Entzündungen und Blutgerinnung Fünf Theorien, wie Covid-19 Herz und Kreislauf schadet

Das Coronavirus kann auch Herz und Kreislauf schwer schädigen. Drei Kardiologen berichten, welche Komplikationen es gibt und wie sie ihre Patienten behandeln.
Elektrokardiogramm

Elektrokardiogramm

Foto: GIPhotoStock/ Cultura RF/ Getty Images

Covid-19 gilt vor allem als Erkrankung der Atemwege. Gelangt das Coronavirus bis in die Lunge, kann es zu schweren Entzündungen führen. Immer mehr Daten sprechen jedoch dafür, dass auch Herz und Kreislauf beeinflussen, wie die Krankheit verläuft. Der Überblick:

Blutgerinnung: Fördert Covid-19 Blutgerinnsel in der Lunge?

Die Blutgerinnung ermöglicht es dem Körper, verletzte Gefäße schnell abzudichten, aber auch Krankheitserreger zu bekämpfen. Dann dient sie unter anderem dem Zweck, Eindringlinge wie Bakterien oder Viren mithilfe winziger Gerinnsel einzuschließen. Bei starken Entzündungen gerät das Zusammenspiel zwischen Immunsystem und Blutgerinnung jedoch mitunter außer Kontrolle.

Laborwerte weisen darauf hin, dass das Blut von Covid-19-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen deutlich schneller gerinnt, als es normalerweise der Fall wäre. Dadurch können sich Gerinnsel bilden, die wichtige Blutgefäße etwa in der Lunge verstopfen. Sie könnten erklären, warum bei manchen Covid-19-Patienten die Atmung so plötzlich versagt.

"Bei einem Drittel der intensivpflichtigen Covid-19 Patienten wurde eine tiefe Beinvenenthrombose oder eine Lungenembolie beobachtet", sagt Kardiologin Ilka Ott, Chefärztin am Helios Klinikum Pforzheim.

Ein Eindruck, den Nikolaus Marx, Kardiologe am Universitätsklinikum Aachen, bestätigt. Auch bei ihm auf der Intensivstation entwickeln Covid-19-Patienten vermehrt Gerinnsel in der Lunge. "Eine Hypothese ist, dass das Virus auch die Endothelzellen befallen kann, also die Zellen, die die Innenwand der Blutgefäße bilden", sagt Marx. "Diese können die Blutgerinnung in Gang setzen."

Noch ist nicht abschließend geklärt, wie stark schwer erkrankte Covid-19-Patienten von Blutverdünnern profitieren. Eine kleine Studie aus China  hatte zwar ergeben, dass Heparin die Chancen erhöht, die Krankheit zu überleben. Als wissenschaftlicher Beleg reicht die Untersuchung allein jedoch noch nicht aus.

Unabhängig davon kommt das Medikament in Deutschland bei der Versorgung schwer erkrankter Covid-19-Patienten jedoch bereits zum Einsatz. "Wir behandeln alle Covid-19-Patienten auf der Intensivstation vorsorglich mit Blutverdünnern", sagt Holger Thiele, Direktor der Universitätsklinik für Kardiologe am Herzzentrum Leipzig. "Das ist etwas, das wir sonst nicht bei allen Intensivpatienten routinemäßig machen."

Marx verabreicht seinen Intensivpatienten mit Covid-19-Erkrankung ebenfalls Heparin, um der Gerinnung entgegenzuwirken. "Wir verdünnen ihr Blut", sagt er.

Pumpe in Not: Wie Covid-19 das Herz stresst

Bei einigen Covid-19-Patienten entzündet sich die Lunge - und zwar in besonders ausgeprägter Form: Oft sind beide Lungenflügel mit Flüssigkeit gefüllt. Infolgedessen verengen sich die Gefäße in der Lunge. Das hat zwei Folgen: Der Körper wird weniger mit Sauerstoff versorgt. Und die rechte Herzhälfte, die Blut durch die Lunge pumpt, wird stärker belastet.

"Lungenentzündungen sind immer eine Belastung für das Herz", sagt Marx, der Direktor der Medizinischen Klinik I in Aachen ist. Allerdings könnte man, wenn Bakterien sie verursachen, ein Antibiotikum geben, und nach ein bis zwei Wochen ist die Entzündung abgeklungen und der Stress fürs Herz vorbei. "Bei Covid sehen wir Patienten, bei denen die Lungenentzündung über mehrere Wochen andauert."

Müssen Betroffene beatmet werden, nimmt der Stress fürs Herz keineswegs ab: "Eine Beatmung bei Covid-19 ist insbesondere belastend für das rechte Herz. Es kommt zu erhöhten Drucken und Widerständen im kleinen Kreislauf", sagt Ilka Ott. Manche Patienten brauchen dann zusätzliche Herzmedikamente, erklärt Marx.

"Jede Entzündung belastet das Herz-Kreislauf-System und steigert dadurch das Risiko für einen Herzinfarkt oder eine Herzschwäche", sagt auch Thiele. Ob Covid-19 häufiger zu etwa Herzinfarkten führt als zum Beispiel eine Grippe, lässt sich aus den bisherigen Daten jedoch noch nicht ablesen.

Das Einfallstor: Stört Covid-19 die Blutdruckregulation?

Beim Anblick des Coronavirus fallen vor allem die Zacken auf, die seine Oberfläche überziehen. Mit ihrer Hilfe verschafft sich der Erreger Zugang zu menschlichen Zellen. Dabei docken die Viren jedoch an Stellen auf der Zelloberfläche an, die zu einem der wichtigsten Regulationssysteme des Blutdrucks gehören: den ACE2-Rezeptoren.

Welche Folgen das hat, ist noch nicht ausreichend erforscht. Eigentlich zählen ACE2-Rezeptoren zu den - aus gesundheitlicher Sicht - guten Teilen der Blutdruckregulation. Sie sorgen dafür, dass ein Stoff abgebaut wird, der die Gefäße eng stellt und dadurch den Blutdruck erhöht. Dockt ein Virus an, verliert die Zelle den Rezeptor. Auf diese Weise könnte die Infektion bereits schaden.

In die Diskussion geraten ist das Thema jedoch aus einem anderen Grund: Allein in Deutschland nehmen jeden Tag rund 16 Millionen Menschen sogenannte ACE-Hemmer, die den Blutdruck senken und in genau dieses System eingreifen. Die Einnahme der Medikamente kann möglicherweise dazu führen, dass die Anzahl der ACE2-Rezeptoren auf der Zelloberfläche steigt. Die Frage ist nur: Was hat das für Folgen?

Zwar wäre denkbar, dass die stärkere Verbreitung der Andockstellen Coronaviren hilft, in Zellen einzudringen. Denkbar ist aber auch, dass die zusätzlichen Rezeptoren das Lungengewebe schützen - etwa weil sie den Verlust der Rezeptoren durch die Viren ein Stück weit ausgleichen.

"Es wird viel über ACE-Hemmer diskutiert, obwohl ihr Einfluss auf den Verlauf von Covid-19 noch vollkommen unklar ist", sagt Marx. "Mich sprechen viele Patienten darauf an. Ich antworte ihnen dann, dass sie ihre Blutdrucksenker unbedingt weiter nehmen sollen."

Ein Rat, den Thiele ausdrücklich unterstützt: "Alle Fachgesellschaften, egal ob die amerikanische, die europäische oder die deutsche, sind sich einig, dass die Patienten ihre Medikamente auf keinen Fall absetzen sollten", sagt Thiele, der im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ist. "Auch im Hinblick auf Covid-19 ist es wichtig, dass der Blutdruck gut eingestellt ist."

Direkter Angriff: Kann das Virus Herzmuskelentzündungen auslösen?

Es mehren sich Fallberichte über Covid-19-Patienten, die eine Herzmuskelentzündung entwickelt haben (hier , hier  und hier ). Die sogenannte Myokarditis kann auch infolge anderer Virusinfektionen entstehen.

Ist der Herzmuskel entzündet, kann sich das durch verschiedene Symptome äußern: Einige Betroffene fühlen sich schwach, kurzatmig bei Belastung. Manche spüren starken Brustschmerz oder, ihr Herz stolpert. Die Myokarditis kann Herzrhythmusstörungen auslösen und zu einem Herzstillstand führen.

Nikolaus Marx, der in Aachen mehrere Covid-Patienten betreut, berichtet, dass man bei allen auf bestimmte Laborwerte achtet, die auf eine Herzmuskelentzündung hindeuten. Sind die Werte auffällig, sehen die Ärzte sich das Herz per Ultraschall oder Kernspin an und suchen nach Anzeichen einer Entzündung. "Nicht jeder Covid-Patient bekommt eine Herzmuskelentzündung", sagt Marx.

Indirekte Gefahr: Bei Infarkt-Symptomen zum Arzt gehen!

Seit Beginn des Corona-Ausbruchs in Deutschland beobachten Ärztinnen und Ärzte mit Sorge, dass sich weniger Patienten mit einem Infarkt oder Schlaganfall in der Notaufnahme melden. In der Aachener Uniklinik seien im März vergangenen Jahres 61 Menschen mit einem Infarkt in die Notaufnahme gekommen, sagt Marx. In diesem März waren es lediglich 37.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass weniger Infarkte passieren. Die Menschen scheuen also trotz Symptomen das Krankenhaus. Manche kommen auch erst Tage später. "Niemand soll bitte so viel Angst vor Covid haben, dass er mit einem Infarkt nicht ins Krankenhaus kommt", sagt Marx.

Dieser Appell ist auch Thiele wichtig: "Es gibt vermutlich einen nicht unerheblichen Kollateralschaden, weil sich Patienten mit Herzinfarkten aus Angst, sich anzustecken, nicht in die Klinik trauen", sagt der Direktor der Universitätsklinik für Kardiologie am Herzzentrum Leipzig. Auch er und sein Team haben einen Rückgang der Patienten um 30 bis 40 Prozent beobachtet.

"Wir haben die Befürchtung, dass wir durch die ausbleibenden Behandlungen nach der Pandemie eine Flut an Patienten mit Herzschwäche und Herz-Rhythmus-Schäden haben", sagte er. "Das müssen wir verhindern. Sonst droht vielleicht ein Schaden, der ähnlich groß ist wie der Schaden durch das Virus selbst."