Coronavirus Immunologe Watzl kritisiert neue Dauer des Genesenenstatus

Genesene gelten nur noch 90 Tage als geschützt. Der Immunologe Carsten Watzl hält das für eine »politische Entscheidung«. Er spricht sich dafür aus, Genesene und Geimpfte gleichzustellen.
Foto: Meghan Pinsonneault / Stocksy United

Mitte Januar hat das Robert Koch-Institut (RKI) den Zeitraum, in dem jemand nach einer Infektion mit dem Coronavirus offiziell als genesen gilt, auf 90 Tage verkürzt. Das Institut begründete die Verkürzung  damit, »dass Ungeimpfte nach einer durchgemachten Infektion einen im Vergleich zur Deltavariante herabgesetzten und zeitlich noch stärker begrenzten Schutz vor einer erneuten Infektion mit der Omikron-Variante haben«. Geimpfte gelten nun also länger als immun als Menschen, die eine Coronainfektion überstanden haben. Der Immunologe Carsten Watzl findet diese Regelung »nicht nachvollziehbar«. Er spricht sich dafür aus, Genesene und Geimpfte gleichzustellen.

»Wenn man eine Infektion durchgemacht hat, ist man immun«, sagt Watzl, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie ist. »Aber die Immunität ist sehr variabel.« Beim einen sei sie sehr stark, beim anderen eher schwach. »Im Mittel ist man etwas weniger geschützt als mit zwei Dosen Biontech.« Aber, betont er, es gebe auch Vorteile: »Bei Genesenen geht der Antikörperspiegel etwas langsamer zurück als bei Geimpften. Und die Antikörper sind breiter aufgestellt.«

Antikörper sind zudem nur ein Teil des Schutzes, den der Körper ausbildet. T-Zellen könnten möglicherweise sogar lebenslang aktiv sein. Menschen, die sich 2002/03 mit Sars-CoV-1 infiziert hatten, wiesen laut einem Beitrag im Fachmagazin »The Lancet Infectious Diseases«  von Ende November noch 17 Jahre später T-Zellen gegen diesen Virentyp auf.

Die Autoren des Beitrags verweisen mit Blick auf die aktuelle Pandemie auf »zahlreiche Studien«, die herausgefunden hätten, dass Menschen, die von Covid-19 genesen sind, sich in den Monaten darauf selten erneut infizieren. Einer Studie vom September zufolge senkte eine Infektion mit dem Delta-Typ des Virus das Risiko, sich erneut zu infizieren, um mehr als 80 Prozent. Eine andere Studie zeigte, dass sich von mehr als 9000 zuvor infizierten Menschen innerhalb eines Jahres nur 0,7 Prozent erneut ansteckten. Allerdings: Die Variante Omikron, die verstärkt Genesene infizieren kann, die zuvor an anderen Varianten erkrankt waren, kursierte damals noch nicht.

Der Immunologe Watzl glaubt nicht, dass sich die Situation für Genesene durch Omikron entscheidend verändert hat. »Studien zeigen zwar, dass viele Antikörper von Genesenen die Omikron-Variante nicht mehr so gut erkennen können und diese Personen damit kaum noch einen Schutz vor der Infektion haben«, sagt der Immunologe. »Aber diese Veränderung gilt ebenso für Geimpfte. Wenn man den Genesenenstatus verkürzt, muss man das eigentlich auch für die Impfzertifikate tun.« Die Verkürzung auf drei Monate sei eine »politische Entscheidung, die auf Basis der Daten nicht nachvollziehbar ist«.

Impfung nach Infektion ist sehr ratsam

Kritiker sagen: Bei der Entscheidung sei es vor allem darum gegangen, mehr Menschen zum Impfen zu bewegen, nicht um eine wissenschaftlich sinnvolle Lösung. Die Bundesregierung beruft sich auf die Festlegung des RKI. Regierungssprecher Steffen Hebestreit sagte am Mittwoch: »Das war jetzt keine politische Entscheidung, sondern es ist der wissenschaftliche Stand, den das RKI, das dafür zuständig ist, mitgeteilt und umgesetzt hat.«

Als Plädoyer gegen eine Impfung will Watzl seine Aussagen explizit nicht verstanden wissen: Nach einer Infektion sei es sehr ratsam, sich dennoch impfen zu lassen. Eine solche »hybride Immunität« sei »der beste Schutz, den die Wissenschaft aktuell kennt«.

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Die Zahl der Genesenen schätzt das RKI derzeit auf rund 7,5 Millionen (Stand Donnerstag), geht aber selbst von einer »Untererfassung« aus. Watzl schätzt, es könnten durchaus bis zu 20 Millionen sein. »Wir wissen nicht, wer in Deutschland genesen ist, wir wissen nicht, wer nur genesen ist und wer sich später noch hat impfen lassen«, sagt er. Das sei aber wichtig, um die Größe der viel beklagten Impflücke realistisch einzuschätzen. Watzl spricht ohnehin lieber von »Immunitätslücke«. Die könnte durchaus kleiner sein als angenommen, schätzt er, denn Genesene müssten zur Zahl der Geimpften dazugerechnet werden.

mar/dpa
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