogar Jahre dauern."

So wurden beispielsweise auch im Zusammenhang mit Ebola und dem Mers-Coronavirus Antikörpertherapien entwickelt, die in ersten Tests positive Ergebnisse erzielten. Eine Standardtherapie ist daraus aber bislang nicht entstanden.

Keine geeigneten Mittel, um die Pandemie zu stoppen

Gelänge es Forschern nun, ein sicheres und wirksames Antikörpermedikament auf den Markt zu bringen, wäre das ein wertvolles Werkzeug für die Therapie von Covid-19-Patienten. Derzeit müssen diese bei schweren Verläufen lange Zeit unter Narkose künstlich beatmet werden. Das erhöht das Risiko für zusätzliche bakterielle Infektionen und Organschäden, etwa an der Niere.

Eine Impfung könnte ein solches Mittel aber nicht ersetzen. Als Pandemie-Stopper ist es ungeeignet.

So konnten sich gesunde Mäuse, denen der Antikörper gespritzt wurde, in der chinesischen Studie zwar nicht anstecken. Doch der Effekt ist im Gegensatz zu einer Impfung nur vorübergehend.

Um einen dauerhaften Schutz zu gewähren, müsste eine Antikörper-Arznei in regelmäßigen Abständen immer wieder injiziert werden. Für die breite, gesellschaftliche Anwendung ähnlich einer Impfung wird sich das kaum durchsetzen.