Ausbreitung des Coronavirus Die Gefahr der Superspreader

Zu Beginn einer Pandemie können Einzelne die Ausbreitung eines Virus ungewollt massiv beschleunigen. Auch im Fall des Coronavirus wird von mehreren sogenannten Superspreading-Ereignissen ausgegangen.
Luftaufnahme von einer Menschenmenge. Die Linien sollen die Verbreitung des Coronavirus illustrieren

Luftaufnahme von einer Menschenmenge. Die Linien sollen die Verbreitung des Coronavirus illustrieren

Foto: Orbon Alija/ Getty Images

Könnte sich ein Virus aussuchen, von wo aus es sich ausbreiten möchte, würde es einen Ort wie Ischgl wählen. Hier gibt es mehr als 10.000 Gästebetten. Menschen aus zig Nationen reisen jeden Winter an.

Sie sitzen dicht an dicht in den Gondeln, im Lift und auf den Berghütten des Skigebiets. Am Abend wird gemeinsam in Restaurants gegessen und in Bars und Klubs gefeiert. Nach dem Urlaub fahren und fliegen die Besucher in die unterschiedlichsten Heimatregionen zurück. Für Viren bietet das gleich zwei Vorteile. Sie können in kurzer Zeit viele Menschen infizieren und die nehmen sie anschließend in ihre Heimatregionen mit und stecken weitere Personen an.

Das kann dazu führen, dass sich eine Pandemie wie die aktuelle noch schneller ausbreitet als ohnehin schon. Statt wie im Schnitt drei Personen infiziert ein Erkrankter dann möglicherweise zehn oder noch mehr Personen.

Damit wächst das Risiko, dass Krankenhäuser durch zu viele Schwerkranke gleichzeitig an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Im Zusammenhang mit der aktuellen Corona-Pandemie werden mehrere Superspreading-Ereignisse diskutiert: In Ischgl, bei Fußballspielen und auf Privatpartys. Zwar gibt es noch keinen Fall, bei dem die Ansteckungskette präzise dokumentiert ist. Es ist aber wahrscheinlich, dass einzelne Vorkommnisse mit vielen Infizierten die Pandemie regional beschleunigt haben.

Virenparadies Ischgl

Der österreichische Partyskiort Ischgl gilt etwa als ein zentraler Verbreitungsort für das Virus in ganz Europa. Wer das Virus erstmals in den Skiort in Tirol gebracht hat, ist unklar, dass er dort grassiert, ist jedoch unstrittig.

Erstmals geriet die Skiregion in den Fokus, als isländische Behörden am 29. Februar 2020 bei einer aus Ischgl zurückgekehrten Reisegruppe 15 Corona-Fälle entdeckten. Die Behörden in Island ernannten Ischgl daraufhin am 5. März zum Risikogebiet.

In Ischgl lief der Betrieb jedoch zunächst wie gewohnt weiter. Die Tiroler Behörden argumentierten, ein am Virus erkrankter Italien-Rückkehrer hätte mit im Flugzeug nach Island gesessen. Eine Ansteckung in Tirol sei "aus medizinischer Sicht unwahrscheinlich".

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob in Ischgl Ende Februar ein Corona-Fall bei einer Mitarbeiterin eines Gastronomiebetriebs vertuscht wurde.

Ein Barmitarbeiter, 15 neue Infektionen auf einen Schlag

Der erste offizielle Corona-Fall in dem Skiort ist nicht weniger brisant: Am 7. März wurde bekannt, dass ausgerechnet ein Barkeeper der Après-Ski-Bar "Kitzloch" positiv auf das neue Coronavirus getestet wurde. Für das Virus ein perfekter Wirt.

Servicemitarbeiter sind prädestiniert, zum Superspreader zu werden. Sie haben engen Kontakt zu Besuchern, reichen Gläser, schütteln Hände, umarmen, vielleicht gibt es zur Begrüßung auch mal Küsschen auf die Wange.

Sind solche Menschen einmal infiziert, geben sie das Virus an eine große Kundenzahl weiter - und beschleunigen die Ausbreitung des Virus damit deutlich (siehe Grafik unten).

24 Personen aus dem Umfeld des Barkeepers wurden später positiv auf das neue Coronavirus getestet. Aus einer Infektion wurden in nur einem Schritt also mindestens 25. Wie ein einziger solcher Vorfall die Ausbreitung des Virus beschleunigen kann, zeigt die Grafik unten.

Zur Erinnerung: Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 ist im Schnitt deutlich weniger ansteckend. Erst wenn ein Infizierter drei weitere Leute angesteckt hat, die dann jeweils wieder drei anstecken, die wieder drei infizieren, gibt es bei der üblichen Rate mehr Infektionen als in Ischgl allein durch einen Barmitarbeiter.

Beendet wurde die Skisaison in dem Ort erst am 14. März. Bis dahin haben sich wohl Hunderte Touristen in dem Ort mit dem Virus infiziert und es nichts ahnend in ihre Heimatländer verschleppt. Wie viele genau es waren, ist unklar. Da die Hälfte der Ischgl-Urlauber aus Deutschland kommen, macht sich der Effekt hier aber besonders bemerkbar.

In einigen Regionen, besonders solchen, in denen es vorher keine oder nur wenige Fälle gab, stieg die Zahl der nachweislich Infizierten durch Ischgl-Rückkehrer merklich an. Die Stadt Hamburg berichtet bis heute, der Anstieg der Fallzahlen in der Stadt werde unter anderem "durch einen hohen Anteil von Urlaubsrückkehrern verursacht".

Laut dem Situationsbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Mittwoch  sind derzeit gut 8300 nachgewiesene Infektionen auf Ansteckungen im Ausland zurückzuführen, mehr als 2200 gehen auf Tirol zurück.

In welchem Umfang Ischgl-Rückkehrer Menschen in Deutschland angesteckt haben, die das Virus wieder weitergetragen haben, ist nicht bekannt. Die Rückkehrer wurden gebeten, sich zwei Wochen in Quarantäne zu begeben.

Virenparadies Fußballstadion

Ischgl ist allerdings nicht der einzige Ort, an dem sich das Coronavirus besonders wohlgefühlt haben dürfte. Auch Fußballspiele könnten seine Ausbreitung deutlich beschleunigt haben. Diskutiert wird das vor allem im Zusammenhang mit den schweren Ausbrüchen in Italien und Spanien.

In Italien sind derzeit so viele Menschen gleichzeitig erkrankt, dass die Krankenhäuser Menschen sterben lassen müssen, weil sie zu wenige Kapazitäten haben . Spanien ist nach Italien das bislang am zweitstärksten betroffene Land in Europa.

Kurz bevor die Ausbreitung des Virus in den beiden Staaten deutlich an Fahrt aufgenommen hat, trafen am 19. Februar und 10. März im Achtelfinale der Champions-League der italienische Verein Atalanta Bergamo und der spanische FC Valencia aufeinander. Das Hinspiel fand vor 44.000 Zuschauern im Giuseppe-Meazza-Stadion (ehemals San Siro) in Mailand statt, das Rückspiel drei Wochen später ohne Zuschauer in Valencia.

Mailand ist die Hauptstadt der Lombardei in Norditalien, einer der zwei Regionen, von denen aus sich das Coronavirus stark ausbreitet. Auch Bergamo liegt dort. Das Hinspiel wird in Italien nun als "Spiel null" bezeichnet. Der Bürgermeister von Bergamo, Giorgio Gori, sprach im Zusammenhang mit den Partien von einer "biologischen Bombe".

Im Detail lässt sich bislang jedoch schwer nachvollziehen, inwiefern die Sportveranstaltungen die Ausbreitung des Virus befeuert haben. Vor allem mit Blick auf das Hinspiel ist die Beweislage dünn. Es gibt lediglich ein paar Anhaltspunkte.

So hat sich beispielsweise ein spanischer Journalist auf seiner Reise nach Italien mit dem neuen Coronavirus angesteckt. Je nachdem, bei wem er sich infiziert hat, ist davon auszugehen, dass er nicht der einzige war. Ähnlich wie Partyhochburgen sind Fußballstadien bestens geeignet, um ein Virus wie Sars-CoV-2 zu verbreiten.

Rätsel um Infektionen beim FC Valencia

Dort befinden sich Zehntausende Menschen auf engem Raum, die ihr Essen und ihre Getränke an den gleichen Ständen kaufen und im Fanblock dicht zusammenstehen. Hier fällt man sich beim Torjubel in die Arme, trinkt aus dem gleichen Becher und teilt sich die Bratwurst. Wenn einer niest oder seine Euphorie und den Frust speichelreich über die Ränge brüllt, haben mindestens die Reihen vor ihm etwas davon.

Vor und nach dem Spiel tummeln sich Fans dicht gedrängt in Bussen und Zügen, treffen sich auf Rastplätzen und in der Kneipe. Zwei Meter Abstand hält hier niemand. Es ist wahrscheinlich, dass ein Infizierter unter diesen Umständen mehr als drei Leute auf einen Schlag anstecken würde. Belege für einen solchen Vorfall gibt es im Zusammenhang mit dem Spiel bislang aber nicht. Etwas besser ist die Datenlage beim Rückspiel.

Zwar standen hier nur die beiden Mannschaften auf dem Platz. Die hatten aber Körperkontakt. Sechs Tage nach dem Spiel teilte der FC Valencia mit, 35 Prozent der Personen aus dem direkten Umfeld der Profimannschaft seien positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Allerdings hatte Valencia am 6. März, also zehn Tage vor Bekanntwerden der Corona-Fälle in der eigenen Mannschaft, auch gegen den spanischen Verein Deportivo Alavés gespielt - in Vitoria, einer der Corona-Hochburgen Spaniens.

15 Infektionen bei Deportivo Alavés

Deportivo Alavés meldete knapp zwei Wochen nach der Partie 15 Infektionen, drei Spieler der ersten Mannschaft und sieben Personen aus dem Trainerstab seien betroffen. Die Inkubationszeit des Virus beträgt bis zu zwei Wochen, die Spieler könnten bei der Partie gegen Valencia also bereits Viren in sich getragen haben.

Bei Atalanta Bergamo wurde erst am 25. März der erste Corona-Fall bekannt - auch hier betrug die Spanne zwischen dem Spiel gegen Valencia und dem Bekanntwerden der Infektion ziemlich genau zwei Wochen. Inzwischen ermittelt der italienische Zivilschutz zu den Spielen.

Auch in Deutschland gibt es Debatten, inwiefern Fußballspiele die Ausbreitung des Coronavirus beschleunigt haben könnten, etwa im Zusammenhang mit den Partien Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund am 7. März und dem Champions-League-Achtelfinal-Rückspiel zwischen RB Leipzig und Tottenham Hotspur drei Tage später - dem vorerst letzten Fußballspiel vor Publikum in Deutschland.

Die Behörden in Sachsen sehen bislang allerdings keine Auffälligkeiten in ihrer Corona-Statistik. Allerdings wurde im Zusammenhang mit den Spielen auch nicht gezielt getestet.

Das Gesundheitsamt des besonders stark betroffenen Kreises Heinsberg, der nur 30 Kilometer von Mönchengladbach entfernt liegt, ging auf die Frage nach einem möglichen Zusammenhang mit dem Fußballspiel nicht weiter ein. Die Stadt Mönchengladbach antwortete gar nicht.

Geburtstagsparty mit Folgen

Dass neben Partyorten und Großveranstaltungen auch private Partys das Potenzial haben, die aktuelle Corona-Pandemie zu beschleunigen, zeigt der Fall einer Stadt in den USA.

Eine Frau hatte in Westport im US-Bundesstaat Connecticut am 5. März ihren 40. Geburtstag mit etwa 50 Leuten gefeiert. Damals gab es in dem Ort keine nachgewiesenen Corona-Fälle, berichtet die "New York Times" . Noch nicht.

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Die Feier gilt inzwischen als "Party null" in der Region. Bei der Frau zu Besuch waren sowohl Personen aus der direkten Umgebung, aber auch aus anderen Bundesstaaten sowie New York City und aus Johannesburg in Südafrika.

Die Gäste unterhielten sich und aßen vom gleichen Buffet. Auf dem Rückflug erkrankte der Besucher aus Johannesburg - und wurde später positiv auf das Virus getestet. Drei Tage nach der Party zeigte auch eine Frau in Westport Symptome.

Nachdem bekannt geworden war, dass der Mann aus Johannesburg infiziert war, nahmen die Behörden Kontakt zu den restlichen Gästen auf. Einige von ihnen hatten Kinder. Schulen und öffentliche Gebäude wurden daraufhin geschlossen, die Party-Gäste zu drive-through-Tests aufgerufen.

38 Personen ließen sich testen, die Hälfte der Tests war positiv. Geht man davon aus, dass eine Person auf der Party mit dem Virus infiziert war, hätte sie allein dort mindestens 19 Leute angesteckt. Westport gilt inzwischen als Corona-Hochburg in Connecticut.

Welchen Einfluss die Party genau hatte, ist unklar, die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass sie zumindest zur schnellen Ausbreitung des Virus beigetragen hat. Stand Montag entfallen mit inzwischen 85 nachgewiesenen Infektionen ein Fünftel der Corona-Infektionen in Connecticut auf die Stadt, dabei lebt dort nicht mal ein Prozent der Bevölkerung.

Arzt als Virenquelle

Dass Einzelereignisse maßgeblich zur weltweiten Ausbreitung eines Virus beitragen können, zeigt ein Fall im Zusammenhang mit dem Ausbruch von Sars in den Jahren 2002/03.

Das Sars-Virus gehört ebenfalls zu den Coronaviren und sprang ähnlich wie der neue Erreger in China von einem Tier auf einen Menschen über. Er löste so die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts aus. Damals infizierten sich ungefähr 8000 Menschen , etwa 800 starben.

Ausbreitung der Sars-Pandemie 2002/03: Ungefähr 8000 Infizierte

Ausbreitung der Sars-Pandemie 2002/03: Ungefähr 8000 Infizierte

Foto: Maximilian Dörrbecker/ CC BY-SA 4.0

Ein paar dieser Toten lassen sich mit der Infektion eines Arztes in Verbindung bringen, der Menschen mit Sars-Infektion behandelt und sich anschließend in ein Hotel in Hongkong eingemietet hatte. Im Gegensatz zu den aktuellen Fällen ist die Infektionskette hier recht präzise dokumentiert.

In dem Hotel steckten sich demnach mindestens zwölf Personen an, die das Virus anschließend in Krankenhäuser in Hongkong , nach Kanada, Vietnam und Singapur verschleppten. In Hongkong infizierten sich daraufhin in kurzer Zeit mehr als 200 Mitarbeiter von Krankenhäusern und deren Angehörige mit dem Sars-Virus .

In Kanada steckte eine Frau ihren Sohn an, der wiederum mehrere Mitarbeiter eines Krankenhauses infizierte. Auch die nach Singapur Weitergereisten infizierten medizinisches Personal. Ein Klinikmitarbeiter reiste wiederum nach Deutschland und steckte dort zwei Familienmitglieder an. Der Arzt sowie mindestens zwei weitere Personen starben.

Besondere Gefahr: junge, aktive Leute

Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des neuen Coronavirus sorgen sich Experten nun auch um Hunderttausende junge Menschen, die trotz der Corona-Pandemie ihre Frühlingsferien mit Partys an den Stränden im Süden verbringen oder verbracht haben, etwa in Florida.

Vom Springbreak könnten sie das Virus in den nächsten Wochen verstärkt in den USA verteilen. Nach China und Italien gibt es dort mit etwa 70.000 nachweislich Infizierten derzeit die drittmeisten Fälle weltweit.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Junge Menschen stehen insgesamt im Verdacht, die Corona-Pandemie zu befeuern. Laut Daten aus Südkorea, wo sehr umfassend getestet wurde, waren fast 30 Prozent der Corona-Infizierten zwischen 20 und 29 Jahre alt - so viele wie in keiner anderen vergleichbaren Altersspanne (mehr dazu lesen Sie hier).

Das Ergebnis verwundert kaum: Junge Menschen erkranken selten schwer am Virus und pflegen gleichzeitig viele soziale Kontakte.

Mitarbeit: Marcus Bark
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