Rasantes Wachstum der Corona-Infektionen Europa überschreitet Zehn-Millionen-Marke

Die Zahl der gemeldeten Corona-Infektionen steigt in Europa rasant an. In Frankreich wird aktuell jeder vierte Todesfall mit Covid-19 in Verbindung gebracht.
Fast menschenleerer Platz vor dem Mailänder Dom: In vielen europäischen Ländern gelten strenge Maßnahmen, dennoch steigen die Fallzahlen

Fast menschenleerer Platz vor dem Mailänder Dom: In vielen europäischen Ländern gelten strenge Maßnahmen, dennoch steigen die Fallzahlen

Foto: Claudio Furlan / dpa

Die Anzahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen in der EU und ihren wichtigsten europäischen Partnerstaaten hat sich innerhalb von nur dreieinhalb Wochen auf mehr als zehn Millionen verdoppelt. Bis zum Freitag wurden im Europäischen Wirtschaftsraum einschließlich Großbritannien insgesamt 10.124.110 Fälle gemeldet, wie aus einer Übersicht der EU-Gesundheitsbehörde ECDC hervorgeht. Erst am 20. Oktober war die Marke von fünf Millionen nachgewiesenen Infektionen überschritten worden.

Die meisten Infektionen seit Beginn der Pandemie wurden demnach in Frankreich (1.898.710) registriert. Auch Spanien (1.437.220), Großbritannien (1.290.195) und Italien (1.066.401) kommen auf siebenstellige Werte. Deutschland folgt mit mehr als 750.000 Fällen auf Rang fünf. Noch aussagekräftiger als diese absoluten Zahlen sind jedoch Werte, die auch die Zahl der Einwohner berücksichtigen. Demnach ist unter anderem auch Belgien besonders betroffen, wo bei nur knapp sieben Millionen Einwohnern bislang 520.297 Fälle gemeldet wurden.

Zum Europäischen Wirtschaftsraum zählen neben den 27 EU-Staaten auch Norwegen, Island und Liechtenstein. Das ECDC schließt zudem das frühere EU-Mitglied Großbritannien in seine Berechnung mit ein. Die Schweiz allerdings wird mit ihren bislang rund 250.000 bestätigten Corona-Fällen nicht berücksichtigt.

So ist die Lage in ausgewählten Nachbarländern:

In Frankreich wird derzeit alle 30 Sekunden ein neuer Covid-19-Patient ins Krankenhaus eingeliefert. Alle drei Minuten komme ein neuer Infizierter auf die Intensivstation, berichtete Premierminister Jean Castex am Donnerstag. Einer von vier Todesfällen in dem Land werde derzeit mit Covid-19 in Verbindung gebracht. Angesichts solcher Zahlen wäre es unverantwortlich, die derzeitigen Corona-Restriktionen aufzuheben "oder auch nur zu lockern", sagte Castex.

In dem Land gilt seit Ende Oktober ein neuer Lockdown. Die Menschen dürfen nur aus triftigem Grund, etwa zum Einkaufen oder Gang zum Arzt, auf die Straße und müssen dafür jeweils ein Formular ausfüllen, das von der Polizei kontrolliert wird. Der Einzelhandel und Restaurants sind geschlossen, Schulen und Kitas haben allerdings weiterhin geöffnet. Die Regelungen gelten vorerst bis zum 1. Dezember.

Trotz der Bemühungen meldete Frankreich am Donnerstag laut ECDC mehr als 33.000 Neuinfektionen.

Auch in Spanien gelten in vielen Gebieten strenge Einschränkungen. In Katalonien mit der Touristenmetropole Barcelona etwa bleiben alle Bars und Restaurants sowie alle Kinos und Theater bis zum 23. November geschlossen. Die Region ist abgeriegelt, alle Gemeinden werden an den Wochenenden abgesperrt, es gilt eine nächtliche Ausgangssperre.

Zumindest in Madrid und dem Großraum der Hauptstadt entspannt sich die Lage trotz relativ lockerer Maßnahmen etwas. Die Gegend war im Sommer das Epizentrum der Pandemie in Spanien und Europa. Innerhalb weniger Wochen sank nun die Sieben-Tage-Inzidenz von deutlich über 300 auf zuletzt 161 Fälle pro 100.000 Einwohner. Niedrigere Zahlen als Madrid weisen in Spanien derzeit nur die Kanarischen und Balearischen Inseln sowie Valencia und Galicien auf. 

In Großbritannien sind innerhalb eines Tages mehr als 33.000 neue Corona-Fälle gezählt worden, dies ist ebenfalls ein Höchstwert seit Beginn der Pandemie. Am Mittwoch lag die Zahl noch bei 22.950 neuen positiv getesteten Corona-Fällen. Bislang hatte es noch nie einen Anstieg um mehr als 10.000 Fälle innerhalb eines Tages gegeben. Pro 100.000 Einwohner gab es in den vergangenen sieben Tagen in Großbritannien rund 242 Corona-Fälle. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert aktuell bei 140.

In einigen Teilen des Landes geraten Kliniken wieder an ihre Belastungsgrenzen, außerdem funktioniert die Nachverfolgung von Kontaktpersonen nicht ausreichend. Auch die Wirtschaft in Großbritannien wurde im Laufe der Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogen, das Land verzeichnete seine bisher schlimmste Rezession. Die Tafeln in Großbritannien berichten von einer Rekordzahl an Bedürftigen.

Italien zählte bei der ersten Welle zu den am stärksten betroffenen Ländern Europas, Bilder von überfüllten Kliniken und Lastern, die Leichen abtransportierten, gingen um die Welt. Nachdem die Zahlen im Sommer vergleichsweise niedrig waren, verbreitet sich das Virus seit Oktober auch dort wieder rasant. Neben dem Norden ist die Situation bei der zweiten Welle auch in Regionen im strukturschwachen Süden besorgniserregend.

"Wir fühlen uns schlecht, sehr schlecht", sagte Claudio Zanon, Leiter des Valduce-Krankenhauses nahe dem Comer See in der Lombardei, am Donnerstag. "Anders als während der ersten Welle ist das Gesundheitspersonal frustriert, demotiviert, gestresst und leidet unter Burn-out", beschrieb er die Lage in einer Videokonferenz. "Es gibt eine breite Niedergeschlagenheit, die im Kampf gegen die Epidemie nicht hilft."

Auf Sizilien warnte der Bürgermeister von Palermo vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen am Montag vor einem "unvermeidlichen Massaker". Für erhebliche Unruhe im Land sorgte zudem das Video eines Mannes, der tot im Waschraum einer Notaufnahme in einer Klinik in Neapel aufgefunden wurde. "In Neapel und in vielen Teilen Kampaniens ist die Situation außer Kontrolle", schrieb der italienische Außenminister Luigi Di Maio in einer Reaktion auf das Video am Mittwochabend auf Facebook.

Aufgrund der steigenden Fallzahlen hat die Regierung alle Regionen des Landes in drei Kategorien eingeteilt und zum Teil Ausgangssperren verhängt.

Zu den besonders stark betroffenen Ländern Europas zählt auch Österreich. Die Regierung dort diskutiert, angesichts weiter steigender Fallzahlen Schulen zu schließen. Vor knapp zwei Wochen wurden bereits nächtliche Ausgangssperren eingeführt, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie Restaurants und Hotels mussten schließen. Dennoch blieben die Fallzahlen hoch. Am Freitag hatte das Land erstmals mehr als 10.000 Neuinfektionen gemeldet.

Europaweit die niedrigsten Werte hat laut der EU-Gesundheitsbehörde ECDC derzeit Finnland. Auch in Island, Irland und Norwegen sieht es im europäischen Vergleich gut aus. Schweden hingegen verzeichnet mit seinen recht freizügigen Maßnahmen aktuell die mit Abstand höchsten Neuinfektionszahlen in Nordeuropa. Wie am Freitag aus den Vergleichswerten der EU-Gesundheitsbehörde ECDC hervorging, lag die Zahl der bestätigten Corona-Fälle in Schweden in den vergangenen 14 Tagen bei knapp 485 pro 100.000 Einwohner. Das sind auf die Bevölkerung heruntergerechnet neunmal so viele Fälle wie in Finnland (54) und auch deutlich mehr als in Island (124), Norwegen (140) und Dänemark (257).

Damit liegt das Land auch über dem Wert Deutschlands (303), aber weit hinter besonders stark betroffenen EU-Ländern.

irb/AFP/dpa
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