Neuartiges Coronavirus Das Iran-Problem

In Iran breitet sich Sars-CoV-2 aus. Nachbarstaaten haben die Grenzen geschlossen. Flüge zwischen Teheran und Deutschland verkehren dagegen weiter - wenn auch unter strengeren Regeln. Wird die Gefahr unterschätzt?
Sars-CoV-2 breitet sich international über Flüge aus, Iran Air bietet Verbindungen zwischen Teheran und Deutschland an

Sars-CoV-2 breitet sich international über Flüge aus, Iran Air bietet Verbindungen zwischen Teheran und Deutschland an

Foto: Arnulf Hettrich/ imago images

Als die Iran Air Maschine IR 723 am Montagvormittag mit mehreren Stunden Verspätung in Hamburg landete, waren viele der wartenden Angehörigen in Sorge. Knapp eine Woche zuvor hatte die Regierung in Teheran den Ausbruch des Coronavirus im Land bekannt gegeben, seitdem breitet es sich nachweislich rasant aus.

Freunde und Verwandte der Reisenden aus Iran fragten am Hamburger Flughafen an, ob die Ankommenden auf das Virus getestet würden. Dort zeigte sich jedoch niemand zuständig, die Angehörigen wurden an eine "Corona-Hotline" verwiesen. Die konnte ihnen aber keine Auskunft geben. Alle Passagiere durften den Flughafen verlassen.

Nun sorgen sich einige von deren Verwandten in Hamburg, ob ihre Besucher womöglich unabsichtlich Sars-CoV-2 mitgebracht haben. Denn in Iran häufen sich Fälle von Covid-19, die Lungenkrankheit, die von dem neuartigen Coronavirus verursacht wird. Die Regierung versuchte wochenlang den Ausbruch zu vertuschen. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Vieles deutet darauf hin, dass sich das Virus dort unkontrolliert ausbreitet. Laut offiziellen Zahlen haben sich in Iran mindestens 245 Menschen infiziert, 26 von ihnen sind gestorben. In keinem anderen Land außerhalb Chinas sind damit bislang mehr Menschen an Covid-19 gestorben. Und: Die dokumentierten Todesfälle verteilen sich quer über das Land, ohne dass die Infektionswege bekannt sind.

Ob das Virus an Bord der Teheran-Maschine unbeabsichtigt und unbemerkt nach Hamburg gelangte, ist völlig unklar. Doch die Situation offenbart die größten Herausforderungen bei einer sich anbahnenden Pandemie: Viren machen vor Grenzen nicht halt. Wie real die Gefahr ist, zeigt ein aktueller Fall aus Kaiserslautern: Dort wurde bei einem Patienten das neuartige Virus festgestellt, wie die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler am Donnerstag in Mainz mitteilte. Der etwas über 30 Jahre alte Mann sei bis vor Kurzem in Iran gewesen und habe dort Kontakt mit einer "symptomatisch auffälligen Person" gehabt, sagte die sozialdemokratische Ministerin.

Jede zuständige Behörde muss die Risiken ständig neu abwägen und einschätzen, ob die betroffenen Gebiete willens und in der Lage sind, den Ausbruch einzudämmen.

Länder wie die Türkei, Pakistan, Afghanistan und Armenien haben sich zu drastischen Maßnahmen entschieden und ihre Grenzen zu Iran teilweise schon Sonntag geschlossen, alle Verbindungen per Auto, Zug oder Flugzeug sind gekappt.

In Deutschland lief dagegen zunächst alles wie immer, Passagiere aus Iran konnten ohne zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen einreisen, auch in Hamburg. Der Hamburger Flughafen teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit, in solchen Situationen nicht zuständig zu sein und verwies auf die Hamburger Gesundheitsbehörde. Doch auch die hatte zunächst keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen beschlossen. "Meines Wissens ist da nichts passiert", sagte ein Behördensprecher dem SPIEGEL noch am Dienstag.

Behörden verschärfen Sicherheitsbestimmungen

Erst am Mittwochabend einigte man sich bundesweit auf weitere Sicherheitsmaßnahmen. Nun müssen Piloten den Gesundheitszustand ihrer Passagiere an den Tower am Zielflughafen melden, wenn sie in Iran, Südkorea, Japan oder Italien gestartet sind. Bisher galt das nur für Flüge aus China, wo das Virus ausgebrochen war.

Außerdem müssen sich Flugreisende aus den genannten Gebieten künftig sofort nach ihrer Landung melden und erklären, wo sie sich aufgehalten haben. Um im Notfall auffindbar zu sein, müssen sie sogenannte Ausstiegskarten ausfüllen. Darauf vermerken sie beispielsweise ihre Kontaktdaten und wo sie sich in nächster Zeit aufhalten werden. Außerdem bekommt jeder Reisende Hinweise, was bei einem Verdachtsfall zu tun ist. Diese Auflagen gehören zu einer der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus, die ein neu eingerichteter Krisenstab beschlossen hat. 

Die Hamburger Gesundheitsbehörde bestätigte auf SPIEGEL-Anfrage, dass diese Vorgaben nun auch für die Hansestadt gelten. Die Passagiere vom Flug am Montag hatten nach eigenen Aussagen noch keine Ausstiegskarten bekommen.

Ob die neuen Maßnahmen ausreichen werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, wird sich zeigen müssen.

Andere Länder haben strengere Maßnahmen getroffen. In Großbritannien wurden mehrere Iranreisende vorsorglich für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt. Zudem sollen sich alle Menschen beim britischen Gesundheitsdienst NHS melden , die seit dem 19. Februar aus Iran eingereist sind. Die Betroffenen sind außerdem aufgefordert zu Hause zu bleiben, selbst wenn sie keine Symptome haben.  

Rohani: Situation bis Samstag wieder normal

Irans Präsident Hassan Rohani gibt sich derweil betont gelassen und beteuert, dass sich die Lage bis Samstag normalisieren werde. Das Versprechen dürfte schwer einzuhalten sein.

Noch am Montag hatte Irans stellvertretender Gesundheitsminister Iraj Harirchi bei einem Fernsehauftritt alle Vorwürfe zurückgewiesen, die Regierung würde das Ausmaß der Epidemie kleinreden. Dabei hustete er und wischte sich Schweiß von der Stirn, behauptete aber, sich nur räuspern zu müssen. Kurze Zeit später wurde er positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

In einer Videobotschaft auf Twitter versicherte er am Dienstag, es gehe ihm gut, er fühle sich nur abgeschlagen und habe Fieber. Wie viele Menschen er angesteckt haben könnte, ist unklar.

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Dabei hängt die weitere Entwicklung der Epidemie maßgeblich davon ab, ob sich die einzelnen Ausbrüche rasch eindämmen lassen. "In der Frühphase einer Ausbreitung ist eine strikte Umsetzung von Isolation- und Quarantänemaßnahmen sinnvoll", sagt Timo Ulrichs, Professor für globale Gesundheit an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. "Im besten Fall kann ein lokaler Ausbruch auf diese Weise ausgelöscht werden. Bei nur einer oder wenigen betroffenen Regionen ist so etwas möglich. Wenn es zeitgleich viele Ausbrüche gibt, leider nicht mehr."

Auch in Deutschland sind seit Dienstag Infektionen mit Sars-CoV-2 bekannt, bei denen nicht klar ist, wo sich die Betroffenen angesteckt haben. Gesundheitsminister Jens Spahn sieht Deutschland deshalb am Beginn einer Corona-Epidemie. Alle Bundesländer sind aufgefordert, ihre Notfallpläne zu aktivieren und ihr mögliches Inkrafttreten vorzubereiten.

Der Pandemieplan für Hamburg  sieht auch mögliche Untersuchungen bei Reisenden an Flughäfen vor. Am Flughafen Fiumicino in Rom werden diese bereits eingesetzt. Dort prüfen Wärmebildkameras automatisch die Körpertemperatur aller Reisenden, auch aus dem Inland. Nur wer kein Fieber hat, darf einreisen. Die Methode ist jedoch unzuverlässig, weil längst nicht alle Infizierten Fieber bekommen. Die WHO schätzt, dass das Virus bei vier von fünf Betroffenen gar keine oder nur leichte Beschwerden auslöst.

DER SPIEGEL

Selbst ein negativer Test auf das neuartige Coronavirus ist keine Garantie, dass die Getesteten nicht doch infiziert sind. Je nach Verlauf lassen sich die Viren nur in den unteren Atemwegen oder im Stuhl nachweisen. 

"Wegen der vielen symptomarmen Verläufe und der Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen ist jedes Einreise-Screening von sehr beschränktem Wert", teilte Udo Götsch, Mediziner vom Frankfurter Gesundheitsamt, auf Anfrage mit. Wie in Hamburg setzen die Frankfurter Behörden deshalb vor allem auf Informationen der Passagiere.

Die wichtigsten Hygieneregeln
  • Drehen Sie sich am besten weg, wenn Sie husten oder niesen müssen! Mindestens ein Meter Abstand sollte zwischen Ihnen und anderen Personen sein.

  • Ein Papiertaschentuch bitte nur einmal benutzen! Entsorgen Sie es anschließend in einem Mülleimer mit Deckel.

  • Halten Sie sich beim Husten und Niesen die Armbeuge vor Mund und Nase, wenn gerade kein Taschentuch zur Hand ist.

  • Wichtig: Waschen Sie sich nach dem Naseputzen, Niesen oder Husten gründlich die Hände, entweder mit einem Desinfektionsmittel auf Alkoholbasis oder mit Wasser und Seife.

Quelle: WHO, Gesundheitsministerium

Poster am Flughafen informieren über mögliche Risiken und fordern Reisende auf, sich bei einem Arzt zu melden und möglichst zu Hause zu bleiben, wenn sie innerhalb von 14 Tagen nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet Symptome wie Fieber, Husten oder Atemnot verspüren.

Doch kann man darauf vertrauen, dass sich alle Betroffenen tatsächlich melden? In Russland musste eine junge Frau per Gerichtsbeschluss zur Quarantäne gezwungen werden.

Eine weitere Möglichkeit wäre, Flugverbindungen zwischen Iran und Deutschland zu kappen. Eine solche Entscheidung wäre politisch hochbrisant, besonders wenn die Flugverbindungen zu anderen betroffenen Ländern wie China bestehen blieben. Denn damit würde man Iran ganz offiziell unterstellen, den Ausbruch nicht im Griff zu haben.

Airlines können allerdings Flüge streichen. Lufthansa hat die Verbindungen von und nach China beispielsweise bis Ende März eingestellt. Die Direktflüge zwischen Teheran und Hamburg beziehungsweise Frankfurt am Main werden von Iran Air angeboten. Ob die Fluggesellschaft die Routen einstellen wird, ist fraglich, sie ist in staatlicher Hand.

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