Erfahrungen mit der Covid-19-Behandlung "Corona-Patienten bleiben mindestens drei Monate immun"

Clemens Wendtner hat die ersten Corona-Patienten in Deutschland versorgt und begleitet sie bis heute. Der Arzt erklärt, warum die Genesung oft Wochen dauert - und welche Hoffnungen er in das Medikament Remdesivir setzt.
Ein Interview von Julia Merlot
Menschenansammlung: Wer schon mal infiziert war, kann sich erst mal nicht mehr anstecken

Menschenansammlung: Wer schon mal infiziert war, kann sich erst mal nicht mehr anstecken

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Alexander Spatari/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Wendtner, Sie waren einer der ersten Mediziner, die in Deutschland mit dem neuartigen Coronavirus zu tun hatten. Unter anderem haben Sie gemeinsam mit Kollegen die Infizierten beim Autozulieferer Webasto betreut. Wie geht es den ersten deutschen Corona-Patienten heute?

Wendtner: Wir haben weiterhin Kontakt. So konnten wir zum Beispiel gerade feststellen, dass sie immer noch Antikörper gegen das neue Coronavirus besitzen. Die verwendeten Tests, die wir in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr einsetzen, liefern im Vergleich zu den in Massenscreenings eingesetzten noch sicherere Ergebnisse. Corona-Patienten bleiben demnach mindestens drei Monate immun, wahrscheinlich auch deutlich darüber hinaus. Das werden wir weiter im Auge behalten.

Zur Person

Clemens Wendtner ist Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing. Er gehörte zu den ersten Ärzten in Deutschland, die Covid-19-Patienten versorgt haben.

SPIEGEL: Was wissen Sie noch über den Zustand Ihrer ehemaligen Patienten?

Wendtner: Sie sind gesund. Bislang gibt es keine Spätfolgen der Infektion. Allerdings handelt es sich um gerade mal neun ausschließlich junge, ansonsten gesunde Personen, bei denen die Erkrankung vergleichsweise milde verlief und die kaum Behandlung benötigten. Im Gegensatz dazu liegen auf unseren Stationen heute Patienten, die dringend medizinische Hilfe brauchen. Infizierte mit unauffälligem Krankheitsverlauf bleiben inzwischen zu Hause in Quarantäne und werden nicht mehr bei uns versorgt.

"Auch, wenn die Zahl der Neuinfektionen und Neupatienten konstant bleibt, füllen sich die Intensivstationen nach und nach"

SPIEGEL: Wie viele Corona-Patienten behandeln Sie derzeit?

Wendtner: Wir haben aktuell ausreichend Kapazitäten frei. Allerdings sind es trotz der ruhigen Infektionslage immer noch 150 Covid-19-Patienten und -Verdachtsfälle, ungefähr 40 Prozent davon liegen auf der Intensivstation. Weil die Behandlung oft mehrere Wochen dauert, haben sich die Fälle dort angesammelt. Das müssen wir mit Blick auf eine mögliche zweite Infektionswelle dringend berücksichtigen. Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen und Neupatienten konstant bleibt, füllen sich die Intensivstationen nach und nach, weil die Patienten lange dort bleiben.

SPIEGEL: Wie alt sind Ihre Patienten im Schnitt?

Wendtner: Bei uns in der Klinik ist der durchschnittliche Corona-Patient in seinen Sechzigern. Das ist von Region zu Region aber sehr unterschiedlich. Rund um Würzburg und in anderen Gegenden, wo es Ausbrüche in Pflegeheimen gab, wird das Durchschnittsalter der Patienten deutlich höher sein. Wir haben bei uns immer noch verstärkt mit den Rückkehrern aus Skigebieten in Tirol zu tun.

Das sind tendenziell vergleichsweise junge, fitte Leute, oft auch ohne Vorerkrankungen. Zwei Patienten sind gerade mal in ihren Zwanzigern. Wir erleben auch, dass vergleichsweise junge und ansonsten gesunde Menschen im Zuge der Infektion sterben. Die Aussage von manchen Pathologen, dass alle Corona-Toten Vorerkrankungen hatten, erscheint mir daher unglaubwürdig.

"Leute, die sich Mitte März in Ischgl angesteckt haben, liegen jetzt noch bei uns"

SPIEGEL: Sie behandeln immer noch Skiurlauber?

Wendtner: Wer schwer am neuen Coronavirus erkrankt, muss meist sehr lange medizinisch betreut werden. Das ist eine Erkenntnis, die sich immer mehr verfestigt. Im Schnitt bleiben die Patienten bei uns 21 bis 28 Tage auf der Intensivstation, also drei bis vier Wochen. Außerdem vergeht Zeit, bis die Krankheit nach einer Infektion ausbricht und sich so schwer entwickelt, dass ein Infizierter ins Krankenhaus muss. Leute, die sich Mitte März in Ischgl angesteckt haben, liegen jetzt noch bei uns.

Antikörpertests - wie sie funktionieren und wie nicht

Um herauszufinden, ob jemand immun gegen das neue Coronavirus ist, machen Forscher Antikörpertests. Dabei haben sie mehrere Möglichkeiten:

  • Zuletzt häufig diskutiert wurden sogenannte Elisa-Tests (Enzyme-Linked ImmunoSorbent Assay). Mit ihnen lässt sich vergleichsweise schnell, einfach und kostengünstig feststellen, ob in einer großen Zahl Blutproben Antikörper gegen das neue Virus zu finden sind.

    Für den Test wird das Blut der Probanden in ein Testgefäß mit Antigenen gegeben. Sind Antikörper vorhanden, binden sie an die Antigene und lassen sich mit einem Fluoreszenzmittel sichtbar machen.

    Das Problem: Die Antikörper, die das neue Coronavirus und bereits bekannte Coronaviren bekämpfen, ähneln sich. Das kann in seltenen Fällen dazu führen, dass der Test ein positives Ergebnis zeigt, obwohl die Person nur gegen ein übliches Erkältungs-Coronavirus immun ist, nicht aber gegen das neue Virus Sars-CoV-2.

  • Die im Vergleich aufwendigere Alternative ist ein Neutralisationstest, auch bekannt als Plaque-Assay. Mit ihm lassen sich Antikörper noch etwas zuverlässiger bestimmen. Er wird häufig eingesetzt, um die positiven Ergebnisse aus großen Elisa-Tests zu validieren.

    Dazu geben Forscher Viren aus einem Nasenabstrich von Patienten im Labor auf eine Zellkulturplatte und behandeln diese mit dem Blutserum der Patienten. Sind genug Antikörper im Serum, bekämpfen sie das Virus und die Zellkultur bleibt gesund. Gibt es keine oder zu wenig passende Antikörper, zerstört das Virus die Zellen und es entstehen Löcher in der Platte, sogenannte Plaques.

SPIEGEL: Was bedeutet die lange Behandlungszeit für die Patienten?

Wendtner: Gerade, wenn sie dauerhaft über einen Tubus beatmet werden mussten, ist das Gesundwerden mit Mühe und Anstrengung verbunden. Diese Patienten liegen in einem künstlichen Koma und es wird mit großem Druck Luft in ihre Lunge gepresst. Das belastet den gesamten Organismus und erhöht das Risiko für eine zusätzliche Infektion mit einem anderen Keim. Teils versagen auch die Nieren. 30 Prozent der so beatmeten Patienten müssen zur Blutwäsche. Stabilisiert sich der Patient nach mehreren Wochen, muss er erst wieder lernen, eigenständig zu atmen. Die Atemmuskulatur muss trainiert werden. Das findet bei uns begleitend zur sonstigen Behandlung im Rahmen von speziellen Atemtrainings auf Station statt.

"Im Moment wissen wir noch nicht sicher, wie effektiv Remdesivir bei Corona-Infektionen ist."

SPIEGEL: Es gibt die Hoffnung, das Medikamente die Behandlung verkürzen und das Leid verringern können. Wie schätzen sie die Chance ein, ein geeignetes Mittel zu finden?

Wendtner: Man hofft und wünscht sich als Arzt immer, dass man die Lage seiner Patienten verbessern kann. Die München Klinik Schwabing nimmt deshalb an einer weltweiten Studie zu Remdesivir teil. Der Pharmahersteller Gilead hat das Medikament schon vor Jahren entwickelt, um schwere Virusinfektionen zu bekämpfen. Es ist bislang aber nicht zugelassen.

Bei Ebola wurde es in 175 Patienten eingesetzt und war gut verträglich. Nun sollen in einer von dem Unternehmen beauftragen Studie testweise insgesamt 1600 Corona-Patienten mit moderatem Krankheitsverlauf und 6000 mit schwerem Verlauf behandelt werden. In der zweiten Untersuchung gibt es allerdings keine Kontrollgruppe.

SPIEGEL: Laut den Zwischenergebnissen von zwei aktuellen Studien hat Remdesivir einen positiven Effekt auf den Verlauf von Covid-19-Erkrankungen. Zuvor hatte eine Studie aus China Zweifel daran geweckt. Was bedeuten diese widersprüchlichen Resultate?

Wendtner: Im Moment wissen wir noch nicht sicher, wie effektiv Remdesivir bei Corona-Infektionen ist, aber die Tendenz bei uns geht stark in Richtung einer positiven Wirkung. Die Studie aus China ist wertlos, weil zu wenige Patienten mitgemacht haben und sie vorzeitig abgebrochen wurde. Durch eine unglückliche Panne bei der Weltgesundheitsorganisation wurden die Daten dann bekannt und lieferten Spielraum für Interpretationen.

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Der erste Zwischenbericht zur Gilead-Studie mit rund 400 Patienten mit schweren Symptomen besagt dagegen nun, dass Remdesivir für fünf bis zehn Tage sicher eingesetzt werden kann und wahrscheinlich fünf Tage ausreichend effektiv sind. Eine Studie der National Institute of Allergy and Infectious Diseases mit 1063 Patienten zeigt außerdem, dass sich die Krankheitsdauer im Vergleich zur Kontrollgruppe verkürzt hat. Wenn sich das bestätigen sollte, hätten wir eine Therapie.

"Als behandelnder Arzt ist man nie objektiv."

SPIEGEL: Welche Hinweise gibt es außerdem, dass das Medikament Covid-19-Patienten nutzt?

Wendtner: Wir haben die positive Erfahrung bezüglich der Nebenwirkungen mit Ebola. Laut Untersuchungen im Rahmen eines Härtefallprogramms, dessen Ergebnisse Anfang April im "New England Journal of Medicine"  veröffentlicht wurden, profitierten außerdem 68 Prozent schwer an Covid-19 erkrankte Patienten von einer Behandlung mit Remdesivir. Allerdings wurden damals insgesamt nur 61 Patienten behandelt und "einen Vorteil bringen" ist kein hartes Kriterium. Dazu zählt beispielsweise, dass die Patienten kürzer beatmet werden mussten, als es aus der Erfahrung der Ärzte zu erwarten gewesen wäre. Es gab hier keine Kontrollgruppe.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

SPIEGEL: Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Klinik mit der experimentellen Arznei?

Wendtner: Ich würde sagen, dass etwa 50 Prozent der Patienten profitieren, also früher auf Normalstation verlegt oder früher als erwartet entlassen werden können. Allerdings ist das eine subjektiv gefärbte Einschätzung. Als behandelnder Arzt ist man nie objektiv. Um ganz sicher sein zu können, müssen wir noch etwas abwarten.

SPIEGEL: Wann wird es die endgültigen Ergebnisse der Studie geben?

Wendtner: Sie sollen bis Ende Mai vorliegen. Dann werden wir endgültig wissen, ob Remdesivir die Therapie der Covid-19-Patienten tatsächlich verbessert oder sich - hoffentlich nicht - doch noch als ebenso großer Flop herausstellt wie das Malariamittel Hydroxychloroquin.