Trumps Desinfektionsmittel-Vorstoß "Einer der bescheuertsten Vorschläge"

Donald Trump hat angeregt, Injektionen mit Desinfektionsmittel als Corona-Therapie zu untersuchen. Nach großer Empörung im Land rudert er zurück: Sein Vorschlag sei "sarkastisch" gemeint.
Unter keinen Umständen sollten Desinfektionsmittel in den menschlichen Körper verabreicht werden, warnt der Hersteller Sagrotan

Unter keinen Umständen sollten Desinfektionsmittel in den menschlichen Körper verabreicht werden, warnt der Hersteller Sagrotan

Foto: Andreas Gebert/ DPA

Die Nachrichtenagentur Reuters schickte die Nachricht als Eilmeldung an Redaktionen weltweit: "Lysol-Hersteller sagt, injizieren Sie sich kein Desinfektionsmittel."

Hintergund war, dass sich der britische Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser am Freitag in einer Mitteilung  dagegen ausgesprochen hat, die von ihm hergestellten Desinfektionsmittel im Menschen anzuwenden. Lysol ist in Deutschland unter dem Namen Sagrotan bekannt.

"Unter keinen Umständen" sollten Desinfektionsmittel in den menschlichen Körper verabreicht werden - weder durch Einnahme oder Injektion noch auf irgendeine andere Weise", erklärte das Unternehmen.

Hintergrund war ein Vorstoß von US-Präsident Donald Trump. In seinem Corona-Briefing am Donnerstagabend hatte er Forscher dazu ermuntert zu prüfen, ob eine Injektion von Desinfektionsmittel in den Körper von Covid-19-Patienten Wirkung zeigen könnte. Er schlug außerdem vor, Ärzte könnten Patienten mit "Ultraviolett" oder "sehr starkem Licht" bestrahlen oder das Licht "durch die Haut oder auf andere Art in den Körper" bringen.

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Am Freitag versuchte Trump, seine Aussagen als "sarkastische Frage" an die anwesenden Reporter abzutun. Er ermutige Menschen nicht dazu, sich Desinfektionsmittel zu injizieren, sagte der US-Präsident. Auch stritt er ab, dem neben ihm sitzenden Bill Bryan vom Heimatschutzministerium eine entsprechende Untersuchung nahegelegt zu haben.

Die Journalistin Weijia Jiang vom Sender CBS teilte daraufhin auf Twitter einen Ausschnitt des Protokolls vom Vortag, der das Gegenteil belegte.

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Der CNN-Journalist Jim Acosta wies zudem darauf hin, dass Trump und das Weiße Haus bereits mehrfach versucht hatten, umstrittene Äußerungen als Sarkasmus herunterzuspielen.

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Gift bleibt Gift

Die Idee spielt in einer ähnlichen Liga wie der Vorstoß trinkfreudiger Partygänger, die scherzhaft erklären, sich mit Alkohol zu desinfizieren - nur waren Trumps Ausführungen ernst gemeint.

Auf Trumps Vorschlag folgten entsetzte Warnungen von Experten und ein Shitstorm in sozialen Medien. Eine Injektion mit Desinfektionsmittel wäre höchstwahrscheinlich lebensgefährlich. Es tötet nicht nur Viren und Bakterien, sondern auch gesunde Körperzellen.

Nicht nur der Sagrotan-Hersteller Reckitt Benckiser distanzierte sich daher von Trumps Äußerungen. Es gibt ein Video, das zeigt, wie die Immunologin und Wissenschaftsberaterin des US-Präsidenten, Deborah Birx, auf Trumps Vorschlag reagiert hat. Je länger er spricht, desto mehr versteinert ihr Gesicht.

DER SPIEGEL

Auch die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA schaltete sich in die Debatte ein und gab eine Information für die amerikanische Bevölkerung "zur sicheren Nutzung von Desinfektionsmittel"  heraus. Dort wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Anwender die Gebrauchsanweisung von Desinfektionsmitteln beachten sollten. Zudem findet sich der dringende Rat, kein Desinfektionsmittel ins Essen zu mischen.

"Boykottiert die Propaganda. Hört auf Experten. Und bitte trinkt keine Desinfektionsmittel."

Im US-Bundesstaat Washington meldete sich die Katastrophenschutzbehörde über Twitter zu Wort und bat die Bevölkerung ebenfalls, kein Waschmittel zu essen und darauf zu verzichten, sich Desinfektionsmittel zu injizieren. "Machen Sie eine schlechte Situation nicht schlimmer", hieß es dort.

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Robert Reich, Rechtsprofessor an der University of California in Berkeley und ehemaliger US-Arbeitsminister unter Bill Clinton, postete auf Twitter, Trumps Briefings gefährdeten die öffentliche Gesundheit. "Boykottiert die Propaganda. Hört auf Experten. Und bitte trinkt keine Desinfektionsmittel."

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Noch klarer formulierte es Paul Hunter, Medizinprofessor an der University of East Anglia in Großbritannien, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Das ist bislang einer der gefährlichsten und bescheuertsten Vorschläge zur Behandlung von Covid-19." Trumps Aussagen seien hochgradig verantwortungslos, weil es traurigerweise Menschen gebe, die diese Art von Unsinn glaubten und die Methoden an sich ausprobieren könnten.

"Das Trinken von Bleichmitteln tötet. Das Injizieren von Bleichmitteln tötet schneller. Tu es nicht!", kommentierte auch Penny Ward, Professorin für Pharmazeutische Medizin am Kings College London. Weder das Sitzen in der Sonne noch das Erhitzen mache ein Virus unschädlich, das sein Erbgut in den inneren Organen eines Patienten vermehre.

Demos mit Waffen

Parastou Donyai, Pharmazie-Professorin an der University of Reading in Großbritannien, warnte die Bevölkerung davor, "haltlose und aus dem Stegreif getätigte Kommentare als ernst zu nehmenden Rat zu betrachten". "Menschen haben sich bereits vergiftet, als sie Chloroquin falsch eingenommen haben, weil Hoffnungen durch unwissenschaftliche Kommentare geweckt wurden", sagte sie.

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Trump hatte das Malaria-Mittel Chloroquin im Zusammenhang mit einer Behandlungsmöglichkeit für Covid-19 als möglichen Durchbruch bezeichnet, obwohl die Wirkung bei Corona-Infektionen unklar ist (mehr dazu lesen Sie hier).

Laut SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach führen Trumps Aussagen auch zu immer größeren gesellschaftlichen Verwerfungen. "Trump heizt die Stimmung in den USA mit Fake News immer mehr an. Jetzt wird schon bewaffnet in einigen Bundesländern gegen den Lockdown demonstriert", schrieb er auf Twitter. Die Aussagen zu Lichtbehandlung und Injektionen von Desinfektionsmitteln seien bestürzend.

jme/mes
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