"Nicht der richtige Zeitpunkt" WHO ruft vorerst keine internationale Notlage aus

Etwa 20 Millionen Menschen in China sollen ihre Städte nicht verlassen, damit die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt wird. Die WHO ist sich uneins über die Ausmaße der Notlage.
Tedros Adhanom Ghebreyesus findet Chinas Maßnahmen angemessen: "Wir hoffen, dass sie effektiv und von kurzer Dauer sind"

Tedros Adhanom Ghebreyesus findet Chinas Maßnahmen angemessen: "Wir hoffen, dass sie effektiv und von kurzer Dauer sind"

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SALVATORE DI NOLFI/EPA-EFE/REX

Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen ist auf 644 Fälle gestiegen, mittlerweile sind 18 Menschen an der neuartigen Lungenkrankheit gestorben. Die Behörden in China  schotten Großstädte ab. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzichtet aber vorläufig darauf, eine internationale Notlage auszurufen.

Die Nachrichten des Tages zum Coronavirus im Überblick:

  • Die Entscheidung der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation hat trotz der rasanten Ausbreitung einer neuen Lungenkrankheit in China erneut auf das Ausrufen einer "gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite" verzichtet. Allerdings könnte sich die Situation noch zu einer "Notlage" entwickeln, sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Ihm zufolge war das zuständige 16-köpfige Komitee in der Frage uneins gewesen. Es hatte seine ursprünglich für Mittwoch erwartete Entscheidung um einen Tag verschoben.

Die Entscheidung des Komitees gegen die internationale Notlage begründete auch der Vorsitzende des Notfallausschusses, Didier Houssin. "Es ist nicht der richtige Zeitpunkt", sagte er und verwies darauf, dass es im Ausland bislang nur wenig Fälle gebe und dass China bereits selbst weitreichende Vorkehrungen zur Eindämmung des Virus getroffen habe.

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Mit einer offiziellen "Notlage" könnten weitere konkrete Empfehlungen an Staaten verbunden sein, um die Ausbreitung über Grenzen hinweg möglichst einzudämmen. Zu solchen Empfehlungen kann beispielsweise gehören, dass Reisende auf Krankheitssymptome geprüft werden und dass medizinisches Personal besser geschützt wird.

  • Großstädte in China wollen weitere Ausbreitung des Virus verhindern

Die Behörden in China haben mit beispiellosen Maßnahmen reagiert und fünf Großstädte mit insgesamt rund 20 Millionen Einwohnern abgeschottet. Mit der Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest am kommenden Samstag wächst die Gefahr einer Ausbreitung des neuen Coronavirus.

Aus Angst vor einer Verbreitung des Virus wurden in der Metropole Wuhan Flüge, Züge, Fähren, Fernbusse und der öffentliche Nahverkehr gestoppt, die Ausfallstraßen wurden nach und nach gesperrt. In Wuhan leben elf Millionen Menschen. Sie wurden gebeten, die Stadt nur unter besonderen Umständen zu verlassen. Auf dem Hunan-Markt von Wuhan soll das Coronavirus von einem Tier auf einen oder mehrere Menschen übergesprungen sein.

In der 75 Kilometer östlich gelegenen Stadt Huanggang mit sieben Millionen Einwohnern sollte der öffentliche Verkehr gestoppt werden, Menschen sollen die Stadt nicht mehr verlassen, wie die Stadtregierung mitteilte. Ähnliche Auflagen gelten für die benachbarte Stadt Ezhou mit einer Million und für die Stadt Chibi mit einer halben Million Einwohnern. Auch in Xiantao mit mehr als einer Million Einwohner ist der öffentliche Verkehr mit Bussen, Fähren und Bahnen in andere Orte ausgesetzt worden. Alle Städte liegen in der Provinz Hubei.

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Coronavirus in Wuhan: Eine Millionenstadt unter Quarantäne

Foto: STR/ AFP

Die chinesische Hauptstadt Peking sagte derweil alle größeren Veranstaltungen und Tempelfeste anlässlich des chinesischen Neujahrsfests am Samstag ab. Damit sollten "die Ansammlungen von Menschen verringert werden", hieß es von der städtischen Tourismusbehörde. Peking verspricht sich davon, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Die Abschottung ist eine beispiellose Maßnahme. "Das ist einmalig in der neueren Geschichte", sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Auch der Weltgesundheitsorganisation ist nach Angaben eines Sprechers kein vergleichbarer Fall bekannt. WHO-Direktor Tedros hält Chinas Maßnahmen für angemessen. "Wir hoffen, dass sie effektiv und von kurzer Dauer sind", sagte er.

  • Die Ausbreitung des Virus

In China gibt es bislang mindestens 644 bestätigte Fälle, berichtete die chinesische Zeitung "Global Times" am Donnerstagabend. Die Zahl der Todesfälle sei von 17 auf 18 gestiegen. Ein Patient starb demnach am Mittwoch in der nördlichen Provinz Hebei, dabei soll es sich um einen 80 Jahre alten Mann handeln. Es sei der erste Todesfall außerhalb der Provinz Hubei, in der die schwer betroffene Metropole Wuhan liegt. Die meisten Todesopfer waren ältere Menschen mit Vorerkrankungen.

Thailand meldete bislang vier bekannte Fälle, Japan mittlerweile den zweiten. In Südkorea und Taiwan wurde je ein Fall nachgewiesen, nun kam Singapur auch mit einem Fall dazu. In den USA wurde bei einem Menschen das Coronavirus nachgewiesen. Nun wurde ein Verdachtsfall gemeldet: Ein Student werde in Texas wegen einer Atemwegserkrankung behandelt, hieß es von Offiziellen des Bundesstaats. Er sei zuvor nach Wuhan gereist.

Berichte, es gebe auch einen nachgewiesenen Fall in Saudi-Arabien, dementierte das saudische Zentrum für Seuchenkontrolle- und Prävention. Präventive Maßnahmen gegen das Virus würden aber eingeleitet.

  • Wie reagiert Deutschland?

In Europa ist bisher kein Fall einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bekannt. Eingeschleppte Einzelfälle der neuen Lungenkrankheit sind deutschen Infektionsspezialisten zufolge aber auch hierzulande "wahrscheinlich". Grund zur Besorgnis gebe es aber nicht, teilte die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie mit. Kliniken bereiteten sich aktuell vor, um auf diese Fälle schnell reagieren zu können.

ptz/dpa/rtr
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