Kontaktsperren gegen das Coronavirus Es wirkt!

Immer Abstand halten, keine Osterbesuche: Die Coronakrise verlangt der Gesellschaft viel ab. Nun zeigt eine Simulation von Max-Planck-Forschern erstmals, welchen Effekt Kontaktsperren haben.
Ohne die Kontaktsperre wären die nachgewiesenen Corona-Zahlen wahrscheinlich doppelt so hoch

Ohne die Kontaktsperre wären die nachgewiesenen Corona-Zahlen wahrscheinlich doppelt so hoch

Foto: Bernhard Lang/ Getty Images

Einigen mag die Coronakrise schon jetzt endlos lang vorkommen, doch vor gerade mal einem Monat lief das öffentliche Leben noch ohne größere Einschränkungen. Geschlossene Schulen und abgesagte Veranstaltungen hielten viele Menschen damals für hysterische Überreaktionen. "Wir können doch nicht das öffentliche Leben stilllegen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, noch Anfang März.

Eine Simulation  zeigt nun erstmals, dass die seit dreieinhalb Wochen geltenden Kontaktsperren wahrscheinlich den entscheidenden Durchbruch brachten, um in Deutschland die exponentielle Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Die zuvor beschlossenen Schließungen von Schulen, Geschäften, Restaurants und die Absage von Großveranstaltungen hätten das allein wahrscheinlich nicht geschafft.

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Schrittweise Lockerung vielleicht in zwei Wochen möglich

"Wir sehen eine klare Wirkung der Kontaktsperre vom 22. März und den Beitrag von jeder einzelnen Person", sagt Physikerin Viola Priesemann. Sie leitet die Forschungsgruppe vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die die Simulation gemeinsam mit anderen Göttinger Wissenschaftlern aufgebaut hat. "Unsere Gesellschaft kann wirklich stolz darauf sein, dass sie diese Wende geschafft hat."

Um die Corona-Epidemie in den Griff zu bekommen, müssten soziale Kontakte jedoch auch in den kommenden zwei Wochen auf ein Minimum beschränkt werden, zeigt die Simulation. Erst danach sei eine schrittweise Lockerung der Maßnahmen möglich. Darüber müsse jedoch die Politik entscheiden, betonen die Forscher.

Die Grafik zeigt, wie sich die Fallzahlen unter Berücksichtigung der einzelnen Einschränkungen wahrscheinlich entwickelt hätten. Der grüne Graph zeigt die wahrscheinliche weitere Ausbreitung des Virus, wenn die Kontaktbeschränkungen noch etwa zwei Wochen eingehalten werden

Die Grafik zeigt, wie sich die Fallzahlen unter Berücksichtigung der einzelnen Einschränkungen wahrscheinlich entwickelt hätten. Der grüne Graph zeigt die wahrscheinliche weitere Ausbreitung des Virus, wenn die Kontaktbeschränkungen noch etwa zwei Wochen eingehalten werden

Foto: MPI für Dynamik und Selbstorganisation
"Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden, sind wir wieder ganz am Anfang"

Auch wenn die in Deutschland geltenden Einschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus noch mindestens bis zum 19. April gelten sollen, schielen viele bereits auf den Dienstag nach Ostern: An dem Tag wollen Bund und Länder das weitere Vorgehen beraten. Bis dahin erscheinen die Feiertage als großer Corona-Bewährungstest.

"Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden", sagt auch Physikerin Priesemann, "sind wir wieder ganz am Anfang." Wenn die Regeln dagegen weiter eingehalten werden, könnte es laut den Forschern im besten Fall in zwei Wochen nur noch einige Hundert neue nachgewiesene Corona-Fälle pro Tag geben. Bei einer so geringen Zahl von Neu-Erkrankten sei es realistisch, möglichst alle Kontakte zurückzuverfolgen und zu isolieren. In diesem Fall wäre eine Lockerung der Maßnahmen denkbar.

Vorherige Analysen der Forschergruppe hatten gezeigt, dass die Schließung von Kindergärten, Schulen, Geschäften und öffentlichen Einrichtungen, die um den 16. März in Kraft traten, die Ausbreitung des Coronavirus zwar abgeschwächt haben. Sie konnten den Erreger aber nicht komplett eindämmen. Wahrscheinlich wären die Fallzahlen ohne die Kontaktbeschränkungen innerhalb weniger Tage erneut gestiegen. Damals waren Großveranstaltungen verboten worden, Läden mussten ebenso schließen wie Diskotheken und Restaurants. Um viele Kinderspielplätze weht seitdem Absperrband.

Am 22. März folgten die weitgehenden Kontaktsperren. Seitdem gilt: Nur noch zu zweit vor die Tür, wann immer es geht Abstand von mindestens 1,5 Metern zu anderen halten und nur noch aus dem Haus gehen, wenn es unbedingt nötig ist, weil man zum Einkaufen oder zur Arbeit muss oder Sport treiben will.

Die Göttinger Forscher können nicht sagen, welche dieser Einschränkungen zuerst gelockert werden könnten. Aus den Daten lässt sich nur die Gesamtwirkung der Regeln ablesen. Nicht, welchen Vorteil einzelne Entscheidungen gebracht haben. Ob Schulschließungen das Virus stärker eingedämmt haben als die Vorgabe, nur noch zu zweit vor die Tür zu gehen, ist unklar. (Warum einige Forscher am Sinn von Schulschließungen zweifeln, lesen Sie hier).

Im Video: Straßen desinfizieren - hilft das wirklich weiter?

DER SPIEGEL

Das entscheidende Maß der Göttinger Simulation ist die effektive Ausbreitungsrate der bestätigten Corona-Infektionen. Am Anfang einer Epidemie liegt dieser Wert sehr hoch, auch wenn es noch wenige Fälle gibt. Die bloße Anzahl der neu nachgewiesenen Infektionen pro Tag ist dagegen wenig aussagekräftig. Sie muss mit der Gesamtzahl der Infektionen in Relation gesetzt werden. Ein Beispiel: In Deutschland gab es am 26. März und am 1. April jeweils etwa 6000 Neuinfektionen. Die effektive Ausbreitungsrate war am 1. April aber schon deutlich gesunken, weil die Gesamtzahl der Infektionen mittlerweile deutlich gestiegen war.

Ist effektive Ausbreitungsrate größer als null, nimmt die Epidemie zu. Liegt der Wert darunter, geht sie allmählich zurück. Laut der aktuellen Analyse haben die Kontaktsperren den Wert in den vergangenen zwei Wochen etwa um zwei Prozentpunkte ins Minus gedrückt. Werden die Vorgaben weiter eingehalten, könnte dieser Wert sogar noch weiter sinken.

"Unsere Modellrechnung zeigt auch", sagt Priesemann, "dass wir inzwischen rund 200.000 bestätigte Infektionen hätten, wenn es etwa bei den milden Beschränkungen vom 8. März geblieben wäre, ganz zu schweigen davon, wenn es gar keine Maßnahmen gegeben hätte." Tatsächlich gibt es laut dem Robert Koch-Institut Stand Mittwoch nur 103.228 nachgewiesene Infektionen mit dem Coronavirus.

Andere Forscher bringen Verschärfung der Maßnahmen ins Spiel

Ob die Maßnahmen in Deutschland nach Ostern tatsächlich gelockert werden, wird sich zeigen. Längst nicht alle Forscher glauben daran. Laut einer aktuellen Analyse des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) könnten die Maßnahmen sogar noch verschärft werden.

Zwar zeigt sich laut den Forschern, dass die geltenden Einschränkungen die Ausbreitung der Epidemie eindämmen konnten. So stecke jeder Corona-Patient im Schnitt nur noch einen weiteren Menschen an. "Unsere Daten deuten jedoch auch an, dass das kein Plateau ist", sagt Michael Meyer-Hermann, Physiker am HZI in Braunschweig. "Der Wert ist in den vergangenen drei Tagen weiter gesunken und diese Tendenz scheint anzuhalten." Das heißt: Wenn die Regeln weiterhin gelten, ließe sich die Ausbreitung nachhaltig verlangsamen.

Bleiben die Werte wie bisher, müssten über ein Jahr hinweg ständig etwa zehntausend Intensivbetten für Covid-19-Patienten zur Verfügung stehen. Das wäre für das Gesundheitssystem wahrscheinlich gerade so verkraftbar, meint Meyer-Hermann. Stecke jedoch jeder positiv Getestete wieder so viele Menschen an wie noch vor einer Woche, läge die Zahl der Intensivpatienten innerhalb weniger Monate in den Hunderttausenden - das Gesundheitssystem wäre komplett überfordert.

Gelänge es dagegen, die Zahl der Ansteckung pro Infizierten auf Werte deutlich unter 1 zu senken, wäre die Ausbreitung des Virus nach den Berechnungen der Braunschweiger Infektionsforscher innerhalb von ein bis zwei Monaten gestoppt. Sie schlagen deshalb vor, die Einschränkungen im sozialen Leben kurzfristig sogar noch zu verschärfen, um die Ausbreitung weiter zu verlangsamen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewertet die Situation in Europa weiterhin als "sehr besorgniserregend" und warnte davor, die geltenden Beschränkungen zu früh zu lockern.

Kommt nach Ostern die Lockerung? Welchen Weg die Bundesregierung einschlagen wird, ist unklar. "Wir wären eine schlechte Bundesregierung, wenn wir jetzt schon ein Datum nennen würden", sagte Angela Merkel. Die Bundesregierung, versicherte die Kanzlerin, prüfe die verschiedenen Szenarien; Tag und Nacht.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes haben wir den Begriff "Wachstumsrate" verwendet. Korrekt ist die Formulierung "effektive Ausbreitungsrate". Wir haben den Text entsprechend korrigiert.

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