Behandlung von Covid-19 Gegen den Sturm

Bei einigen Patienten verursacht das Coronavirus eine Überreaktion des Immunsystems, die zum Tod führen kann. Jetzt testen Forscher ein vielversprechendes Mittel gegen den sogenannten Zytokinsturm.
Eine Immunzelle setzt Zytokine frei: Unkontrollierbare Entzündungsreaktion

Eine Immunzelle setzt Zytokine frei: Unkontrollierbare Entzündungsreaktion

Foto: scientificanimations.com/ Wikimedia Commons

Der menschliche Körper steht Krankheitserregern nicht machtlos gegenüber. Wenn Viren, Parasiten oder schädliche Bakterien eindringen, werden sie im Idealfall erkannt und bekämpft. Das Immunsystem fährt dann alle Waffen auf, über die es verfügt: Der Körper schwitzt, er scheidet aus, vernichtet die Erreger mit Fresszellen oder bildet passgenaue Antikörper.

Wenn alles gut läuft, schaltet das Immunsystem die Fremdkörper auf diese Weise aus. Manchmal bemerken Infizierte das nicht einmal. Bei anderen Krankheitserregern ist der Körper überfordert, dann benötigt er medizinische Hilfe im Kampf gegen die Eindringlinge. Und in manchen Fällen wird sogar das Immunsystem selbst zum Problem: So kann es bei Covid-19 ebenso wie etwa bei Autoimmunerkrankungen zu einer viel zu heftigen Reaktion des Körpers kommen.

Mediziner sprechen in diesen Fällen von einer überschießenden oder hyperaktiven Immunantwort. Das anhaltend hohe Fieber vieler Corona-Patienten, die schwere Atemnot und eine starke Lungenentzündung sind Anzeichen für eine solche Reaktion. Weil bislang keine Medikamente gegen Covid-19 entwickelt wurden, kann der schwere Krankheitsverlauf noch immer zum Tod führen.

Signalmoleküle schlagen ständig Alarm

Um zu verstehen, was genau passiert, wenn der Körper sich selbst schadet, muss man in die Welt der Moleküle eintauchen: Wenn Immunzellen Viruspartikel entdecken, dann schlagen sie Alarm. Sie tun das, indem sie Proteine freisetzen, die als Zytokine bezeichnet werden. Diese Zytokine wiederum rufen andere Immunzellen zum Schauplatz des Geschehens, sie wählen quasi die körpereigene Notrufnummer. In der Folge entsteht eine Entzündungsreaktion, die dem Körper dabei hilft, das Virus abzuwehren.

Zum Problem kann jedoch werden, dass einige der Immunzellen nicht nur Zytokine freisetzen, sondern auch andere Signalmoleküle. Und diese anderen Stoffe, sogenannte Katecholamine, wählen die Notrufnummer leider viel zu oft. Sie verstärken die gesamte Immunreaktion, indem sie die Freisetzung weiterer Zytokine auslösen. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Teufelskreis - in der Fachwelt wird er als Zytokinsturm bezeichnet.

"Sobald dieser Prozess einmal begonnen hat, scheint der Körper ihn nicht mehr stoppen zu können", sagt der Rheumatologe Maximilian Konig von der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität. Er arbeitet an einer Studie mit, die untersucht, mit welchen Medikamenten sich der Zytokinsturm abwenden ließe - und zwar noch bevor Corona-infizierte Patienten überhaupt auf die Intensivstation verlegt werden müssen. Das könnte neben einer niedrigeren Zahl an Todesfällen auch den positiven Effekt haben, dass mehr Krankenhausbetten zur Verfügung stünden.

Erste Analysen mit vielversprechendem Ergebnis

Ihre Hoffnungen setzen die US-Forscher auf sogenannte Alphablocker. Dabei handelt es sich um Medikamente, die bislang bei Patienten mit Prostataerkrankungen oder Bluthochdruck Anwendung finden. Alphablocker besetzen eine Andockstelle, die Katecholamine eigentlich benötigen, um die Freisetzung weiterer Zytokine zu fördern. Bereits 2018 konnte das Team der Johns-Hopkins-Universität um den berühmten Krebsforscher Bert Vogelstein in Versuchen mit Mäusen zeigen, dass Alphablocker bei bakteriellen Infektionen Zytokinstürme mildern und die Zahl der Todesfälle reduzieren. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher damals in der renommierten Fachzeitschrift "Nature" .

Jetzt wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob diese Wirkung auch bei Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus erzielt werden könnte. Sie testen dafür einen Alphablocker namens Prazosin an 220 Patienten im Alter von 45 bis 85 Jahren, die an Covid-19 erkrankt sind, aber weder beatmet werden noch auf der Intensivstation liegen. Nach einer Beobachtungszeit von 60 Tagen will das Team untersuchen, ob die Patienten seltener auf Intensivstationen eingewiesen oder beatmet werden müssen als Patienten mit einer Standardbehandlung.

Auch wenn die Ergebnisse dieser klinischen Studie noch ausstehen, gibt es bereits einen Hoffnungsschimmer: Denn um überhaupt eine Genehmigung für Tests an Menschen zu erhalten, werteten Vogelstein und seine Kollegen vorab Daten von Corona-Patienten mit Lungenentzündungen und akuter Atemnot aus. Sie prüften unter anderem, ob vorher Alphablocker eingenommen worden waren. Die statistische Auswertung ergab, dass die Einnahme dieser Medikamente mit einem geringeren Risiko korrelierte, an Atemnot zu sterben.

"Der Ansatz, den wir verfolgen, besteht darin, Menschen, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind, frühzeitig im Verlauf der Krankheit zu behandeln - also noch bevor sie schwere Symptome entwickeln", sagt Vogelstein. Er ermutigt auch seine Kollegen in anderen Krankenhäusern, sich an entsprechenden klinischen Studien zu beteiligen, um schneller verlässliche Daten sammeln zu können. Nur so lässt sich klären, welche Therapien gegen den Zytokinsturm tatsächlich geeignet sind.

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