Coronavirus-Ausbruch "Was momentan in Italien passiert, könnte überall auf der Welt passieren"

Mehr als 200 Infizierte, sechs Todesfälle: Covid-19 hat Italien erreicht. Warum der Ausbruch Experten zwar nicht überrascht, aber besorgt.
Ein Mann trägt in einer Mailänder Bahnstation Mundschutz

Ein Mann trägt in einer Mailänder Bahnstation Mundschutz

Foto: MATTEO BAZZI/EPA-EFE/REX

Vor Freitag waren in Italien nur drei Fälle des neuartigen Coronavirus bekannt, alle Betroffenen hatten sich zuvor in Wuhan aufgehalten, der chinesischen Millionenstadt, in der die Epidemie ihren Anfang nahm. Bis Montag stieg die Zahl der Infizierten in Italien auf mehr als 200.

Im Norden des Landes sind Schulen, Universitäten und Kinos geschlossen, rund 50.000 Menschen in der Lombardei und Venetien dürfen die Region nicht mehr verlassen. Um das durchzusetzen, verabschiedete der Ministerrat am Sonntag ein Gesetzesdekret im Eilverfahren .

Die Situation zeigt, wie schnell sich die Lage in einem Land ändern kann. Dabei gibt es vor allem ein Problem: Der Ursprung des Ausbruchs ist nicht bekannt. Entsprechend unmöglich ist es, alle eventuell Betroffenen zu identifizieren und vom Rest der Bevölkerung zu isolieren.

"Das ist ein Naturphänomen"

Dass sich Covid-19 in einem europäischen Land unbemerkt verbreiten kann und zuvor unbekannte Infektionen plötzlich bemerkt werden, hatten Experten erwartet. Auch mit Blick auf Deutschland hatte ein Epidemiologe bereits vor unerkannten Fällen gewarnt .

Grund dafür sind zwei Eigenschaften des neuartigen Coronavirus. Zum einen kann es sich im Rachen vermehren und über Tröpfcheninfektion einfach von einem Menschen zum anderen übertragen. Zum anderen erkranken manche Menschen nur leicht und entwickeln unspezifische Beschwerden, die einer Erkältung ähneln. So können sie das Virus weitergeben, ohne dass ihnen bewusst ist, was für eine Gefahr von ihnen ausgeht.

"Die Übertragbarkeit dieses neuartigen Virus ist doch höher als anfangs gedacht. Das bedeutet mit anderen Worten: Eine Eindämmung wird dauerhaft nicht durchzuhalten sein", warnte Christian Drosten von der Berliner Charité vor ein paar Tagen auf einer Pressekonferenz. Könne sich das Virus zunächst unbemerkt verbreiten, müsse vor allem eins klar sein: "Es gibt keinen Schuldigen. Das ist ein Naturphänomen, und nicht mit allen Naturphänomenen kann man mit vollkommener Sicherheit umgehen. Das können die besten Gesundheitsbehörden nicht leisten."

Dunkelziffer wahrscheinlich hoch

Nach Angabe des italienischen Gesundheitsministeriums vom Montagvormittag sind 23 Menschen so schwer erkrankt, dass sie auf Intensivstationen behandelt werden müssen, weitere 99 sind im Krankenhaus. 91 Menschen befinden sich zu Hause in Quarantäne. Stand Montagnachmittag sind sechs Menschen in Italien an Covid-19 gestorben.

Diese Zahlen deuten an, dass in dem Land deutlich mehr als gut 200 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert sind.

Denn die Weltgesundheitsorganisation WHO geht aufgrund der Informationen aus China davon aus, dass mehr als 80 Prozent der Angesteckten nur milde Symptome spüren, bei etwa fünf Prozent nimmt die Infektion einen lebensbedrohlichen Verlauf. Und vermutlich wird dadurch der Anteil der milden Verläufe unterschätzt, weil in Wuhan sicher nicht jeder erfasst wurde, der in den vergangenen Wochen bloß Beschwerden wie bei einer banalen Erkältung hatte.

Der oder die erste italienische Infizierte könnte also gar nichts von der Infektion ahnen. Diese Person nun - bei mehr als 200 inzwischen entdeckten Fällen - auszumachen, dürfte extrem schwierig sein. "Wenn wir den ersten Patienten des Ausbruchs nicht finden können, bedeutet das, dass das Virus weiter verbreitet ist, als wir denken", sagt Luca Zaia, Präsident der Region Venetien, laut Nachrichtenagentur Reuters.

Schätzungen: Großbritannien hat ein deutlich höheres Risiko als Italien

So lange der Ursprung des Ausbruchs unbekannt ist, lässt sich auch nicht erklären, warum Italien als erstes europäisches Land in dieser Form betroffen ist. Unklar ist leider zu diesem Zeitpunkt auch, ob es tatsächlich der einzige Ausbruch in Europa ist oder ob weitere, bislang unentdeckte, existieren. Denn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass sich der Erreger weitaus stärker über die Grenzen Chinas hinaus ausgebreitet hat, als bisher angenommen.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte eine internationale Forschergruppe um Christl Donnelly vom Imperial College London eine Modellrechnung, wie viele Menschen wohl aus Wuhan unentdeckt mit einer Infektion ausgereist sind. Sie schätzten dies unter anderem auf Basis der Flugpassagier-Zahlen von Wuhan in verschiedene Länder und der dort jeweils entdeckten Fälle. Ihr Ergebnis : Wahrscheinlich wurden rund zwei Drittel der Fälle nicht entdeckt - "was potenziell zu diversen, jetzt noch unentdeckten Infektionsketten außerhalb Festlandchinas führen konnte".

Im Januar hatten Experten das Risiko für europäische Länder, dass dort mit dem Reiseverkehr zusammenhängende Covid-19-Fälle auftauchen, geschätzt . In die Rechnung hatten sie zusätzlich die dann bekannt gewordenen Fälle in Frankreich und Deutschland aufgenommen. Das Team um Vittoria Colizza von der Pariser Sorbonne schätzte das Risiko am höchsten für Großbritannien ein, gefolgt von neuen Fällen in Deutschland und Frankreich. An Stelle vier stand Italien.

Warum es aktuell gerade dieses Land trifft? "Was momentan in Italien - und Südkorea und Iran - passiert, könnte überall auf der Welt passieren", warnt Devi Sridhar von der University of Edinburgh Medical School. Aus ihrer Sicht zeigen die Entwicklungen der vergangenen zwei Tage, dass Regierungen weltweit ebenso wie die WHO ihre Strategien anpassen müssen: weg vom Versuch, den Ausbruch zu kontrollieren und hin zu Bemühungen, die Schäden durch Covid-19 so gering wie möglich zu halten.

Neben dem Ausbruch in Italien macht Experten besonders die Situation in Iran Sorgen: Dort sind zwölf Patienten an Covid-19 gestorben. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen liegt bei 61, die tatsächliche Anzahl dürfte jedoch deutlich höher sein. Denn unter anderem ist bekannt, dass sich Menschen in Kanada und dem Libanon in Verbindung mit Iran-Reisen mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, berichtet Andrew Tatem von der University of South Hampton. Wenn man bedenke, wie wenig internationalen Reiseverkehr Iran habe, müsse es dort einen großen Ausbruch geben, sagte der Forscher. Und da Iran enge Verbindungen zu Ländern mit relativ schwachen Gesundheitssystemen habe, wie etwa Afghanistan, Irak und Pakistan, könnten dorthin exportierte Fälle besonders dramatische Folgen haben.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.