Covid-19 Die schwierige Frage nach der Todesursache

Wie viele Menschen sterben tatsächlich an Covid-19? Sterben viele aufgrund ihrer Vorerkrankungen nicht eher "mit" dem Virus? Ein genauerer Blick auf diese Fragen macht deutlich, warum verlässliche Zahlen so schwer zu ermitteln sind.
Ein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens transportiert die Leichen von zwei Covid-Opfern, Lausanne, Schweiz

Ein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens transportiert die Leichen von zwei Covid-Opfern, Lausanne, Schweiz

Foto: Jean-Christophe Bott/ DPA

Wer aktuell herausfinden will, wie viele Menschen in Hamburg am Coronavirus gestorben sind, erhält von zwei Behörden unterschiedliche Auskünfte. Das Robert Koch-Institut (RKI) nennt als Bundesbehörde die Zahl aller Todesfälle von Menschen mit einer nachgewiesenen Sars-CoV-2-Infektion. Die Hamburger Gesundheitsbehörde zählt dagegen nur jene Todesfälle, die die Rechtsmedizin bestätigt hat: "Dadurch wird medizinisch differenziert nachgewiesen, welche nicht nur mit, sondern ursächlich durch eine Covid-19-Erkrankung gestorben sind", heißt  es seitens der Hamburger Behörde. Das RKI schreibt in seinen täglichen Lageberichten  von "Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen".

Überschätzen wir dadurch die Zahl der Todesfälle? Und ist eine genauere Definition notwendig, um die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus besser einzuschätzen?

André Karch, Epidemiologe an der Universität Münster, sieht das Vorgehen des RKI in der Akutsituation als angemessen an. Man brauche zurzeit eine einfache und etablierte Vorgehensweise. Er sieht die Frage, ob jemand AN oder MIT Covid-19 gestorben sei, als wichtig, aber aktuell schwer lösbar an, da sich im Einzelfall eine Todesursache ohnehin oft nicht klar zuordnen lasse. Aus wissenschaftlicher Sicht sei es ebenfalls sehr wichtig, für wie viele verlorene Lebensjahre die Krankheit verantwortlich sei. Das herauszufinden sei aber nicht trivial und erst der nächste Schritt, so Karch.

In einem am 5. April veröffentlichten Thesenpapier  zum Umgang mit Covid-19 nennt eine Forschergruppe ein Beispiel, warum wir die Gefährlichkeit von Sars-CoV-2 auf Basis der bisherigen Todesfallzahlen überschätzen könnten: Wenn ein älterer Patient mit Vorerkrankungen einen Schlaganfall erleidet, in die Klinik kommt und dort festgestellt wird, dass er ein asymptomatischer Sars-CoV-2-Träger ist, dann würde er, wenn er am Tag darauf stirbt, als Covid-19-Sterbefall geführt.

Karch stimmt dem zu, gibt aber hier zu bedenken, dass es möglich sei, dass der Mann keinen Schlaganfall erlitten hätte, hätte er sich nicht mit dem Coronavirus infiziert. Und ebenso wäre möglich, dass er ohne die zusätzliche Infektion nicht am Schlaganfall gestorben wäre.

Infektiologe John Ziebuhr von der Universität Gießen sagt, aus seiner Sicht sei es absolut richtig, dass jeder Todesfall, der im zeitlichen Zusammenhang mit einer labordiagnostisch bestätigten Sars-CoV-2-Infektion stehe, als solcher erfasst und gemeldet werde, um zu beurteilen, welche Gefährdung von dem Virus ausgehe.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Das Risiko eines Jahres in ein, zwei Wochen komprimiert

Laut den bisher veröffentlichten Daten ist die Infektion mit dem neuartigen Coronavirus insbesondere für ältere Menschen gefährlich, ebenso für Menschen mit Vorerkrankungen. Die italienischen Gesundheitsbehörden haben inzwischen genauere Daten über die Vorerkrankungen von 1102 Verstorbenen veröffentlicht. Sie waren im Schnitt 78 Jahre alt. Demnach  hatten knapp drei Viertel Bluthochdruck. Rund 28 Prozent eine koronare Herzkrankheit, also verengte Herzkranzgefäße. Rund 32 Prozent litten an Diabetes. Im Schnitt hatten die Verstorbenen 2,7 Vorerkrankungen. Nur knapp drei Prozent hatten keine Vorerkrankung. Auch in Italien wurde jeder Todesfall gezählt, wenn bei dem Verstorbenen das Virus nachgewiesen wurde.

Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass die Menschen nicht an Covid-19 gestorben sind, sondern an ihren Vorerkrankungen. Bluthochdruck, Diabetes, verengte Herzkranzgefäße - mit all dem kann man viele Jahre oder Jahrzehnte gut leben.

Ziebuhr bestätigt, es sei bei einem konkreten Todesfall manchmal nicht einfach, den jeweiligen ursächlichen Anteil bestehender Grunderkrankungen und die unmittelbaren Folgen einer Virusinfektion abzugrenzen, vor allem bei schwer vorerkrankten Menschen. "Aber auch dann bleibt in den allermeisten Fällen die Aussage richtig, dass der Tod OHNE diese Infektion eben NICHT exakt zu diesem Zeitpunkt erfolgt wäre, sondern vielleicht ein paar Monate, möglicherweise aber auch erst Jahre später."

Der britische Medizinstatistiker David Spiegelhalter hat vorgerechnet , dass eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus unter normalen Umständen dazu führt, dass das Risiko, in ein bis zwei Wochen zu sterben, etwa so groß ist, wie eigentlich das Risiko gewesen wäre, innerhalb des nächsten Jahres zu sterben. Und das jeweilige Risiko ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden und hängt wesentlich vom Alter und von den Vorerkrankungen ab.

Nicht überschätzt, sondern unterschätzt?

RKI-Chef Lothar Wieler sagte vergangene Woche, er würde eher davon ausgehen, dass die Todesfälle durch Covid-19 sogar unterschätzt werden. "Das liegt einfach daran, dass man es nicht bei jedem Menschen schafft, ihn zu testen." Bei einer Obduktion könne das Virus nicht mehr nachweisbar sein, obwohl der Mensch an der Infektion gestorben sei.

Auch Carsten Oliver Schmidt, Sprecher der Arbeitsgruppe Epidemiologische Methoden der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, vermutet mit Blick nach Italien und Spanien, dass die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 dort weit höher ist als bekannt und nicht niedriger. Denn in Italien und Spanien hatte man nicht genug Testkapazitäten, um jede Infektion nachzuweisen.

Zudem kann das Virus auch Menschen das Leben kosten, die überhaupt nicht infiziert waren. Wenn etwa Gesundheitssysteme so überlastet sind, dass bei medizinischen Notfällen keine adäquate Hilfe mehr möglich ist. Zurzeit berichten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland von leeren Notaufnahmen und warnen, dass Menschen mit einem Herzinfarkt und Schlaganfall offenbar seltener ärztliche Hilfe suchten, was schlimmstenfalls auch tödlich enden könne. Für manchen wird das Virus am Ende tödlich sein, obwohl er sich gar nicht angesteckt hatte.