Modellrechnungen Forscher gehen von hoher Immunität gegen Sars-CoV-2 in Deutschland aus

Impfung, Infektion oder beides: Die meisten Deutschen dürften Modellrechnungen zufolge inzwischen eine gewisse Immunität gegen das Coronavirus aufgebaut haben. Vor einer Herbstwelle schützt das vermutlich trotzdem kaum.
Den Sommer genießen (hier in Berlin): Trotz hoher Infektionszahlen sind im Alltag kaum noch Masken zu sehen

Den Sommer genießen (hier in Berlin): Trotz hoher Infektionszahlen sind im Alltag kaum noch Masken zu sehen

Foto: Jürgen Held / IMAGO

Ein Expertenteam der TU Berlin geht auf Basis von Modellrechnungen davon aus, dass in der Bevölkerung mittlerweile die meisten Menschen Kontakt mit dem Erreger Sars-CoV-2 hatten. »Laut unserem Modell hat mittlerweile ein Großteil der Bevölkerung Immunität aufgebaut durch Impfungen, Infektionen und eine Kombination aus beidem«, sagten die Modellierer Sebastian Alexander Müller und Kai Nagel der Düsseldorfer »Rheinischen Post« .

Trotz der hohen Infektionszahlen sei deshalb aktuell nicht mit einer Überlastung des Gesundheitssystems zu rechnen und eine weniger restriktive Politik scheine vertretbar. Dennoch »birgt jede Infektion das Risiko eines schweren Verlaufs«, warnen die Experten. »Und dieses Risiko scheint nach bisherigen Daten auch mit jeder Infektion erneut aufzutreten.«

Vergangene Woche schätzte das Robert Koch-Institut (RKI) den Anteil der Erwachsenen, die durch Impfung oder Infektion bereits bestimmte Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet haben, auf 92 Prozent. Der RKI-Erhebung zufolge war in Deutschland etwa jeder zehnte Erwachsene bereits mit dem Virus infiziert. Die Daten beziehen sich allerdings auf die Zeit, als die Deltawelle am Abklingen und Omikron erst ansteigend war. Die Millionen von Infektionen, die Omikron seitdem hervorgerufen hat, sind in der Studie also nicht berücksichtigt.

Die Berliner Forscher Nagel und Müller warnen davor, die aktuelle Situation mit einer möglichen Situation im Herbst gleichzusetzen. Mit Auftreten einer möglicherweise immunresistenten Coronavariante im Herbst könnte sich die Lage den Forschern zufolge grundsätzlich ändern. »Insgesamt lässt sich sagen, dass eine breite Impfkampagne laut unserem Modell stark infektionsdämpfend wirkt, jedoch allein nicht ausreichen würde, um eine solche Welle zu brechen«, sagten die Modellierer. Zum Schutz des Gesundheitssystems könnten dann unter Umständen wieder Einschränkungen sinnvoll sein. Im Detail hänge dies von der Variante und den politischen Zielen ab.

»Schulen sind weiterhin keine sicheren Lernorte«

Dem Modell zufolge wird die aktuelle Sommerwelle durch die Sommerferien gedämpft, weil es weniger Infektionen in Schulen und am Arbeitsplatz gibt. Mit der Rückkehr in die Schule und an den Arbeitsplatz nach den Ferien rechnen die Modellierer jedoch wieder mit mehr Ansteckungen. Dies sei auch in den vergangenen Jahren beobachtet worden.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht die Schulen in Deutschland schlecht auf den Coronaherbst vorbereitet. »Schulen sind weiterhin keine sicheren Lernorte und laufen im kommenden Schuljahr Gefahr, erneut geschlossen werden zu müssen, wenn die Infektionszahlen wieder ansteigen«, sagte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die Politik habe es auch im dritten Jahr der Pandemie nicht fertiggebracht, die Schulen auf den erwarteten Anstieg des Infektionsgeschehens im Herbst vorzubereiten.

Offene Schulen könnten nur sichergestellt werden, wenn bestmöglicher Schutz von Schülern und Lehrkräften gewährleistet sei, so Beckmann. »Andernfalls kommen Zusammenlegungen von Lerngruppen oder Schulschließungen von ganz allein, wenn die ohnehin seit Langem ausgedünnte Personaldecke durch den Anstieg der Infektionen in den Kollegien endgültig reißt.« Angesichts ihrer wissenschaftlich anerkannten Wirkung dürfe auch die rechtzeitige Wiedereinführung einer Maskenpflicht kein Tabuthema sein.

Debatte über Isolationspflicht

In der Ampelkoalition ist man sich unterdessen weiterhin uneins über notwendige Coronamaßnahmen. Mehrere FDP-Politiker plädierten am Wochenende für ein Ende der Isolationspflicht in der Coronapandemie. Auch der Kassenärztechef Andreas Gassen hatte am Wochenende gesagt, durch die Aufhebung aller Coronaisolations- und Quarantänevorgaben »würde die Personalnot vielerorts gelindert«. Wer krank sei, solle zu Hause bleiben. Und wer sich gesund fühle, solle zur Arbeit gehen, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der »Neuen Osnabrücker Zeitung«.

Derzeit gilt für die allgemeine Bevölkerung, dass die vorgeschriebene Isolation für Coronainfizierte nach fünf Tagen enden kann – mit einem »dringend empfohlenen« negativen Test zum Abschluss.

»Herr Gassen stößt mit seinem Vorschlag zur Aufhebung der Isolationspflicht eine wichtige Debatte an«, sagte die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus den RND-Zeitungen. »Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.« Durch Impfungen seien viele Menschen vor schweren Verläufen geschützt.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte dies umgehend zurückgewiesen. »Infizierte müssen zu Hause bleiben«, schrieb er auf Twitter. Sonst werde der Arbeitsplatz zum Sicherheitsrisiko, so der Minister.

»Die Ärztinnen und Ärzte sollten unter medizinischen Gesichtspunkten individuell entscheiden, ob und wie lange Krankschreibung und Isolation notwendig sind«, sagte die FDP-Politikerin Aschenberg-Dugnus nun. »Eine staatlich angeordnete Isolation ist bei einem symptomfreien Verlauf unverhältnismäßig.« Weiter sagte Aschenberg-Dugnus: »Wer Fieber und Symptome hat, der bleibt zu Hause. Das gilt nicht nur für Corona, sondern auch für Erkrankungen wie die Grippe.«

Auch FDP-Vize Wolfgang Kubicki sprach sich für eine Diskussion über die Isolationspflichten aus. »Aus meiner Sicht ist es sowohl epidemiologisch als auch aus Gründen der Eigenverantwortung überfällig, den Menschen diese Entscheidung wieder zu überlassen – so, wie es andere europäische Länder schon längst getan haben«, sagte der Jurist den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Ähnlich äußerte sich FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai. Er warnte vor Personalausfällen durch Isolationspflichten. »Wir werden in systemrelevanten Bereichen vor enormen Herausforderungen stehen, wenn wir massenhaft positiv Getestete ohne Symptome in die Isolation schicken«, sagte er der »Rheinischen Post«.

kry/AFP/dpa
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