Schutz vor der vierten Welle Wie hoch müssen die Impfquoten wirklich sein?

Eine hohe Impfquote gilt als bester Schutz vor einem neuen Lockdown im Herbst. Weil Kinder aber nicht geimpft werden, müssen die Anteile in anderen Altersgruppen höher liegen. Der Weg zu 80 Prozent wird mühsam.
Leeres Impfzentrum nahe dem Stuttgarter Flughafen: Wer seine Bordkarte vorlegt, kann sich impfen lassen

Leeres Impfzentrum nahe dem Stuttgarter Flughafen: Wer seine Bordkarte vorlegt, kann sich impfen lassen

Foto: Friso Gentsch / dpa

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Es sind keine guten Nachrichten: Die Zahl der täglich beim Robert Koch-Institut gemeldeten Impfungen  gegen Covid-19 nimmt ab. Erhielten Mitte und Ende Juni 2021 im Sieben-Tage-Mittel oft noch mehr als 800.000 Menschen am Tag eine Impfung gegen Covid-19, sind es derzeit nur noch gut 600.000. Der Anteil der gegen die Krankheit Geimpften in der Gesamtbevölkerung wächst dadurch langsamer.

Dass der Fortschritt stockt, könnte an der Urlaubszeit liegen. Zudem hat noch längst nicht jeder, der bei einem Impfzentrum registriert ist oder beim Arzt auf einer Warteliste steht, ein Impfangebot bekommen. Dennoch wird bereits über eine mögliche (teilweise) Impfpflicht diskutiert. Die Regierung lehnt das bislang ab.

Stattdessen will sie weiter für das Impfen werben. Klar ist: Die Impfquote in Deutschland ist noch zu niedrig, um die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 ohne jegliche Schutzmaßnahmen in Zaum zu halten – vor allem mit Blick auf den Herbst und Winter und die sich auch hierzulande ausbreitende Delta-Variante. Doch welche Impfquote lässt sich überhaupt erzielen, wenn alle Impfwilligen immunisiert wurden? Reicht das für die Herdenimmunität?

Die Frage der Herdenimmunität

Der Begriff ist leicht irreführend bei Corona. Es ist gut möglich, dass eine Herdenimmunität in dem Sinne, dass sie Ungeimpfte sicher schützt (mehr dazu lesen Sie hier), nie erreicht werden wird. Durch eine hohe Impfquote lassen sich die exponentielle Ausbreitung des Virus und die Krankheitslast insgesamt aber massiv eindämmen – das verringert zumindest das Ansteckungsrisiko von Ungeimpften und ermöglicht es, Gegenmaßnahmen zu lockern.

Hinter dem Prinzip steckt eine simple Rechnung: Geht man davon aus, dass jeder Sars-CoV-2-Infizierte ohne Schutzmaßnahmen im Schnitt drei weitere Personen ansteckt, müssen durch Impfungen zwei dieser drei Ansteckungen (67 Prozent) verhindert werden, damit die exponentielle Ausbreitung des Erregers endet. Jeder Infizierte steckt dann nur noch eine weitere Person an. Das bremst das Virus aus. Für ansteckendere Virusvarianten wie Delta braucht es eine entsprechend höhere Quote.

Wie hoch genau sie sein muss, lässt sich nur grob sagen. Unsicherheitsfaktoren, etwa, dass die Impfung nicht zu hundert Prozent vor einer Ansteckung mit dem Virus schützt, sind in der vereinfachten Berechnung nicht berücksichtigt. Fachleute gehen aber davon aus, dass etwa 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen Covid-19 geimpft sein müssten, um zu einem recht normalen Alltag zurückkehren zu können und gleichzeitig eine weitere Infektionswelle zu verhindern.

Das Zahlenwirrwarr bei den Impfquoten

Mit Blick auf die neue Delta-Variante ist der höhere Wert der erstrebenswertere, klarere Entspannung brächte eine Impfquote von deutlich über 80 Prozent. Bislang liegt die Quote der vollständig gegen Covid-19 Geimpften in Deutschland bei 44 Prozent. Zur Frage, auf welchen Wert man kommt, wenn alle potenziell Impfwilligen tatsächlich geimpft sind, kursieren verschiedene Zahlen, für die es eine Einordnung braucht.

»Sollten sich alle, die dazu bereit sind, auch tatsächlich impfen lassen, so ergäbe sich aus den Geimpften und den Impfbereiten eine Impfquote unter Erwachsenen zwischen 18 und 74 Jahren von 81 Prozent«, heißt es etwa in der regelmäßigen Cosmo-Befragung  der Universität Erfurt. Die Rechnung geht davon aus, dass alle, die nach eigenen Angaben derzeit (eher) impfbereit sind, sich auch impfen lassen. Das RKI kommt in einer Umfrage  auf einen noch etwas höheren Wert.

Die 81 Prozent machen zumindest etwas Hoffnung. Solch eine Impfquote wäre bei den bislang bekannten Varianten hoch genug, um eine weitere Welle zumindest deutlich zu drosseln. Allerdings gibt es einen Haken: Der Wert bezieht sich lediglich auf Erwachsene. Berücksichtigt man die Impfmöglichkeiten und die Impfbereitschaft von Kindern und Jugendlichen, liegt die potenziell erreichbare Quote niedriger.

Fehlender Impfstoff für Kinder drückt die Quote

Bislang wurde hierzulande kein Impfstoff für Kinder unter 12 Jahren zugelassen. Diese Gruppe macht gut zehn Prozent der gesamten Bevölkerung aus. Sie kann von vorneherein nicht geimpft werden. Um das auszugleichen, muss die Quote unter den verbliebenen 90 Prozent der Bevölkerung umso höher liegen.

Ein Rechenbeispiel: Würden sich 80 Prozent der Menschen ab 12 Jahren impfen lassen, käme man auf eine Gesamtimpfquote von gut 70 Prozent der Bevölkerung (siehe Grafik oben). Das wäre gegen den Wildtyp des Virus ein guter Wert gewesen, deutlich ansteckendere Mutanten wie die Delta-Variante könnten sich bei dem Wert aber wohl noch exponentiell ausbreiten, wenn keine anderen Schutzmaßnahmen greifen.

Dabei ist das Szenario noch sehr optimistisch – mit Blick auf die Impfquote der Jugendlichen. Für Personen zwischen 12 und 17 Jahren gibt es bislang nur eine eingeschränkte Impfempfehlung . Sie machen noch mal etwa fünf Prozent der Bevölkerung aus, die vorerst wahrscheinlich nur zu einem geringeren Teil geimpft werden wird. Das könnte die Gesamtimpfquote in dem Szenario unter 70 Prozent drücken.

Hoffnung auf sehr hohe Quote bei Älteren

In der Debatte genannt wird immer wieder auch eine zu erstrebende Impfquote von 85 Prozent. Dieser Wert bezieht sich allerdings lediglich auf Menschen zwischen 12 und 59 Jahren. Am Dienstag griff Bundeskanzlerin Angela Merkel die Zahl in einer Pressekonferenz auf und verwies darauf, dass zugleich 90 Prozent der Menschen ab 60 geimpft sein müssten. Damit käme man auf eine Impfquote der Gesamtbevölkerung von 77 Prozent.

Falls es gelingt, diese Impfquoten bis Herbst zu erreichen, prognostiziert das RKI zum Jahresende eine Inzidenz von unter 100 und etwa 1000 Covid-19-Intensivpatienten, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Die Ausbreitung der Delta-Variante ist in der Rechnung berücksichtigt.

90 Prozent Impfquote unter den Menschen ab 60 könnte tatsächlich erreicht werden. In der Altersgruppe sind bereits 72 Prozent der Menschen vollständig geimpft, knapp 84 Prozent haben mindestens eine Impfung erhalten. Die meisten Erstgeimpften dürften sich für eine zweite Dosis entscheiden, zumal erst sie verlässlich gegen heftige Erkrankungen durch die Delta-Variante schützt und die ältere Gruppe besonders anfällig für schwere Verläufe ist.

Kniffliger dürfte es werden, 85 Prozent der 12- bis 17-Jährigen bis zum Herbst zum Impfen zu bewegen, solange es für Jugendliche keine klare Empfehlung gibt. Mit Blick auf die mittlere Altersgruppe zwischen 18 und 59 hoffen Experten auf im Alltag leicht wahrnehmbare Angebote. Der SPD-Politiker und Epidemiologe Karl Lauterbach brachte kürzlich gar Impfungen an Partymeilen ins Gespräch.

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Bislang haben 58 Prozent der Menschen zwischen 18 und 59 Jahren mindestens eine Impfung und 42 Prozent die vollständige Immunisierung erhalten. Unter den Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren liegen die Werte bei rund 14 beziehungsweise fünf Prozent. Die Zeit drängt, zumal zwischen erster und zweiter Dosis in der Regel noch ein guter Monat vergeht. Am 22. September beginnt der Herbst.

Mitarbeit: Marcel Pauly
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.