Drosten-Studie Kinder haben im Rachen ähnliche Virusmengen wie Erwachsene

Im vergangenen Jahr hatten Untersuchungen von Christian Drosten nahegelegt, dass Menschen aller Altersgruppen eine ungefähr gleich große Infektiosität aufweisen. In einer großen Analyse sieht der Forscher dies nun bestätigt.
Kind mit selbst genähter Maske: Die Studie wurde im Zusammenhang mit Schulöffnungen breit diskutiert

Kind mit selbst genähter Maske: Die Studie wurde im Zusammenhang mit Schulöffnungen breit diskutiert

Foto: Oxana Guryanova / Westend61 / imago images

Kinder und Erwachsene tragen bei einer Infektion mit dem Coronavirus offenbar ähnliche Virusmengen in sich. Mit dieser vorab veröffentlichten Erkenntnis hatten Fachleute der Charité in Berlin unter der Leitung von Christian Drosten im Mai 2020 eine heftige Debatte ausgelöst. Die Analyse wurde nun im renommierten Fachblatt »Science«  veröffentlicht.

»Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien«, sagte Drosten laut einer Charité-Mitteilung  vom Dienstag. Im »Coronavirus-Update«  bei NDR-Info bekräftigte er: Anhand erster Daten habe man als klinischer Virologe gesehen, dass alle ungefähr gleich viel Virus hätten. Dieser Eindruck habe sich gehalten.

Die »Bild«-Zeitung hatte die Arbeit des Coronavirus-Spezialisten nach Veröffentlichung der vorläufigen Daten im vergangenen Jahr als »grob falsch«  bezeichnet. Sie erhielt eine Rüge vom Deutschen Presserat wegen eines Verstoßes gegen die journalistische Sorgfaltspflicht, weil der Vorwurf nicht durch im Text – teils unsauber – zitierte Expertenmeinungen gedeckt war.

Viruslast von mehr als 25.000 Personen bestimmt

Fachleute um Drosten haben für die Analyse inzwischen für mehr als 25.000 Covid-19-Fälle die sogenannten Viruslasten bestimmt, also die Menge des Viruserbguts im Abstrich einer PCR-Probe. »Die Erbgutkopien repräsentieren näherungsweise die Virusmenge im Rachen der Patienten und lassen daher Voraussagen über deren potenzielle Infektiosität zu«, erklärte die Charité.

Von mehr als 4000 Fällen lagen mehrere Proben vor, was Rückschlüsse auf den Verlauf der Infektion erlaubte. In die Studie einbezogen wurden Infizierte ohne Krankheitsanzeichen ebenso wie Patienten mit unterschiedlich schweren Symptomen bis hin zu Krankenhausfällen.

Bei Erwachsenen zwischen 20 und 65 Jahren zeigten sich laut der Charité-Mitteilung »keine nennenswerten Unterschiede« bei der Viruslast. Bei Kindern war sie geringer, was Drosten allerdings erwartet hatte und auf eine andere Art der Probenentnahme im Vergleich zu Erwachsenen zurückführt.

Von vornherein geringere Messwerte zu erwarten

Es würden deutlich kleinere Tupfer eingesetzt, die weniger als halb so viel Probenmaterial einbrächten, so der Virologe. Statt der schmerzhaften tiefen Nasenrachen-Abstriche würden zudem oft einfache Rachenabstriche gemacht, in denen sich nochmals weniger Virus finde. Deshalb seien bei Kindern von vornherein geringere Messwerte zu erwarten.

So kam es dann auch: In den Proben der jüngsten Kinder zwischen null und fünf Jahren seien die niedrigsten Viruslasten gefunden worden, berichtet die Charité. Bei älteren Kindern und Jugendlichen hätten sich die Werte mit steigendem Alter denen der Erwachsenen angeglichen, heißt es weiter. Die Größenordnung der Unterschiede lässt sich dabei mit der Probengröße erklären.

Die erste noch nicht von unabhängigen Fachleuten geprüfte Auswertung zu Viruslasten aus dem vergangenen Jahr war in der Debatte über die Öffnung von Schulen und Kindergärten viel beachtet worden. Die aktuelle Publikation ist deutlich umfangreicher. Es sei jetzt die wohl größte Untersuchung überhaupt zu diesem Thema, sagte Drosten. Sie werde fortgesetzt.

Wenige Infizierte sorgen für viele Ansteckungen

Die Studie untermauert auch die Annahme, dass ein relativ kleiner Teil der Infizierten, sogenannte Superspreader, für besonders viele Ansteckungen sorgt. Wie Drosten schilderte, gibt es in allen Altersgruppen, auch bei Kindern, Infizierte mit außergewöhnlich hohen Viruslasten. In der Studie betraf dies etwa neun Prozent der untersuchten Fälle.

In »erheblichem Umfang« befinden sich darunter laut dem Virologen Menschen, die im gesamten Krankheitsverlauf maximal milde Symptome bekommen. Auch Menschen ohne Krankheitsanzeichen seien darunter.

In Anbetracht der Ansteckungsgefahr durch gesund wirkende Infizierte betonen die Wissenschaftler in ihrem Fazit zur Studie die Bedeutung von Maßnahmen wie Social Distancing und Maskentragen. »Das Maximum der Virus-Ausscheidung liegt ein bis drei Tage vor dem Symptombeginn«, sagte Drosten über ein weiteres Ergebnis der Arbeit. Darum sei das Virus so schwer zu kontrollieren .

Und noch etwas sei auffällig gewesen: »Die Leute, die später schwer krank werden, die haben schon am Anfang durchgehend sehr viel Virus.«

Weiter zeigt die Studie, dass Menschen, die mit der in Großbritannien entdeckten Variante B.1.1.7 infiziert sind, offenbar ansteckender sind als Infizierte mit anderen Varianten. Ihre Viruslasten seien im Vergleich um den Faktor 10 erhöht, sagte Drosten. Das deckt sich mit der Erfahrung aus der Praxis, dass sich dieses Virus sehr schnell ausgebreitet hat und nun auch in Deutschland die dominante Variante ist.

Kinder scheiden weniger Aerosole aus

Mit einem anderen Aspekt der Virusübertragung hat sich ein weiteres Team der Charité sowie der TU Berlin unter Leitung des Phoniaters Dirk Mürbe beschäftigt. In einer kleinen Studie  haben die Fachleute untersucht, wie viele Aerosole, also feine Tröpfchen, Kinder und Erwachsene beim Atmen, Sprechen und Singen ausscheiden. Über Aerosole gelangt das Coronavirus aus dem Rachen von Infizierten in die Luft – sodass sich Menschen im selben Raum anstecken können.

Kinder verbreiten beim Sprechen und Singen demnach viel weniger der für eine Übertragung von Coronaviren relevanten Partikel als Erwachsene. Allerdings basiert die Analyse auf Werten von nur 30 Personen. Individuelle Schwankungen hatten somit großen Einfluss auf das Ergebnis. Die unsicheren Daten müssen in weiteren Analysen bestätigt werden. Sie wurden bislang nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.

Konkret ging es um 15 Mädchen und Jungen des Staats- und Domchores Berlin und des Mädchenchores der Sing-Akademie Berlin. Für diese Altersgruppe ist vorerst kein Impfschutz absehbar. Bei den Kindern wurden Emissionsstärken unter anderem bei Ruheatmung, Sprechen, Singen und Rufen bestimmt und mit den Werten von 15 Erwachsenen verglichen.

Mehr möglich als bisher praktiziert

»Kinder im Grundschulalter emittierten beim Sprechen eine Anzahl von Partikeln in der Größenordnung wie Erwachsene beim Atmen, und beim Singen emittierten sie ähnlich viele Partikel wie Erwachsene beim Sprechen«, sagte Mürbe, Direktor der Klinik für Audiologie und Phoniatrie an der Charité. Die Anzahl der Aerosole hänge dabei stark von der Lautstärke ab.

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Der Befund könne bei der Entscheidung für Präsenzunterricht an Schulen oder von Kinderchören eine Rolle spielen, bedeute aber nicht, dass Schulunterricht oder Chorproben und -konzerte unabhängig von der Infektionslage und ohne Beschränkungen stattfinden könnten, so Mürbe. Je nach Größe eines Raumes, der Anzahl und Aufenthaltsdauer der Kinder sowie den Lüftungskonzepten sei aber gegebenenfalls mehr möglich als bisher praktiziert.

Bislang fokussierten sich Untersuchungen zum Ausstoß von Aerosolen vor allem auf Erwachsene. Mürbe zufolge wurden sie nun erstmals bei acht- bis zehnjährigen Grundschülern mittels Laserpartikelzähler in einem Reinraum gemessen.

jme/dpa