Neue Corona-Beschlüsse »Weitere Verschärfungen waren dringend notwendig«

Der bisherige Shutdown reicht nicht, zeigen Modellierungen. Deshalb sind die weiteren Beschränkungen nach Meinung von Wissenschaftlern richtig. Sie fordern aber ehrgeizigere Ziele.
Geschlossenes Ladengeschäft in Stuttgart: Modelle zur Ausbreitung des Coronavirus zeigen, dass die aktuellen Beschränkungen nicht ausreichten

Geschlossenes Ladengeschäft in Stuttgart: Modelle zur Ausbreitung des Coronavirus zeigen, dass die aktuellen Beschränkungen nicht ausreichten

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Bund und Länder haben die geltenden Corona-Beschränkungen nicht nur bis Ende Januar verlängert, sondern noch weiter verschärft. Eine gute Entscheidung, zeigen Modellierungen. Denn beim bisherigen Kurs hätte es deutlich länger gedauert, bis die Infektionszahlen signifikant sinken. Allerdings zweifeln Experten, ob der angepeilte Zielwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überhaupt ausreichend ist.

Die nun beschlossenen Maßnahmen gehen teilweise sogar über das hinaus, was während des ersten Shutdowns im Frühjahr galt. Wie damals sind private Treffen nur noch mit einer weiteren Person erlaubt, mit der man nicht zusammenlebt. Wer in einem Landkreis mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von mehr als 200 lebt, soll sich zudem nur noch in einem Radius von 15 Kilometern um den Wohnort bewegen dürfen. Es sei denn, es gibt einen triftigen Grund, weitere Strecken zurückzulegen. Ausflüge gehören explizit nicht dazu. Wie konsequent die Maßnahme umgesetzt wird, muss sich noch zeigen. Baden-Württemberg will beispielsweise zunächst prüfen, ob die Regel umsetzbar ist und die Einhaltung kontrolliert werden kann.

DER SPIEGEL

Die 15 Kilometer haben sich laut Kanzlerin Angela Merkel in Sachsen bewährt. Der Radius sei im Allgemeinen ausreichend, um Lebensmittel einzukaufen oder zum Arzt zu gehen. Ziel sei es vor allem, Tagesausflüge zu unterbinden. Als Wohnort, machte Merkel noch mal deutlich, gilt nicht die Adresse, sondern der ganze Ort, in dem man lebt. Für Berliner hieße das, sie dürften sich in der ganzen Hauptstadt aufhalten. Aber eben nicht weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Laut Beschluss sind aktuell mehr als 70 Kreise davon betroffen. Wie die Situation in Ihrer Region ist, zeigt diese Karte:

Lage angespannter, als gemeldete Zahlen nahelegen

»Ich begrüße die neuen Maßnahmen, hätte mir aber gewünscht, dass die 15-Kilometer-Regel schon ab einer Inzidenz von 100 gilt«, sagte Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes dem SPIEGEL. Sein Forschungsteam hat einen »Covid-19-Simulator « entwickelt, der den Verlauf der Pandemie in Deutschland vorherzusagen versucht. Lehr vergleicht die aktuelle Situation mit einem Marathon. »Bei Kilometer 30 tut es höllisch weh, aber das Ziel ist in Sicht.«

Auf den ersten Blick scheint sich der Shutdown bereits bemerkbar zu machen. Die täglich gemeldeten Infektionszahlen gehen zurück, der R-Wert wird aktuell auf 0,82 geschätzt. Beim konsequenteren Frühlings-Shutdown war der R-Wert in Deutschland allerdings zeitweise auf 0,6 gesunken.

Außerdem ist die tatsächliche Situation sehr wahrscheinlich angespannter, als die gemeldeten Zahlen nahelegen. Auch das Robert Koch-Institut (RKI) weist auf die Unsicherheiten in den täglichen Lageberichten  hin. Denn auch viele Ärztinnen, Labormitarbeiter und Angestellte von Gesundheitsämtern hatten über die Feiertage frei. Die Testkette dürfte dadurch vielerorts unterbrochen worden sein. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Schon in der Vergangenheit hatte es nach Feiertagen und an Wochenenden auffällige Knicks in der Infektionskurve gegeben.

»Durch Feiern an Weihnachten und Silvester könnten die Infektionszahlen weiter steigen«, sagte Lehr. »Und selbst wenn der R-Wert im Moment tatsächlich bei 0,82 liegt, ist die Absenkung geringer als erhofft.« Das kann mehrere Gründe haben. Etwa, weil die Menschen nicht mehr auf so viele Kontakte verzichten wie noch im Frühjahr. Die Einschränkungen vom Shutdown light gelten nun schon seit Wochen, ohne dass sie den gewünschten Erfolg gebracht hätten. »Es wäre besser gewesen, kurzzeitig härtere Maßnahmen zu ergreifen, dann hätten wir jetzt nicht so hohe Infektionszahlen«, sagte Lehr.

Zudem hat es das Virus in den Wintermonaten leichter, sich auszubreiten, und die gemeldeten Infektionszahlen waren zum Beginn des aktuellen Shutdowns viel höher als noch Anfang vergangenen Jahres. »Unsere Simulationen zeigen, dass die aktuelle Absenkung nicht ausreicht, um das Infektionsgeschehen zeitnah unter Kontrolle zu bekommen. Weitere Verschärfungen waren aus unserer Sicht dringend notwendig«, so Lehr.

Einschätzung der Entwicklung erst ab 11. Januar möglich

Die Situation in Krankenhäusern gibt ihm recht. »Einen Effekt des Lockdowns spüren wir auf den Intensivstationen immer mit einer Verzögerung von 14 Tagen bis drei Wochen – aber derzeit ist noch gar nichts zu spüren«, sagt der neue Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Professor Gernot Marx vom Universitätsklinikum Aachen. »Eine Lockerung von Maßnahmen, Begegnungen von mehr Menschen oder die Öffnung von Geschäften können wir uns aus medizinischer Sicht deshalb absolut noch nicht leisten!«, so Marx.

Er rechnet damit, dass sich die weitere Entwicklung frühestens ab dem 11. Januar einschätzen lässt, wenn die Meldezahlen wieder zuverlässiger sind. »Wir können, werden und wollen jeden Patienten behandeln – aber dies ist in einigen Regionen Deutschlands nicht mehr in Wohnortnähe möglich«, sagte Marx. »Auch deshalb ist eine Fortsetzung des Lockdowns unumgänglich: Die Stationen sind voll.«

Auch Bund und Länder waren sich schnell einig, dass eine Verlängerung des Lockdowns nötig ist. Dass nun weitere Beschränkungen kommen, liegt auch an den vor Kurzem in Großbritannien und Südafrika entdeckten Mutationen, die das Virus offenbar deutlich ansteckender machen. Sie könnten die Situation weiter verschärfen, wie ein Blick nach Großbritannien zeigt. Dort steigen die Fallzahlen rasant, nachdem sich die Corona-Mutante durchgesetzt hatte.

Inzwischen ist die Variante aus anderen Ländern bekannt. In Deutschland ist sie in einer Patientenprobe vom November entdeckt worden. Verbreitet sie sich hierzulande, könnte der R-Wert zusätzlich um 0,4 bis 0,7 steigen – je nach verwendetem Modell. (Mehr dazu lesen Sie hier .)

Umso wichtiger ist es laut Lehr, die Infektionszahlen rasch zu senken. »Angenommen, die Mutation lässt den R-Wert um 0,5 nach oben schnellen, dann wären wir aktuell bei einem R-Wert von 1,3 – trotz Beschränkungen. Die Infektionszahlen würden wieder rasant steigen.« Was wäre dann? Viel mehr ließe sich das öffentliche Leben nicht einschränken.

Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet bereits an einem Beschluss, gezielter nach Genveränderungen beim Coronavirus zu suchen. Im Vergleich zu anderen Ländern wie Großbritannien führt Deutschland bisher nur wenige solcher Gensequenzierungen durch. Auch, weil der Großteil der Tests in Privatlabors abgewickelt wird. Dadurch sind die Testkapazitäten hoch. Für umfangreiche Erbgutanalysen sind die Privatlabors allerdings oft nicht ausgerüstet. Universitätskliniken mit Biobanken sind deutlich besser ausgestattet.

»Wenn wir Schulen wieder öffnen, wird es unmöglich sein, die Fallzahlen weiter zu senken«

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach

Dass Schulen weiter geschlossen bleiben, ist für Schüler und Eltern schmerzlich, aus Sicht von Epidemiologen aber sinnvoll. Zunächst war die Rolle von Kindern bei der Ausbreitung des Virus unterschätzt worden, weil sie seltener Symptome haben und dadurch auch seltener getestet wurden. Neuere Untersuchungen zeigen nun, dass sie sich wahrscheinlich ähnlich häufig anstecken wie Erwachsene und das Virus im Schnitt sogar häufiger weitergeben. (Mehr dazu lesen Sie hier .)

Seit Herbst waren die Infektionszahlen bei Kindern in Deutschland deutlich gestiegen, hinzu kamen immer mehr Ausbrüche an Schulen.

Laut einer groß angelegten Untersuchung in Großbritannien  grassierte das Virus unter den 11- bis 16-Jährigen zwischen November und Anfang Dezember so stark wie sonst in keiner Altersgruppe. Zudem hatten sie eine siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit, das Virus in einen Haushalt zu tragen. »Wenn wir Schulen wieder öffnen, wird es unmöglich sein, die Fallzahlen weiter zu senken«, schrieb SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf Twitter. »Mit großer Wahrscheinlichkeit hat aus dem gleichen Grund auch der Wellenbrecher Shutdown die Lage nur stabilisiert, aber nicht verbessert.«

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Fraglich bleibt nun, wie lange der Shutdown durchgehalten werden sollte. Im Beschluss ist die Zielmarke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen angepeilt. Bleibt es bei der aktuellen Entwicklung, wird der Wert aber erst um den 10. Februar erreicht werden, zeigen Berechnungen von Lehrs Forschungsteam. Lässt sich der R-Wert dagegen wie im Frühjahr erneut auf 0,6 drücken, wäre die Marke schon etwa bis zum 26. Januar erreichbar.

Ende Oktober wurde eine Inzidenz von 50 allerdings noch als Alarmsignal gehandelt, ab dem dringend gehandelt werden sollte. Der Wert galt als Kipppunkt, ab dem Gesundheitsämter überlastet sind. Warum sollte das nun anders sein? »Es wäre viel besser gewesen, sich auf einen Zielwert von 25 zu einigen, und den Lockdown bis dahin fortzusetzen«, schrieb Lauterbach auf Twitter.

Führende Wissenschaftlerinnen um Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation gingen in einem Positionspapier noch weiter. Ihr Vorschlag: ein Richtwert von zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner pro Tag – und zwar in ganz Europa.

»Wir sollten die Sieben-Tages-Inzidenz auf mindestens 20 absenken«

Thorsten Lehr, Universität des Saarlandes

Für Deutschland wären das maximal etwa 830 Neuinfektionen pro Tag. So niedrige Fallzahlen hatte es hierzulande zuletzt im Sommer gegeben. Zu den mehr als 300 Unterzeichnern des Positionspapiers gehören auch Christian Drosten von der Berliner Charité, RKI-Präsident Lothar Wieler und Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Uniklinik Frankfurt.

Laut Lehrs Berechnungen könnte Deutschland eine Inzidenz von 25 Neuinfektionen schon bis zum 7. Februar erreichen, wenn der R-Faktor auf 0,6 sinkt. Länder mit niedrigen Infektionszahlen wie Mecklenburg-Vorpommern könnten die Marke schon Mitte Januar knacken. Besonders stark betroffene Regionen wie Sachsen bräuchten dagegen bis zu vier Wochen länger, um auf vergleichbare Werte zu kommen.

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Ob die nun zusätzlich beschlossenen Maßnahmen ausreichen, um den R-Wert auf 0,6 zu drücken, muss sich jedoch zeigen. Lockerungen ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 hält Lehr in jedem Fall für unsinnig. »Wir sollten die Sieben-Tages-Inzidenz auf mindestens 20 absenken, besser sogar noch zehn.« Und auch dann müsste der R-Wert weiterhin auf unter 1 gedrückt werden, um eine dritte Welle zu verhindern – notfalls mit weiteren Einschränkungen wie beim Shutdown light. »Die Politik muss Ziele klar kommunizieren«, mahnt Lehr. »Ansonsten heißt es: Durchhalten! Und so schnell impfen, wie es geht.«

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