Coronavirus-Newsletter Sinn und Unsinn von Schulschließungen

Trump zofft sich mit der WHO, ein Ökonomenrat will mehr Schulden, und Boris Johnsons Gesundheitszustand gilt als Staatsgeheimnis: Lesen Sie hier Ihre Zusammenfassung für den Abend.

Timo Lenzen/ DER SPIEGEL

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich möchte gleich zu Beginn etwas klarstellen: Für die folgenden Zeilen dürfen Sie mir eine gewisse Befangenheit unterstellen. Denn wie in den vergangenen Tagen und Wochen hatten wir auch heute wieder Dutzende Artikel zur Coronakrise auf der Seite - dass ich nun eine Studie über Zweifel am Sinn von Schulschließungen besonders hervorhebe, könnte an meiner eigenen Meinung zum Thema liegen.

"Confirmation Bias" beschreibt eine wirkmächtige kognitive Verzerrung, die dazu führt, dass wir besonders gern solche Informationen als wahr empfinden oder hervorheben, durch die wir uns bestätigt fühlen oder die unsere Annahmen korrekt erscheinen lassen - und andere eben nicht. Die Ergebnisse der neuen Studie, die in "The Lancet Child & Adolescent Health" veröffentlicht wurden, nähren meinen persönlichen Wunsch, dass Schulen und vor allem Kitas baldmöglichst wieder ihre Pforten öffnen mögen, damit sich die besondere Betreuungssituation zu Hause wieder normalisiert.

Unabhängig davon, wie bei Ihnen die Lage ist, sind die Forschungsergebnisse, die mein Kollege Janne Kieselbach aufgeschrieben hat, interessant. Demnach hält ein internationales Forscherteam den Nutzen von Schulschließungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie für gering.

Die Maßnahme habe immer dann einen starken Effekt, wenn das Virus insgesamt nicht besonders ansteckend ist, aber überdurchschnittlich oft Kinder trifft. Das sei im Fall der Grippe gegeben. Für die neuartige Atemwegskrankheit Covid-19 gelte jedoch das Gegenteil: Das neuartige Coronavirus zeichne sich durch eine insgesamt hohe Ansteckungsquote bei einer zugleich niedrigen Infektionsrate unter Kindern aus.

Bei der Auswertung der Studien zum Sars-Ausbruch in China, Hongkong und Singapur kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Schulschließungen nicht zur Eindämmung der Epidemie beigetragen hätten. Allerdings merken die Studienautoren einschränkend an, dass sie auf widersprüchliche Aussagen in den untersuchten Forschungsarbeiten aufmerksam geworden seien.

Die Arbeit der Forscher hat vor der Veröffentlichung übrigens den Prozess des "Peer Review" durchlaufen - auch, um eventuell falsche Vorannahmen zu überprüfen.

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Hier kommen die wichtigsten Entwicklungen des Tages:

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Foto: Wolfram Steinberg / dpa

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Covid-19 in weltweiten Zahlen

  • Bestätigte Fälle: 1.446.242

  • Todesfälle: 83.424

  • Von der Krankheit genesen: 308.146

  • Deutschland: 103.228 bestätigte Erkrankte, 1861 Todesfälle

Quellen: CSSE / Johns-Hopkins-University , Stand: 8. April 2020, 14:15 Uhr; Robert Koch-Institut, Stand: 8. April 2020, 7:50 Uhr

Hintergrund und Service

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Die Leserfrage

Regelmäßig beantworten wir hier eine Frage unserer Leserinnen und Leser zum Coronavirus. Heute die von Leser Stefan Steinbach:

"Können Viren durch Klimaanlagen beziehungsweise Umluftanlagen beispielsweise in Supermärkten oder ähnlichen Gebäuden übertragen werden?" 

Die Antwort von Almut Cieschinger, Dokumentarin beim SPIEGEL:

"Ausgeschlossen ist das nicht. Aber nach Angaben von Experten ist eine Verbreitung nur dann möglich, wenn die Anlagen nicht gut geplant und gewartet wurden.

Sars-CoV-2 gelangt vor allem über Tröpfcheninfektion von einer Person zur nächsten. Eine Übertragung durch kleinste Virenpartikel in der Luft scheint allerdings ebenfalls möglich, denn laut einer ersten, noch nicht vollständig überprüften US-amerikanischen Studie könnte das Coronavirus auch noch bis zu drei Stunden in Aerosolen infektiös sein. Insofern ist es theoretisch denkbar, dass es auch durch Lüftungsanlagen in Räumen verteilt oder von einem Bereich in den nächsten gelangen und dort Menschen infizieren kann.

Eine vernünftig installierte und gewartete Lüftungsanlage kann eine Verbreitung des Virus aber auch erschweren, wenn verbrauchte Luft in den Räumen rasch abtransportiert oder zumindest hochgradig angereichert wird. Wenn in die Lüftungsanlage bestimmte Filter eingebaut sind, kann sich die Konzentration von Viruspartikeln sogar deutlich mindern.

Lediglich durch falsche Planung oder Wartung können "Fehlströmungen" auftreten, die dazu führen, dass Abluft aus einem Gebäudebereich als Zuluft in einen anderen Gebäudebereich gelangen kann. Die meisten Systeme aber werden im Unterdruck betrieben, dadurch könne auch bei Lecks in den Leitungen "keine Abluft" entweichen."

Wie geht es Ihnen?

Sie haben medizinische Fragen zum neuartigen Coronavirus oder möchten genauer wissen, welche wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen Auswirkungen die Krise für Deutschland und die Welt hat? Wir beantworten eine Auswahl von Leserfragen hier im Newsletter. Schreiben Sie uns an coronafragen@spiegel.de . (Mit der Einreichung einer Leserfrage räumen Sie SPIEGEL.de das Recht ein, diese unter Nennung Ihres Namens auf SPIEGEL.de zu veröffentlichen und dauerhaft zu archivieren. Sollten Sie auf Anonymität bestehen, vermerken Sie das bitte in der Mail.)

Einen schönen Mittwochabend wünscht

Ihr Kurt Stukenberg

Was Sie über das Virus wissen müssen

Alle Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Coronavirus haben wir hier für Sie zusammengestellt. Weitere aktuelle Entwicklungen finden Sie auf SPIEGEL.de.

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