Nahrungsergänzungsmittel Belege für Vitamin-D-Wirkung gegen Corona fehlen

Hilft das »Sonnenvitamin« gegen einen schweren Verlauf von Corona? Aktuelle Studien dazu reichen Experten zufolge nicht aus, um eine Empfehlung auszusprechen.
Vitamin-D-Pillen: Was kann das »Sonnenvitamin«?

Vitamin-D-Pillen: Was kann das »Sonnenvitamin«?

Foto: Grace Cary / Getty Images

Seit Beginn der Pandemie wabern Thesen durchs Netz, wonach die ergänzende Einnahme von Vitamin D einen zusätzlichen Schutz vor Covid-19 bieten könnte. Nun hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) die Studienlage diesbezüglich geprüft und kommt zur Einschätzung: Die Daten reichen nicht aus, um eine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung nachzuweisen. Deshalb könne eine Einnahme von Vitamin-D-Ergänzungsmitteln nicht pauschal empfohlen werden.

Anders als andere Vitamine kann der Körper Vitamin D selbst bilden – und zwar durch das Sonnenlicht, genauer UV-B-Strahlung bestimmter Wellenlängen. Dabei ist ein Aufenthalt im Freien nötig, denn die UV-B-Anteile können nicht durch Fensterscheiben dringen. Die Ernährung – etwa mit fettem Seefisch, Innereien, Pilzen oder Eiern – trägt einen relativ geringen Anteil zur Vitamin-D-Versorgung bei (etwa 10 bis 20 Prozent).

Zur Einnahme von Vitamin-D-Präparaten wird nur geraten, wenn tatsächlich eine Unterversorgung vorliegt, also wenn ein zu niedriger Wert nachgewiesen ist und man einen besseren Wert nicht durch Aufenthalte in der Sonne sowie durch Ernährung erreichen kann. Wer ohnehin genug Vitamin D hat, profitiert wahrscheinlich nicht von zusätzlichen Pillen. Vielmehr kann man Vitamin D auch überdosieren und damit unerwünschte Nebenwirkungen provozieren, etwa Nierensteine, Nierenverkalkungen sowie Störungen des Herz-Kreislauf-Systems.

Zusammenhang von Vitamin D und schweren Covid-Verläufen

Ein Vitamin-D-Mangel könnte Übersichtsstudien zufolge potenziell das Risiko für akute Atemwegsinfektionen begünstigen. Ob jedoch die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten auch vor schweren Covid-19-Verläufen schützt, ist der DGE zufolge fraglich.

Die DGE-Experten hatten Dutzende Studien und Beobachtungen aus verschiedenen Ländern begutachtet. Zwar lasse sich tatsächlich ein Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel und einem erhöhten Risiko für eine Sars-CoV-2-Infektion mit einem schweren Krankheitsverlauf vermuten, heißt es in der aktuellen DGE-Fachinformation  zum Thema (Stand: 11. Januar 2021). Dennoch ist das Fazit der Ernährungswissenschaftler: »Derzeit liegen keine Argumente vor, die eine Supplementation von Vitamin D bei Personen mit adäquatem Vitamin-D-Status mit dem Ziel der Prävention einer Sars-CoV-2-Infektion oder der Verringerung des Schweregrades einer Covid-19-Erkrankung begründen können.«

In einigen Studien wurde von positiven Wirkungen einer Vitamin-D-Gabe im Verlauf einer Covid-19-Erkrankung berichtet. Die Daten wiesen aber meist fachliche Mängel auf, etwa weil der Vitaminstatus der Probanden vor ihrer Erkrankung nicht bekannt war, die Vergleichsgruppen sehr unterschiedlich oder durch Risikofaktoren wie Adipositas oder Diabetes vorbelastet waren.

Kritik an Studien

Ein Beispiel: Am Reina-Sofia-Krankenhaus in Madrid wurde versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. 50 Covid-19-Patienten wurde Vitamin D verabreicht, nur einer von ihnen landete auf der Intensivstation. Aus einer Kontrollgruppe mit 26 Patienten, die keine Vitamin-D-Präparate bekamen, musste dagegen die Hälfte intensivmedizinisch behandelt werden, zwei von ihnen starben.

Die spanische Studie geriet jedoch schnell in die Kritik. Bei genauerem Hinsehen wurde deutlich, dass in der zweiten Gruppe – den Patienten ohne Vitamin-D-Gabe – mehr Vorerkrankungen etwa mit Bluthochdruck und Diabetes registriert waren und damit auch mehr Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf. »Wenn man die (relativ) Gesunden in die Vitamin-D-Gruppe packt und die (relativ) Kranken in die Kontrollgruppe, dann ist vorher klar, was herauskommt«, sagt etwa Martin Smollich, Pharmakologe und Professor am Institut für Ernährungsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Lübeck.

Smollich betont ebenfalls, ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Covid-19 könne nicht nachgewiesen werden. Vielmehr könnte ein bei der Krankenhausaufnahme gemessener niedriger Vitamin-D-Spiegel die Folge der Covid-19-Erkrankung sein. Im Rahmen einer akuten, schweren Infektion sinke der Vitamin-D-Spiegel nämlich kurzfristig drastisch ab. Zudem trete ein Vitamin-D-Mangel »überdurchschnittlich häufig bei Erkrankungen und Lebensumständen auf, die ihrerseits das Covid-19-Risiko erhöhen, also in hohem Lebensalter, bei Adipositas oder bei Diabetes Typ 2«.

Auch die Virologin Sandra Ciesek hatte im Corona-Podcast des NDR  bereits geäußert, das Risiko für einen Vitamin-D-Mangel steige generell bei Menschen, die sich selten im Freien aufhalten. Das gelte zum Beispiel bei chronisch Kranken oder Pflegebedürftigen, die vielleicht auch nicht mehr ausgewogen essen könnten. Genau diese Gruppe gilt aber auch als besonders Covid-19-gefährdet.

In Deutschland haben wenige Menschen einen Vitamin-D-Mangel, aber viele einen suboptimalen Wert. Also einen Blutwert, der unter dem Optimum liegt, aber noch nicht in einem Bereich, der als schädlich bewertet wird.

Auch dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind derzeit keine Studien bekannt, die belegen, dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten vor einer Infektion mit dem Coronavirus oder vor einer Erkrankung schützt. Zwar sei wissenschaftlich unstrittig, dass Vitamin D zur normalen Funktion des Immunsystems beitrage. Das heiße aber nicht, dass man deshalb vorbeugend und ohne ärztliche Kontrolle hoch dosierte Vitamin-D-Präparate zu sich nehmen sollte.

kry/dpa

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