Medikamente und Covid-19 Entwarnung für Millionen Bluthochdruck-Patienten

Könnten Blutdrucksenker das Risiko erhöhen, sich mit Covid-19 zu infizieren und schwer zu erkranken? Diese Frage hat viele Patienten verunsichert. Jetzt liefern drei Studien Klarheit.
"Patienten sollten ihre verschriebenen Blutdrucksenker auf keinen Fall absetzen"

"Patienten sollten ihre verschriebenen Blutdrucksenker auf keinen Fall absetzen"

Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Beim Anblick des Coronavirus fallen vor allem die Zacken auf, die seine Oberfläche überziehen. Mit ihre Hilfe dockt das Virus an Rezeptoren auf Zellen in Rachen oder Lunge an, um in sie einzudringen und sie zu infizieren.

Auf die gleichen Rezeptoren wirken allerdings auch Medikamente ein, die den Blutdruck regulieren und die allein in Deutschland jeden Tag von Millionen Menschen geschluckt werden. Dieser Zusammenhang sorgte für Verunsicherung. Könnte es sein, dass die Medikamente die Rezeptoren so beeinflussen, dass das Virus leichter in die Zellen eindringt und sich einfacher verbreitet?

Jetzt geben gleich drei Studien im renommierten "New England Journal of Medicine"  Entwarnung. Demnach erhöhen Blutdrucksenker weder das Risiko, sich mit dem Virus zu infizieren, noch das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Die Studien beziehen sich auf zwei Arzneimittelgruppen, die auch Diabetikern verschrieben werden, konkret handelt es sich um ACE-Hemmer und Angiotensin-Rezeptor-Blocker. Zu diesen Gruppen zählen unter anderem Medikamente wie Valsartan, Lisinopril und Losartan.

Drei verschiedene Studien, drei gleiche Ergebnisse

Es waren Tierversuche, die den Anstoß zu den Diskussionen über die Medikamente gaben. Die Versuche wiesen darauf hin, dass die pharmazeutischen Mittel die Zahl der vom Coronavirus genutzten ACE2-Rezeptoren in der Lunge erhöhen könnten. Um zu klären, was das für die Patienten bedeutet, analysierten Forscher die Krankenakten von Tausenden Menschen, die auf das Coronavirus getestet wurden.

Dabei suchten sie nach möglichen Zusammenhängen zwischen der Einnahme der Medikamente und einer Covid-19-Erkrankung:

  • Als Grundlage der ersten Analyse dienten Daten von 8910 Covid-19-Patienten  aus elf Ländern, die im Krankenhaus behandelt wurden. Bei den Patienten hingen mehrere Faktoren mit einem erhöhten Sterberisiko zusammen, darunter ein Alter ab 65, die Lungenkrankheit COPD, eine Erkrankung der Herzkranzgefäße oder die Gewohnheit zu rauchen. Frauen wiederum hatten ein niedrigeres Risiko zu sterben (mehr dazu lesen Sie hier). Die Einnahme von Blutdrucksenkern führte bei der Auswertung weder dazu, dass die Patienten häufiger starben, noch wirkte sie sich positiv aufs Überleben aus.

  • Bei einer zweiten Studie  beschäftigten sich US-Forscher mit Daten aus der italienischen Lombardei. Ihr Ziel war es, herauszufinden, ob die Einnahme der Medikamente das Risiko für eine Infektion verändert. Dafür verglichen sie die Daten von mehr als 6000 Infizierten mit den Informationen von knapp 31.000 Menschen ohne Covid-19-Erkrankung. Auch hier gab es keinen statistischen Zusammenhang zwischen der Einnahme der Mittel und dem Risiko für eine Infektionen. Dasselbe galt, als die Forscher in einer weiteren Analyse die Einnahme der Medikamente und das Auftreten besonders schwerer Krankheitsverläufe miteinander abglichen.

  • Für die dritte Studie  werteten Wissenschaftler die Krankenakten von mehr als 12.000 Patienten aus den USA aus, die auf das Coronavirus getestet wurden. Knapp 6000 hatten einen positiven Test, von denen rund tausend schwer erkrankten und auf der Intensivstation behandelt werden mussten (mehr zur Behandlung schwer Erkrankter lesen Sie hier). Auch bei dieser Untersuchung fanden die Forscher keine Unterschiede zwischen den Patienten, die Medikamente nahmen, und den anderen Studienteilnehmern.

Zwar hat jede einzelne der drei Studien Schwachpunkte. Trotz der unterschiedlichen Ansatzpunkte gleichen sich die Ergebnisse jedoch komplett. "Ich bin froh, meinen Patienten sagen zu können, dass sie ihre Medikamente gegen Bluthochdruck weiternehmen können", sagte Harmony Reynolds von der Medizinischen Fakultät der Universität von New York, die die dritte Studie geleitet hat.

"Blutdrucksenker unbedingt weiternehmen"

Schon im Vorfeld der Studien hatten Mediziner dazu aufgerufen, die Medikamente auf keinen Fall abzusetzen. "Es wird viel über ACE-Hemmer diskutiert, obwohl ihr Einfluss auf den Verlauf von Covid-19 noch vollkommen unklar ist", sagte Nikolaus Marx, Kardiologe am Universitätsklinikum Aachen, im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Mich sprechen viele Patienten darauf an. Ich antworte ihnen dann, dass sie ihre Blutdrucksenker unbedingt weiternehmen sollen."

Ein Rat, den Holger Thiele, Direktor der Universitätsklinik für Kardiologe am Herzzentrum Leipzig, ausdrücklich unterstützt: "Alle Fachgesellschaften, egal ob die amerikanische, die europäische oder die deutsche, sind sich einig, dass die Patienten ihre Medikamente auf keinen Fall absetzen sollten", sagte Thiele. "Auch im Hinblick auf Covid-19 ist es wichtig, dass der Blutdruck gut eingestellt ist."

irb/AFP