Seelische Belastung Fast jedes dritte Kind zeigt psychische Auffälligkeiten während der Coronakrise

Um die psychische Gesundheit von Kindern steht es einer Studie zufolge nicht gut. Vor allem in Risikofamilien steigt die seelische Belastung. Außerdem vermuten Experten eine hohe Dunkelziffer von Kindesmisshandlungen.
Die Dunkelziffer von misshandelten Kindern ist während des Lockdowns wohl gestiegen

Die Dunkelziffer von misshandelten Kindern ist während des Lockdowns wohl gestiegen

Foto: fiorigianluigi / iStockphoto / Getty Images

In einer weiteren Untersuchung hat das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) herausgefunden, dass sich die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie verschlechtert hat. In der sogenannten Copsy-Studie  (Corona und Psyche) wurde zum zweiten Mal die Situation von Kindern und Jugendlichen während der Coronakrise abgefragt. Fast jedes dritte Kind leidet demnach ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten.

Sorgen und Ängste haben den Ergebnissen zufolge noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten. Erneut sind vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund betroffen.

»Unsere Ergebnisse zeigen erneut: Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen«, sagt Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der Copsy-Studie und Forschungsdirektorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE. »Wir brauchen aber verlässlichere Konzepte, um insbesondere Kinder aus Risikofamilien zu unterstützen und ihre seelische Gesundheit zu stärken.«

Hier seien auch die Schulen gefragt, regelmäßig Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern zu halten und ihnen dadurch Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Sonst bestehe die Gefahr, dass vor allem Kinder aus Risikofamilien ihre Motivation und Lernfreude verlieren. »Aber auch insgesamt müssen wir die seelischen Belastungen und Bedürfnisse von Familien und Kindern während der Pandemie und während eines Lockdowns stärker berücksichtigen«, sagt Ravens-Sieberer.

Die Copsy-Studie ist den Angaben zufolge die bundesweit erste ihrer Art. Von Mitte Dezember bis Mitte Januar nahmen mehr als 1000 Kinder und Jugendliche und mehr als 1600 Eltern per Onlinefragebogen teil. Im Zentrum der Untersuchung standen 7- bis 17-Jährige.

Hohe Dunkelziffer bei Kindeswohlgefährdungen

Die Dunkelziffer von Kindeswohlgefährdungen in Deutschland könnte während des Lockdowns zudem gestiegen sein, vermuten Expertinnen und Experten des Forschungsnetzwerks Medizinischer Kinderschutz am UKE.

Das Forschungsnetzwerk Medizinischer Kinderschutz am UKE hat dazu die Daten von 159 stationären und ambulanten Kinderschutzambulanzen und Kinderschutzgruppen während des ersten Shutdowns im März und April 2020 erhoben. Den Ergebnissen zufolge ist in den Ambulanzen ein Rückgang von 15 Prozent festzustellen, im stationären Bereich sogar um 20 Prozent im Vergleich zu den Monaten März und April 2019.

Daraus leiten die Forscher ab, dass die Dunkelziffer von Misshandlung und Vernachlässigung betroffener Kinder weiter gestiegen sein könnte. »Grund für die anzunehmende Vergrößerung des Dunkelfelds könnte unter anderem die durch den pandemiebedingten Lockdown fehlende soziale Kontrolle sein, die sonst zum Beispiel in Schulen oder Kitas stattfindet«, sagt Silke Pawils, Leiterin der Forschungsgruppe Prävention im Kindes- und Jugendalter des Instituts für Medizinische Psychologie. Zeitweise hätten auch die Jugendämter und freie Träger der Jugendhilfe wegen des Lockdowns ihre aufsuchende Arbeit deutlich eingeschränkt.

Bezüglich Alter und Geschlecht sowie den unterschiedlichen Misshandlungsformen hätten sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum keine signifikanten Unterschiede feststellen lassen, heißt es weiter in der Studie.

Kontrollfunktion von Schulen greift nicht

Auch Kinderärzte hatten sich bereits besorgt gezeigt, dass es durch Schul- und Kitaschließungen vermehrt zu Kindesmisshandlungen kommt. Eine Stellungnahme von Kinderärzten, Hygienikern und Kinderinfektiologen hatte sich im Januar gegen die Schließung von Kitas und Schulen ausgesprochen.

»Wenn ein Kind mit einem blauen Auge in die Schule kommt, dann fragt der Lehrer nach – und im Idealfall schreitet er ein. Wenn die Kinder die ganze Zeit zu Hause sind, bemerkt das niemand«, sagte der Kinderarzt Johannes Hübner dem SPIEGEL . Gleichzeitig führe es leichter zu Konflikten, wenn Familien den ganzen Tag in einer viel zu kleinen Wohnung eingesperrt seien und aufeinanderhockten.

»Kinder haben in Zeiten der sozialen Isolation weniger Möglichkeiten, Hilfssignale zu senden«, sagt Jo Ewert, Kinderschutzkoordinator in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE. »Aus anderen Studien wissen wir, dass insbesondere Kinder, die bereits vor der Pandemie von Gewalt betroffen waren, im ersten Lockdown mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut betroffen waren.« Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gelte Hinschauen statt Wegschauen, sagt er.

kry