Gegen Wildtyp, Delta und Omikron wirksame Antikörper Ist das der Universalschutz gegen Corona?

Zwei Antikörper können offenbar sämtliche bislang bekannten Varianten des Coronavirus unschädlich machen. Der Trick: Sie binden an einer Stelle des Virus, die bislang kaum mutiert ist.
Andere Bindestelle: Illustration des Coronavirus mit den herausragenden Spike-Proteinen

Andere Bindestelle: Illustration des Coronavirus mit den herausragenden Spike-Proteinen

Foto: KTSDesign / Science Photo Library / Getty Images

Mehrfach sind seit Beginn der Pandemie Virusvarianten entstanden, die den Infektionsschutz nach einer Impfung oder Infektion umgehen können. Ein Fachteam um Natalia Freund von der Tel Aviv University hat nun Antikörper identifiziert, die alle bekannten Varianten des Coronavirus sehr verlässlich neutralisieren.

Laut der Studie in der Fachzeitschrift »Communications Biology«  sind manche der ersten im Frühjahr 2020 mit Sars-CoV-2 infizierten Patientinnen und Patienten bis heute immun gegen den Erreger, mit hoher Sicherheit auch gegen die seither mutierten Varianten des Coronavirus. Wer die gleichen Antikörper wie sie in sich trägt, muss sich also weniger um die Gefahr einer Reinfektion sorgen, so die Hoffnung.

Revolution im Kampf gegen Covid-19: Immunologin Natalia Freund

Revolution im Kampf gegen Covid-19: Immunologin Natalia Freund

Foto: Tel Aviv University

Die Fachleute isolierten neun durch natürliche Infektion entstandene Antikörper und testeten sie im Labor an verschiedenen Virusvarianten. Die Antikörper stammten aus dem Blut von Patientinnen und Patienten, die im Frühjahr 2020 in Israel an dem damals noch dominierenden Wildtyp des Virus (Wuhan-Stamm) erkrankt waren.

Ein Antikörper mit dem Kürzel TAU-1109 neutralisierte im Labor 90 Prozent der herangezüchteten Coronaviren der Delta-Variante und 92 Prozent der aktuell vorherrschenden Omikron-Variante. Ein zweiter Antikörper namens TAU-2310 zerstörte in den Tests 97 Prozent der Delta-Viren und 84 Prozent der Omikron-Viren.

Schwachstelle in der Evolution des Virus

Immunologin Natalia Freund zeigt sich überzeugt, eine Schwachstelle in der Evolution des Virus gefunden zu haben. Dabei geht es um Mutationen des charakteristischen Spike-Proteins, das die Andockstelle des Virus an Körperzellen bildet. Freund berichtet, dass das Spike-Protein überwiegend an immer derselben Rezeptor-Bindestelle mutiert.

Der Nachteil dabei: Die meisten Antikörper docken an dieser Stelle an, um das Coronavirus unschädlich zu machen. Neue Virusvarianten, mit deutlich veränderter Rezeptor-Bindestelle, erkennen sie schlechter und können sie nicht mehr so verlässlich bekämpfen. Das führt dazu, dass der Infektionsschutz nach Impfung mit den neuen Virusvarianten nachlässt. Aus diesem Grund wurden angepasste Vakzine wie die nun gegen Omikron verfügbaren  entwickelt.

Die Antikörper TAU-1109 und TAU-2310 binden an einer anderen Stelle des Spike-Proteins, die »aus irgendwelchen Gründen kaum mutiert«, so Freund. Deshalb könnten sie bei der Abwehr zahlreicher Virusvarianten helfen. Die Ergebnisse aus Tel Aviv wurden in Laboren der israelischen Bar Ilan University sowie der University of California in San Diego bestätigt. Auch der Molekularbiologe Ye Xiang von der chinesischen Tsinghua University war an der Studie beteiligt.

Die Pandemie halte sich wegen der abnehmenden Immunität so hartnäckig, sagt Freund. »Menschen, die zur Geburt gegen Pocken geimpft wurden und heute 50 Jahre alt sind, haben immer noch Antikörper und sind damit wahrscheinlich zumindest teilweise gegen Affenpocken geschützt.« Demgegenüber nehme die gegen Covid-19 wirksame Antikörperzahl schon nach drei Monaten spürbar ab, »weshalb wir sehen, dass Leute sich immer und immer wieder anstecken, selbst wenn sie dreifach geimpft sind«.

Einen guten Schutz vor schwerem oder gar tödlichem Krankheitsverlauf bietet die Impfung nach drei Dosen aber dennoch.

Die nun identifizierten Antikörper könnten nach Freunds Vorstellung als Medikament in den ersten Tagen nach Infektion gegeben werden und so die Ausbreitung des Virus im Körper stoppen. Das könnte vor allem Menschen mit geschwächtem Immunsystem helfen, die nach Impfung keinen verlässlichen Erkrankungsschutz aufbauen.

Denkbar wäre auch, neuartige Impfstoffe, die eine Schleimhautimmunität und damit einen länger anhaltenden Infektionsschutz vermitteln sollen, so zu konzipieren, dass Geimpfte die neu entdeckten Antikörper produzieren. Die Produkte sind allerdings noch nicht marktreif. Und wie verlässlich die Antikörper in der Praxis vor Infektionen mit verschiedenen Varianten schützen, ist noch unklar.

ak
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