»Der Nutzen überwiegt die Risiken« Warum manche Länder vorerst auf AstraZeneca verzichten – Deutschland aber nicht

In Europa sind 30 Fälle von Gerinnungsstörungen nach einer AstraZeneca-Impfung bekannt – bei knapp fünf Millionen Geimpften. Einen Zusammenhang sehen Experten nicht, in Deutschland wird der Stoff weiter verimpft.
Die Impfungen mit der Vakzine von AstraZeneca gehen in Deutschland weiter

Die Impfungen mit der Vakzine von AstraZeneca gehen in Deutschland weiter

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Deutschland hält an dem Einsatz des Coronaimpfstoffes von AstraZeneca fest. Die Meldungen würden sehr ernst genommen und die Datenlage beständig geprüft, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Montag. Zuvor hatten einige europäische Länder wie die Niederlande, Irland, Dänemark, Norwegen und Island den Einsatz des Impfstoffs vorübergehend ausgesetzt. Italien und Österreich stoppten die Verwendung von bestimmten Chargen.

Derzeit bleibe es aber bei der Linie der Bundesregierung, den Impfstoff weiterzuverwenden, der von der europäischen Arzneimittelbehörde Ema als sicher eingestuft worden sei, sagte der Sprecher. Im Laufe der Woche fänden beim Paul-Ehrlich-Institut (Pei) und der Ema verschiedene Expertenrunden statt.

Bislang kein ursächlicher Zusammenhang nachgewiesen

Anlass der Debatte sind Berichte über Komplikationen nach den Impfungen, konkret ging es um die Bildung von Blutgerinnseln. Der Ema wurden bislang rund 30 Fälle von Gerinnungsstörungen nach einer AstraZeneca-Impfung gemeldet – und das bei bislang knapp fünf Millionen Geimpften. »Die Zahl der thrombembolischen Vorfälle bei geimpften Menschen ist nicht höher als die Zahl in der Gesamtbevölkerung«, schrieb die Ema in einem Statement .

Nach erster Prüfung gebe es keinen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang. »Der Nutzen des Impfstoffs überwiegt die Risiken, und der Impfstoff kann weiterhin verabreicht werden, während die Überprüfung der Gerinnungsstörungen weiterläuft«, so das für die Bewertung und Sicherheit von Humanarzneimitteln zuständige Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (Prac) der Ema . Dieser Einschätzung schlossen sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das in Deutschland für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut an.

»Insgesamt kann man mit derzeitigem Kenntnisstand davon ausgehen, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den wenigen thromboembolischen Ereignissen gibt – statt von einer Kausalität ist eher von einer Koinzidenz auszugehen, also mehr Zufall als Ursache«, erklärte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing. Es sei nun aber »bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffes und der Impfkampagne insgesamt schadet.«

Auch AstraZeneca hat seinen Covid-19-Impfstoff inzwischen verteidigt. Der Pharmakonzern sehe kein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln in Zusammenhang mit der Vakzine. Eine sorgfältige Analyse aller verfügbaren Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Menschen, die in der Europäischen Union und in Großbritannien mit dem Mittel geimpft wurden, habe keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer Lungenembolie, einer tiefen Venenthrombose oder einen Rückgang der Blutplättchen ergeben, teilte AstraZeneca am Sonntagabend mit.

Bei einer Dänin, die nach einer Impfung mit dem Mittel von AstraZeneca an einem Blutgerinnsel gestorben war, sind nach Angaben der dänischen Arzneimittelbehörde »höchst ungewöhnliche« Symptome aufgetreten. Die 60-Jährige habe eine niedrige Anzahl an Blutplättchen gehabt, Blutgerinnsel in kleinen und großen Gefäßen sowie Blutungen.

Alle Berichte genau prüfen

Auch Großbritannien impft weiter mit dem Mittel von AstraZeneca. »Wir prüfen die Berichte genau, aber angesichts der großen Anzahl verabreichter Dosen und der Häufigkeit, mit der Blutgerinnsel auf natürliche Weise auftreten können, deuten die verfügbaren Beweise nicht darauf hin, dass der Impfstoff die Ursache ist«, sagte Phil Bryan von der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) einer Mitteilung zufolge. »Alle Menschen sollten sich gegen Covid-19 impfen lassen, wenn sie dazu aufgefordert werden«, sagte Bryan.

Zuletzt hatte die Impfkommission sich für einen vorübergehenden Stopp der Impfungen mit dem Präparat ausgesprochen, das der britisch-schwedische Konzern AstraZeneca gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelt hat. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme. In Großbritannien wurden bisher keine Fälle schwerer Nebenwirkungen bekannt.

Die Niederlande hingegen sprachen von einer »Vorsichtsmaßnahme«: »Wir können keine Zweifel an dem Impfstoff zulassen«, sagte Gesundheitsminister Hugo de Jonge. Es habe keine Vorfälle in den Niederlanden gegeben und es gebe auch keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Impfung und Berichten über mögliche schwere Nebenwirkungen aus Dänemark und Norwegen. »Wir müssen sicherstellen, dass alles in Ordnung ist, deshalb ist es ratsam, vorerst eine Pause einzulegen.«

Der Impfstoffforscher Leif-Eric Sander von der Berliner Charité hatte die Lage in der vergangenen Woche so beurteilt: »Die ergriffenen Maßnahmen sind selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen. Es ist wichtig und richtig, dass allen Ereignissen sehr sorgfältig nachgegangen wird. Das geschieht ja auch durch die zuständigen Behörden. Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge.«

hei/dpa/Reuters
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