Umfrage Deutsche trinken in Corona-Zeiten mehr Alkohol

Mehr als ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland konsumiert in der Coronakrise mehr Alkohol, zeigt eine Umfrage. Experten empfehlen, das eigene Trinkverhalten jetzt genau zu beobachten.
Ein Glas Bier: Ein Drittel der Deutschen trinkt mehr seit der Krise

Ein Glas Bier: Ein Drittel der Deutschen trinkt mehr seit der Krise

Foto: Sally Anscombe/ Getty Images

Homeoffice, Kontaktbeschränkungen und die Absage von Veranstaltungen haben offenbar dazu geführt, dass viele Deutsche häufiger als sonst zum Feierabendbier oder zum Glas Wein greifen. Wie eine Umfrage des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg zeigt, stieg der Alkoholkonsum bei rund einem Drittel der Erwachsenen seit der Coronakrise.

Bisher wurden rund zwei Drittel einer anonymen Online-Umfrage  ausgewertet, an der insgesamt rund 3200 Menschen teilgenommen haben. 37 Prozent davon gaben demnach an, während der Covid-19-Pandemie mehr oder viel mehr Alkohol getrunken zu haben als zuvor. Bei den Raucherinnen und Rauchern gaben rund 40 Prozent an, häufiger zur Zigarette zu greifen. Die Erhebung ist nicht repräsentativ, liefert aber erste Erkenntnisse über die Konsumgewohnheiten während der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen. Das ZI in Mannheim ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Baden-Württemberg.

Das Institut erklärt den gestiegenen Alkoholkonsum unter anderem mit dem Stress durch die Kontaktbeschränkungen, die unsichtbare Bedrohungslage, Kurzarbeit und geschlossenen Schulen und Kitas. "Schon aus früheren Epidemien ist bekannt, dass Stress und Ängste den Konsum von Alkohol und Tabak fördern sowie Suchtverhalten intensivieren können", schreibt das ZI auf seiner Website.

Bereits in den ersten Wochen des Lockdowns hätten Daten gezeigt, dass der Absatz von alkoholischen Getränken um rund sechs Prozent gestiegen sei. Mit der Online-Umfrage habe man nun herausfinden wollen, ob dies auf Hamsterkäufe zurückzuführen sei oder ob die Deutschen tatsächlich häufiger Alkohol konsumieren als vor der Krise.

Coronakrise als emotionale Krise

"Risikofaktoren für eine Vermehrung des Konsums waren zum Beispiel der Wechsel des Arbeitsstatus, etwa ins Homeoffice, ein hohes gefühltes Stressniveau und Zweifel daran, dass die Krise gut gemanagt wird", sagt Anne Koopmann vom ZI in Mannheim. Menschen mit einem hohen Stresslevel und geringerem sozialen Status gaben demnach eher an, in der Krise mehr Alkohol zu trinken. Menschen in systemrelevanten Berufen, die weiter arbeiten konnten, tranken den Angaben zufolge dagegen eher weniger oder behielten ihren Konsum bei.

"Die Coronakrise ist für viele Menschen auch eine emotionale Krise: Sowohl gesundheitsbezogene als auch finanzielle Sorgen und Ängste sind für viele Menschen sehr präsent. Alkohol ist ein Mechanismus, eine kurzfristige Linderung dieser Sorgen zu erleben", erklärte Koopmann. Das könnte auch erklären, warum der Konsum bei Menschen mit einem niedrigeren sozialen Status ausgeprägter war: "Hier mehren sich die Sorgen und es gibt weniger Kompensationsmöglichkeiten."

Auch Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen berichten der Deutschen Presse-Agentur zufolge von deutlich mehr Interessenten: "Die Frequenz bei den Anrufen und bei den schriftlichen Anfragen, dem sogenannten Erste-Hilfe-Button, hat deutlich zugenommen", sagt Peter K. von den Anonymen Alkoholikern. Die Coronakrise habe bereits bestehende Alkoholprobleme vieler Menschen sichtbar gemacht. "Menschen, die bisher ihr Trinkverhalten verborgen haben - etwa auf dem Weg zur Arbeit, am Arbeitsplatz, in der Kneipe - waren durch Corona gezwungen, zu Hause zu trinken", sagt er. Dort hätten sich die Konflikte in den Familien und Partnerschaften entladen. Vielen, die bei den Anonymen Alkoholikern anrufen, sei ihr Problem in der Krise bewusst geworden.

Zu Beginn der Krise hatte die Weltgesundheitsorganisation empfohlen, den Alkoholkonsum während der Covid-19-Pandemie weitgehend einzuschränken. In der Empfehlung heißt es: "Es ist wichtig zu verstehen, dass Alkohol Risiken für Ihre Gesundheit und Sicherheit birgt und Sie während Zeiten der häuslichen Isolation oder Quarantäne den Konsum von Alkohol vermeiden sollten." Dass diese Botschaft nur bedingt angekommen zu sein scheint, davon zeugen auch zahlreiche Posts von trinkenden Menschen in den sozialen Medien - etwa unter den Hashtags #winemums oder #beerdads.

Tagebuch gegen die drohende Abhängigkeit

Koopmann betont, dass das Mehr-Trinken über einen längeren Zeitraum das Risiko für eine Abhängigkeit signifikant erhöhe, aber nicht zwangsläufig dazu führen müsse. "Diese Krise ist einmalig und es ist noch unklar, was das für langfristige Auswirkungen hat." Studien im Zusammenhang mit früheren Pandemien zeigten demnach Folgendes: Mehrere Jahre nach der Pandemie erfüllten diejenigen Probanden, die länger in Quarantäne gewesen waren, eine höhere Anzahl an Kriterien für eine Alkoholabhängigkeit.

"Jetzt sind wir in der Situation, dem noch entgegenzuwirken", sagt Koopmann. Jede und jeder könne sein Trinkverhalten genau beobachten, dieses etwa mithilfe eines Tagebuchs dokumentieren und sich vielleicht einem Arzt oder einer Beratungsstelle anvertrauen. "Wenn ich mir über mehrere Wochen und Monate ein gewisses Trinkmuster angewöhne, muss ich schon aktiv dagegen arbeiten, um wieder von diesem Muster wegzukommen."

kry/dpa
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