Neuartiger Erreger EU stuft Risiko für Coronainfektionen hoch - dritter Fall in Hamburg

Die EU hat die Coronavirus-Krise neu bewertet: Sie sieht nun ein moderates bis hohes Risiko, dass sich Sars-CoV-2 in Europa großflächig ausbreitet. Portugal, Island und Andorra melden die ersten Fälle.
Pressekonferenz der Europäischen Union zum Coronavirus: Drei Viertel der europäischen Fälle sind in Italien aufgetreten

Pressekonferenz der Europäischen Union zum Coronavirus: Drei Viertel der europäischen Fälle sind in Italien aufgetreten

Foto: JOHN THYS/ AFP

Die EU-Gesundheitsagentur ECDC hat am Montag einen neuen Bericht  zum Risiko veröffentlicht, das Sars-CoV-2 für Menschen in Europa darstellt. Es gebe ein moderates bis hohes Risiko für eine weitreichende, anhaltende Verbreitung des Virus in der EU, im europäischen Wirtschaftsraum und Großbritannien. Zuvor hatte die Bewertung bei "moderat" gelegen.

Insgesamt wurden bisher rund 2100 Coronafälle in 18 EU-Staaten nachgewiesen. 38 Menschen in der EU seien an der neuen Krankheit Covid-19 gestorben, sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Die Situation verändere sich sehr schnell. Doch es gebe keinen Grund zur Panik.

Bisher sind drei Viertel der europäischen Fälle in Italien aufgetreten. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden bis Sonntag fast 1700 Infektionen und 34 Todesfälle verzeichnet. "Italien sieht sich mit einer anderen Situation konfrontiert als die anderen Mitgliedstaaten", so Kyriakides.

Dritter Fall in Hamburg

In Deutschland wurden inzwischen mehr als 150 Coronavirus-Fälle bestätigt. Am stärksten betroffen ist weiterhin Nordrhein-Westfalen mit mehr als 86 Fällen, die meisten davon im Kreis Heinsberg. Zuletzt wurde ein dritter Fall in Hamburg bekannt.

Die infizierte Frau sei in der vergangenen Woche aus Iran über Frankfurt nach Hamburg gereist, teilte die Gesundheitsbehörde am Montag mit. Nach dem positiven Sars-CoV-2-Test habe das Gesundheitsamt umgehend eine häusliche Isolation der Frau angeordnet, auch für ihre Kontaktpersonen. Es gebe keine Verbindung zu den beiden bisherigen Fällen.

Am vergangenen Freitag hatte das Universitätsklinikum Eppendorf berichtet, dass ein Arzt der Kinderklinik nach einer Italienreise infiziert ist. In der Nacht zum Samstag hatte die Feuerwehr eine Frau in die Asklepios-Klinik St. Georg gebracht. Auch sie war aus Iran zurückgekommen und muss wie der Kinderarzt zwei Wochen in häuslicher Isolation bleiben.

Berlin-Fall: Untypische Symptome für Coronainfektion

In der Nacht auf Montag war zudem der erste Fall in Berlin bekannt geworden. Betroffen sei ein 22-Jähriger aus Mitte, teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit mit. Er werde isoliert in der Charité behandelt und sei in einem stabilen Zustand. Bisher wurden etwa 60 Personen ermittelt, mit denen der Erkrankte Kontakt hatte.

Laut der Charité wurde die Infektion zufällig entdeckt, weil das Krankenhaus seit einer Woche bei Grippetests zugleich auch auf das Coronavirus testet. Der Mann sei mit Symptomen ins Krankenhaus gekommen, die nicht typisch für eine Coronavirus-Erkrankung gewesen seien.

Der Autohersteller BMW berichtete am Montagmittag zudem, dass ein Mitarbeiter des Forschungs- und Innovationszentrums in München mit dem Coronavirus infiziert sei. 150 Angestellte seien nun in häuslicher Quarantäne.

Erstmals Infektionen in Portugal, Island und Andorra

Am Montag meldete der portugiesische TV-Sender SIC die ersten beiden Coronavirus-Fälle in Portugal: Ein 60-jähriger Mann, der in Norditalien im Urlaub gewesen war, habe sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Er liegt demnach in einem Krankenhaus in Porto im Norden des Landes. Auch der zweite Infizierte werde dort behandelt. Er sei jüngst von einer Reise aus Spanien zurückgekehrt.

Auch Island meldet seine ersten Erkrankungen. Drei Personen seien positiv auf das Virus getestet worden, teilen die Gesundheitsbehörden mit. Alle drei seien jüngst aus Norditalien nach Island zurückgekehrt. Zudem gibt es in Andorra einen ersten Fall.

Es handele sich um einen 20-Jährigen, der in Mailand gewesen sei, teilt die Regierung des kleinen, zwischen Frankreich und Spanien gelegenen Landes mit. Der Mann sei seit Samstag im Krankenhaus und habe leichte Krankheitssymptome.

In Frankreich ist die Zahl der Toten durch das neuartige Coronavirus wohl auf mindestens drei gestiegen: Eine rund 80 Jahre alte Frau aus dem Ort Crépy-en-Valois rund 70 Kilometer nordöstlich von Paris starb an den Folgen der Infektionskrankheit, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. In dem Ort hatte auch ein 60-jähriger Lehrer gearbeitet, der vergangene Woche gestorben war. Zuvor war bereits ein 80-jähriger chinesischer Tourist in Paris gestorben. Die Regierung hat den dritten Todesfall noch nicht bestätigt.

Erste Fälle in Moskau und New York

Weltweit wurden am Montagmorgen knapp 90.000 Ansteckungsfälle in 68 Ländern verzeichnet. Die Zahl der Todesfälle überschritt 3000. Das neuartige Virus war erstmals Ende 2019 in China aufgetreten und breitete sich zunächst besonders dort aus. Am Montag stieg die Zahl der Todesopfer dort um 42 auf 2912. Die Zahl der bestätigten Infektionen in der Volksrepublik liegt mittlerweile bei mehr als 80.000.

Auch die amerikanischen und russischen Millionenmetropolen New York und Moskau hat das Coronavirus inzwischen erreicht. Ein junger Russe habe sich bei einem Italien-Urlaub mit Sars-CoV-2 infiziert und sei nach Moskau zurückgekehrt, teilten die Behörden am Montag mit.

Der Mann wohne im Umland der Stadt und habe sich erst nach einigen Tagen in einem Krankenhaus gemeldet. Er zeige nur leichte Symptome der Covid-19-Erkrankung und befinde sich nun auf einer Isolierstation eines Krankenhauses, hieß es der Agentur Interfax zufolge.

In Russland wurden bisher kaum bestätigte Infektionen mit Sars-CoV-2 gemeldet. Ende Januar waren zwei infizierte chinesische Staatsbürger in Sibirien isoliert worden; zudem wurde bei drei Russen auf dem Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" das Virus nachgewiesen.

Russland hatte zuvor seine mehr als 4000 Kilometer lange Grenze zu China geschlossen, um die Gefahr einer Einschleppung einzudämmen. Zudem wurden die Flüge und Zugverbindungen zum Nachbarland weitgehend eingestellt.

Zweiter Todesfall in den USA

In den USA gab Gouverneur Andrew Cuomo den ersten Infektionsfall in New York bekannt. Betroffen sei eine Frau Ende 30, die sich auf einer Reise nach Iran angesteckt habe, erklärte Cuomo. Sie sei nicht schwer erkrankt und stehe derzeit unter häuslicher Quarantäne. Auch die Bundesstaaten Florida und Rhode Island meldeten erste Fälle.

Coronavirus in den USA: Sanitäter verladen einen Patienten in einen Rettungswagen

Coronavirus in den USA: Sanitäter verladen einen Patienten in einen Rettungswagen

Foto: DAVID RYDER/ REUTERS

Kurz zuvor hatten die US-Behörden einen zweiten Todesfall durch das neuartige Coronavirus bekannt gegeben. Wie schon bei der ersten Verstorbenen handelt es sich um einen Einwohner des Kreises King im Westküstenstaat Washington, zu dem auch die Großstadt Seattle gehört. Der zweite Tote sei ein etwa 70 Jahre alter Mann, der bereits unter Vorerkrankungen gelitten habe, teilte die Gesundheitsbehörde von King County mit.

In den USA wurden bis Samstag 69 bestätigte Coronavirus-Fälle gemeldet, die meisten davon in Kalifornien. Bei mehreren Patienten ist der Infektionsweg unklar. Sie waren nicht im Ausland und hatten auch keinen Kontakt zu anderen bekannten Infizierten. Dies deutet darauf hin, dass sich das Virus bereits in der Bevölkerung verbreitet.

Auch in Tunesien gibt es nun den ersten bestätigten Coronavirus-Fall. Bei dem Patienten handele es sich um einen Einheimischen, sagt Gesundheitsminister Abdelatif el-Maki.

Strafanzeige gegen Sektenführerin in Südkorea

In Iran gab es am Montag zwölf weitere und damit insgesamt 66 Todesopfer. In keinem anderen Land außerhalb Chinas sind bislang so viele Menschen an Covid-19 gestorben. In dem Land haben sich bislang mehr als 1500 Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Bei der Zahl der Infektionen ist Südkorea nach China das am stärksten betroffene Land. Am Montag meldeten die Behörden in Seoul 600 neue Infektionsfälle, die Gesamtzahl stieg damit auf 4300. 22 Menschen starben. Rund 60 Prozent der Fälle in Südkorea stehen im Zusammenhang mit einer Sekte.

Eine 61-jährige Anhängerin hatte trotz einer fiebrigen Erkrankung mindestens vier Gottesdienste der Glaubensgemeinschaft in der Millionenstadt Daegu besucht, bevor bei ihr das Coronavirus diagnostiziert worden war.

Die Stadt Seoul hat bei der Staatsanwaltschaft nun eine Strafanzeige gegen den Sektengründer und geistigen Führer Lee Man Hee (88) und zwölf weitere führende Mitglieder der Shincheonji-Kirche Jesu gestellt, sagte eine Sprecherin der Stadtverwaltung am Montag. Der Sekte wird unter anderem vorgeworfen, nicht ausreichend mit den Gesundheitsbehörden zusammengearbeitet und die Namen von Anhängern vorenthalten zu haben, die auf das Virus getestet werden sollten. Sie weist die Vorwürfe zurück.

1200 Mundschutzmasken gestohlen

In Deutschland greifen manche Menschen inzwischen zu rabiaten Mitteln beim Versuch, sich vor dem neuartigen Coronavirus zu schützen. In einem Krankenhaus im niedersächsischen Sulingen kam es zu einem ungewöhnlichen Vorfall: Dort wurden 1200 Mundschutzmasken aus einem Lagerraum gestohlen.

In der Klinik sei bei einer Überprüfung aufgefallen, dass 20 Packungen der Masken fehlten, sagte ein Polizeisprecher am Montag. Der Vorfall sei als Diebstahl angezeigt worden.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

jme/wbr/AFP/dpa/Reuters