Schutz nach Covid-Erkrankung Das lange Gedächtnis des Immunsystems

Das Immunsystem erinnert sich bei den meisten Menschen auch acht Monate nach einer Infektion noch an das Coronavirus, zeigt eine aktuelle Studie. Allerdings gibt es große individuelle Unterschiede.
Antikörper binden an ein Coronavirus, Symbolbild

Antikörper binden an ein Coronavirus, Symbolbild

Foto: Science Photo Library / imago images

Eine neue Corona-Studie aus den USA liefert, was die Pandemie nach wie vor nur selten bereithält: Zuversicht. Für die Analyse untersuchten Forscher über Monate die Reaktion des Immunsystems nach einer Covid-19-Erkrankung. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass viele Menschen auch acht Monate nach der Infektion, am Ende der Beobachtungszeit, noch immun waren.

Dies macht Mut, auch was die Dauer der Wirksamkeit einer Impfung betrifft. »Das ist die wichtigste Studie bisher, die es wahrscheinlich macht, dass Covid-Impfungen zumindest ein Jahr lang schützen werden«, schreibt der eher für warnende Worte bekannte SPD-Politiker Karl Lauterbach in einem Tweet.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Allerdings zeigt die Studie auch, dass sich die langfristige Reaktion des Immunsystems zwischen Menschen stark unterscheiden kann, wie die Forscherinnen und Forscher um Jennifer Dan vom La Jolla Institute for Immunology in der Fachzeitschrift »Science«  berichten. Das führt dazu, dass wahrscheinlich nicht alle Erkrankten und Geimpften danach gleich gut vor einer neuen Infektion geschützt sind.

Das immunologische Gedächtnis: Die Feuerwehr und die Einsatzzentrale

Immunität entsteht, weil sich das Immunsystem an einen Krankheitserreger – etwa anhand eines speziellen Merkmals auf seiner Oberfläche – erinnert und ihn dadurch bei einem weiteren Eindringen in den Körper sofort erkennen und bekämpfen kann. Dabei beruht das immunologische Gedächtnis, stark vereinfacht, auf zwei Komponenten, die in der aktuellen Studie beide untersucht wurden:

  • den Antikörpern, sozusagen der Feuerwehr der Immunabwehr. Neutralisierende Antikörper verhindern, dass Coronaviren in die Zellen eindringen und sich dort vermehren können. Sie wirken direkt, sobald sie auf ein Virus stoßen.

  • Zusätzlich existieren B- und T-Gedächtniszellen, die durch einen Kontakt mit dem Erreger aktiviert werden und unter anderem für Nachschub an Antikörpern sorgen oder infizierte Zellen abtöten. Bis ihre Reaktion anläuft, kann es jedoch einige Tage dauern. Sie sind sozusagen die Einsatzzentrale, die die Abwehr koordiniert und gestaltet.

Für eine sterile Immunität, also eine Immunität, die sowohl eine Infektion als auch eine Erkrankung verhindert, braucht es die Feuerwehr, die neutralisierenden Antikörper. Nur sie können bei einer ausreichenden Zahl verhindern, dass die Viren überhaupt in die Zellen gelangen und beginnen, sich zu vermehren. Bislang ist unklar, ob Impfstoffe dies bewirken.

Daneben existiert jedoch auch noch eine andere, abgeschwächte Form der Immunität. Dabei kann das Immunsystem die Infektion zwar nicht verhindern, den Erreger aber so schnell erkennen und wieder eindämmen, dass die Betroffenen nichts davon merken oder nur leicht erkranken. Bei Sars-CoV-2 hieße das zum Beispiel, dass der Erreger nur in den oberen Atemwegen bleibt. Hierbei könnten B- und T-Gedächtniszellen eine wichtige Rolle spielen.

Ergebnisse der Studie: Große Unabhängigkeit

Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen, dass sich Antikörper sowie B- und T-Gedächtniszellen bei Covid-19 sehr unabhängig voneinander entwickeln. Für ihre Studie untersuchten die Forscher das Blut von 188 Teilnehmenden. Bei den meisten Menschen wurde nur eine Probe entnommen, seit dem Beginn ihrer Covid-19-Erkrankung waren mindestens 20 und höchstens 240 Tage vergangen. Am Ende führen die Forscher die Daten aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen.

Antikörper zirkulierten im Blut fast aller Untersuchten, ihr Level sank jedoch mit zunehmendem Abstand zur Erkrankung etwas ab. Trotzdem waren neutralisierende Antikörper bei 90 Prozent (36 von 40 in diesem Zeitraum Getesteten) auch sechs bis acht Monate nach der Erkrankung noch nachweisbar. Auffällig war, wie stark sich die Menge der Antikörper zwischen den Teilnehmern unterschied. Zumindest bei Studien mit Affen schützten jedoch auch schon geringe Mengen neutralisierender Antikörper vor schweren Erkrankungen.

Auch B- und T-Gedächtniszellen entdeckten die Forscher bei einem Großteil der Untersuchten. Während die Menge der nachgewiesenen B-Gedächtniszellen in den Wochen nach der Infektion sogar noch zunahm und erst nach rund vier Monaten ein stabiles Maximum erreichte, schwanden allerdings die T-Gedächtniszellen in dieser Zeit. Ihre Menge halbierte sich nach jeweils drei bis fünf Monaten. Erfahrungen etwa mit Pocken machen zumindest Hoffnung, dass sich dieser Verlust nach acht Monaten einstellt.

Unterm Strich zeigte sich, dass sich das Immunsystem bei fast allen Untersuchten auf verschiedene Weisen an Sars-CoV-2 erinnerte. Nach fünf bis acht Monaten entdeckten die Forscher immerhin bei 95 Prozent der untersuchten Teilnehmer noch drei oder mehr verschiedene Untertypen von B-Zellen, T-Zellen oder Antikörpern, die sich auf Sars-CoV-2 spezialisiert hatten.

»Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass das Immunsystem Sars-CoV-2 über Jahre erkennen kann und die meisten Menschen möglicherweise vor einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt sind«, schreibt Shane Crotty vom La Jolla Institute for Immunology, einer der Studienautoren, auf Twitter . »Das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht.«

Hoffnung auf eine jahrelange Immunität – aber nicht für alle

Allerdings bestätigen die Ergebnisse auch, was Mediziner schon nach akuten Infektionen beobachtet haben: Die Immunantworten können sich zwischen verschiedenen Personen sehr unterscheiden, die Gründe dafür sind bislang kaum bekannt. Es könnte daher sein, dass sich zwar nicht die Mehrheit, aber einzelne Menschen schon relativ früh wieder mit Sars-CoV-2 infizieren können, schreiben die Forscher.

Hinzu kommt, dass allein der Nachweis von Antikörpern oder B- und T-Gedächtniszellen im Blut noch nicht belegt, dass diese in der Praxis tatsächlich vor Covid-19 schützen, und darauf kommt es an. Die Ergebnisse der Studie decken sich jedoch mit anderen Untersuchungen.

Bei einer britischen Studie  etwa testeten Forscherinnen und Forscher Gesundheitspersonal bis zu 30 Wochen lang regelmäßig auf eine Infektion mit Sars-CoV-2. Von den rund 12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hatte etwa jede zehnte Person Antikörper im Blut, also schon eine Infektion durchgemacht. Während der Zeit der Studie erkrankten 89 Teilnehmende an Covid-19, niemand davon hatte sich zuvor schon infiziert. Allerdings entdeckten die Forscher auch drei asymptomatische Infektionen bei Personen, die eigentlich Antikörper im Blut hatten.

Alles spricht dafür, dass eine Ansteckung mit Sars-CoV-2 zwar keinen 100-prozentigen Schutz vor einer weiteren Infektion bietet. Sie senkt jedoch das Risiko erheblich, dass jemand innerhalb kurzer Zeit noch einmal erkrankt. Zumindest das gilt auch für die Impfung.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.