Coronavirus Rätsel um die Kleinsten

Eltern sind mit ihren Nerven am Ende und fordern, Kitas, Kindergärten und Grundschulen endlich wieder zu öffnen. Doch welche Rolle spielen Kinder in der Corona-Pandemie eigentlich?
Kleinkind zu Hause: Für Eltern ist Homeoffice oft eine harte Zerreißprobe

Kleinkind zu Hause: Für Eltern ist Homeoffice oft eine harte Zerreißprobe

Foto:

Tom Werner/ Getty Images

Das Coronavirus hat nicht nur den Alltag vieler Menschen auf den Kopf gestellt, sondern auch das Familienleben auf eine harte Probe. Wenn beide Eltern arbeiten müssen, kommen manchmal nur noch Fernseher oder Smartphone als Betreuungsersatz infrage.

Den gewohnten Alltag und soziale Kontakte außerhalb der Familie können sie nicht ersetzten. Mancher sieht gar das Kindeswohl gefährdet, wenn der Nachwuchs über Monate keinen sozialen Austausch mit Gleichaltrigen pflegen kann.

Deshalb wird nun diskutiert, auch Kindern wieder etwas mehr Freiraum zu verschaffen. In den zuletzt besonders stark von der Corona-Pandemie betroffenen Ländern Italien und Spanien gibt es erste Lockerungen, oder sie sind zumindest geplant. Allerdings waren die Einschränkungen dort auch noch größer als in Deutschland.

In Spanien dürfen Kinder unter 14 Jahren etwa seit Sonntag überhaupt erst wieder für eine Stunde pro Tag mit einem Elternteil vor die Tür gehen. In Italien sollen Kinder ab dem 4. Mai wieder in Parks spielen dürfen.

In Deutschland diskutierten die Kultusminister am Montag, inwiefern der Schulbetrieb in den unterschiedlichen Jahrgangsstufen wieder anlaufen könnte (einen Überblick möglicher Szenarien lesen Sie hier). Bislang sind vor allem Abiturienten und Schüler, die vor dem mittleren Schulabschluss stehen, für Prüfungen kurzzeitig an die Schulen zurückgekehrt. Kitas und Kindergärten bleiben allerdings vorerst weiter geschlossen.

"So langsam nicht mehr erträglich"

Dass Politiker und Experten bei dem Thema zurückhaltend sind, dürfte auch damit zusammenhängen, dass noch immer kaum etwas darüber bekannt ist, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des neuen Coronavirus spielen (einen weiteren Artikel dazu lesen Sie hier).

Christian Drosten von der Charité in Berlin, der das Virus der ersten Sars-Pandemie 2002/2003 entdeckt hat, beschrieb die Situation in einem Interview mit dem ORF  zuletzt als "so langsam nicht mehr erträglich". Es müssten dringend valide Daten her.

Das Problem sei, dass diese am besten bei den Gesundheitsämtern erfasst werden könnten. Dort ließe sich nachverfolgen, ob sich die Kinder von nachweislich Infizierten ebenfalls angesteckt hätten - oder umgekehrt. Allerdings seien die Gesundheitsämter zu überlastet, um nebenbei Studien durchzuführen. Drosten rechnet daher erst in zwei bis drei Wochen mit aussagekräftigen Informationen für Deutschland.

Baden-Württemberg hat nun mehrere Unikliniken beauftragt, Corona-Infektionen bei Kindern unter zehn Jahren zu untersuchen. 2000 Eltern-Kind-Paare sollen unter Federführung der Uniklinik Heidelberg auf eine Infektion und Antikörper getestet werden. So wollen die Forscher unter anderem prüfen, ob sich Kinder so leicht infizieren wie Erwachsene. Bislang ist die Datenlage dazu widersprüchlich.

Stecken sich Kinder seltener an als Erwachsene?

Im ungünstigsten Fall könnten Kinder maßgeblich zur Ausbreitung des Virus beitragen, wenn Kitas und Grundschulen wieder geöffnet werden. Im besten Fall stecken sie sich und andere kaum an. Dann würden sie nur eine geringe Rolle bei der Ausbreitung der Pandemie spielen. Womöglich liegt die Wahrheit auch irgendwo dazwischen.

Die Testverfahren für Sars-CoV-2

PCR-Test

Mit einem PCR-Test (Polymerase Kettenreaktion) kann eine aktive Infektion nachgewiesen werden: Ein positiver Test sagt also aus, dass ein Patient gerade mit Sars-CoV-2 infiziert ist. Zum Nachweis des Virus werden mit einem Abstrichtupfer respiratorische Sekrete aus der Nasen- und Rachenschleimhaut entnommen, wo das Virus repliziert. Im Labor wird ein DNA-Strang vervielfältigt, um das Erbgut des Virus - falls es vorhanden ist - nachweisen zu können.

Ein negativer PCR-Test kann eine Infektion jedoch nicht vollständig ausschließen, denn verschiedene Einflussfaktoren können das Testergebnis beeinflussen: etwa eine schlechte Probenqualität, ein ungünstiger Zeitpunkt der Probenentnahme oder ein unsachgemäßer Transport.

Antikörpertest

Im Gegensatz zum PCR-Test können Antikörpertests nicht nachweisen, ob eine Person gerade das Coronavirus hat. Sie können erst nach frühestens einer Woche testen, ob ein Mensch bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet hat. Dieses Testverfahren kommt also erst zum Einsatz, wenn ein Patient die Erkrankung bereits überwunden hat.

Im Labor wird dazu das Blutserum eines Patienten auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet. Sind Antikörper vorhanden, ist davon auszugehen, dass der Patient das Virus hatte - selbst wenn dieser keine Symptome verspürt hat.

Die Qualität der Antikörpertests ist nicht perfekt. Im Optimalfall muss ein weiterer Test durchgeführt werden, um das Ergebnis zu validieren.

Für den ungünstigeren Fall spricht eine Studie aus China  aus dem März 2020. Forscher haben darin untersucht, wie häufig sich Kinder im Vergleich zu Erwachsenen bei einem bereits Infizierten angesteckt haben.

Die Wissenschaftler testen dazu die Kontaktpersonen von 391 Corona-Infizierten auf das Virus. Insgesamt waren das 1286 Menschen. Sieben bis acht Prozent der Kontakte haben sich demnach infiziert. Kinder unter zehn Jahren erwischte das Virus genauso häufig wie Erwachsene.

Allerdings gibt es auch anderslautende Studien: Eine kleinere Untersuchung  mit 105 anfänglich Infizierten in China und deren insgesamt 392 Kontaktpersonen im eigenen Haushalt kam zu dem Schluss, dass sich Minderjährige zwar infizieren, aber nicht so leicht wie Erwachsene.

Vier Prozent der unter 18-jährigen Kontaktpersonen steckten sich demnach an. Bei den Erwachsenen lag die Rate bei gut 17 Prozent.

Zu einem noch mal anderen Ergebnis kommt eine Untersuchung aus Island. In dem Inselstaat blieben Schulen und Kindergärten trotz des Corona-Ausbruchs weitgehend geöffnet. Für eine Studie wurden Mitte März bis Anfang April 848 Kinder unter zehn Jahren auf eine Corona-Infektion getestet - kein einziges von ihnen trug das Virus in sich. In der älteren Bevölkerung waren es 0,8 Prozent.

An der Studie wurde allerdings kritisiert, dass sich ein Großteil der Teilnehmer freiwillig online melden konnte, wenn er keine oder nur leichte Symptome hatte. Es ist denkbar, dass sich vor allem Eltern registriert haben, die besonders große Sorge um eine Infektion ihrer Kinder hatten und sie entsprechend vor Kontakten geschützt haben. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ.

Kinder erkranken sehr selten schwer

Fest steht, dass sich Kinder grundsätzlich mit dem neuen Coronavirus anstecken können. Allerdings trifft es sie wohl oft nicht so schwer. Laut der Studie aus China, nach der Kinder genauso anfällig für eine Infektion sind wie Erwachsene, entwickelten Kinder unter zehn Jahren deutlich seltener Symptome. Das neue Coronavirus führt also seltener dazu, dass sie krank werden.

Der genaue Hintergrund ist noch unklar. Offenbar befällt das Virus bei Kindern aber öfter die oberen Atemwege, sodass Lungenentzündungen seltener sind. "Auch wenn bei Kindern, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern, schwere Verläufe vorkommen können, ist die Mehrzahl nach bisherigen Studien bei Kindern eher mild und unspezifisch", schreibt das Robert Koch-Institut  (RKI).

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Zahl der Kinder, die wegen der beschriebenen Beschwerden auf Intensivstationen in London und anderen Regionen behandelt werden mussten, sei in den vergangenen drei Wochen gestiegen, berichtet das britische "Health Service Journal" . Betroffen seien alle Altersgruppen.

Wie viele Kinder insgesamt erkrankt sind, ist allerdings unklar. Insgesamt ist das Syndrom wohl sehr selten. Auch, ob tatsächlich das Coronavirus die Ursache ist, muss noch geklärt werden. Am Dienstag äußerte sich der britische Gesundheitsminister Matt Hancock besorgt, man untersuche zurzeit intensiv, was es mit dem Syndrom auf sich habe, doch auch er betonte: Es trete selten auf.

Virenschleudern oder Virenbremser?

Bleibt noch die Frage, wie gefährlich infizierte Kinder für andere sind. Den ganz Kleinen in Kitas und Kindergärten ist es kaum zu vermitteln, dass sie Abstand zu Gleichaltrigen halten, in die Armbeuge niesen und das Sabbern unterlassen sollen.

Sie gelten deshalb unabhängig vom aktuellen Corona-Ausbruch als Keimschleudern. Bringt ein Kind einen Erreger in die Kita, haben ihn bald alle anderen auch und geben ihn wiederum an ihre Eltern und Geschwister weiter. Ob das beim neuen Coronavirus auch so ist, bleibt eine zusätzliche offene Frage.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Zumindest von Erwachsenen weiß man aber, dass sie auch dann schon ansteckend sind, wenn sie noch keine Symptome zeigen. Das liegt daran, dass Sars-CoV2 in den menschlichen Schleimhäuten sitzt und dort sein Erbgut vervielfältigt. Beim Sprechen, Niesen oder Husten können auf diese Weise winzige Tröpfchen mit dem Virus in die Luft gelangen und Mitmenschen infizieren.

Würde das auch für Kinder gelten, könnten sie das Virus besonders leicht verbreiten. Dass sie infiziert sind, würde in vielen Fällen nicht einmal auffallen. Deshalb gilt auch für sie das Abstandsgebot von 1,5 Metern. Kinder, die keinen Abstand halten können, sollten zu Hause bleiben, rät das RKI.

Mit den bisherigen Gepflogenheiten in Kitas und Kindergärten lässt sich das kaum vereinbaren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.