Coronakrise in den USA Land der unbegrenzten Ausbreitung

In den Vereinigten Staaten werden derzeit so viele Corona-Neuinfektionen nachgewiesen wie nie zuvor. Nach dicht bevölkerten Städten wie New York trifft es nun auch ländlich geprägte Regionen. Das hat auch kulturelle Gründe.
Wartende vor einer Corona-Teststation in Texas

Wartende vor einer Corona-Teststation in Texas

Foto: David J. Phillip/ AP

Noch Anfang Februar setzte US-Präsident Donald Trump aufs Wetter. Mit Blick auf den Corona-Ausbruch in China twitterte er, dass Präsident Xi Jinping das Virus erfolgreich bekämpfen werde, "insbesondere, wenn das Wetter beginnt, wärmer zu werden und das Virus hoffentlich schwächer wird und dann verschwindet".

Zu dem Zeitpunkt gab es laut der Statistik der Johns Hopkins University  elf bestätigte Corona-Fälle in den USA, das Virus schien weit weg zu sein. Inzwischen gehören die USA absolut und gemessen an der Einwohnerzahl zu den am stärksten betroffenen Ländern weltweit.

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Mehr als 2,6 Millionen Infektionen mit dem neuen Coronavirus wurden bislang nachgewiesen, fast 130.000 Menschen sind am und mit dem Erreger gestorben. Eine Besserung ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil.

Rekord bei Neuinfektionen

Während die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen in den USA von Mitte/Ende April bis Mitte Juni deutlich zurückgegangen ist, steigt sie seither wieder an. Inzwischen ist sie so hoch wie zu keinem anderen Zeitpunkt des Ausbruchs zuvor.

In den vergangenen sieben Tagen wurden in den USA jeden Tag im Schnitt gut 41.000 neue Infektionen registriert. Das entspricht täglich rund 125 neuen Fällen auf eine Million Einwohner. Der bisherige Höhepunkt wurde am Freitag mit mehr als 45.000 bestätigten Infektionen erreicht.

Zum Vergleich: Der Höchstwert aus dem April lag bei gut 36.000 nachgewiesenen Fällen an einem Tag (siehe Grafik oben). In Deutschland kamen auf eine Million Einwohner zuletzt rund fünf Neuinfektionen am Tag. (Hinweis der Redaktion: Die Angabe zu den täglichen Neuinfektionen pro eine Million Einwohner in den USA und Deutschland wurde nachträglich ergänzt.)

Bei einer Anhörung im US-Senat am Dienstag fanden Experten nun erneut deutliche Worte. Der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, Anthony Fauci, mahnte, Schulen und Büros nicht leichtfertig zu öffnen, solange die Zahl der Neuinfektionen hoch sei.

Wenn es nicht gelinge, den Trend umzukehren, würde er sich über 100.000 Neuinfektionen pro Tag in den USA nicht wundern. "Ich denke, es ist wichtig, Ihnen und der amerikanischen Öffentlichkeit zu sagen, dass ich sehr besorgt bin, weil das sehr schlimm werden könnte."

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Eine Bedrohung für die gesamten USA

Besonders stark breitet sich das neue Coronavirus derzeit in vielen der warmen, republikanisch geprägten Südstaaten der USA aus, etwa in Florida, South Carolina, Mississippi und Texas. Auch im Westen - in Arizona, Utah und Nevada - lag die Zahl der täglich nachgewiesenen Infektionen im Durchschnitt der vergangenen sieben Tage bei 150 oder mehr pro eine Million Einwohner (siehe Karte unten). Arizona meldete im Schnitt gar 409 Neuinfektionen am Tag. In Kalifornien erreichte der Wert durchschnittlich 144 (siehe Grafik). Tatsächlich könnten die Zahlen noch viel höher liegen, da viele Infektionen unbemerkt verlaufen.

In Staaten wie New York, New Jersey und Connecticut, die im Frühjahr heftig betroffen waren, sind die Zahlen dagegen niedrig: In New York gab es in den vergangenen sieben Tagen täglich im Schnitt 32 nachgewiesene Infektionen pro eine Million Einwohner, in New Jersey waren es 31, in Connecticut sogar nur 25.

Doch Fauci warnte, die regional stark ansteigenden Infektionszahlen gefährdeten die gesamten Vereinigten Staaten.

"Viel Wunschdenken im ganzen Land"

"Ich denke, es gab im ganzen Land viel Wunschdenken: 'Hey, es ist Sommer'. Alles wird gut. Wir sind darüber hinweg. Dabei ist das nicht mal ansatzweise der Fall", sagte auch Anne Schuchat von der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC in einem Videointerview mit dem Fachmagazin "Journal of the American Medical Association"  vom Montag, das die "BBC" aufgegriffen hat . Sie beobachte derzeit viele besorgniserregende Entwicklungen.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Eine grundlegende Schwierigkeit in den USA bestehe darin, dass der Ausbruch noch immer zu groß sei, um Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen.

"Wir befinden uns nicht in der Situation Neuseelands, Singapurs oder Koreas, in der ein neuer Fall schnell identifiziert und alle Kontakte aufgespürt werden können", so Schuchat. Menschen, die krank seien, könnten nicht verlässlich isoliert werden, Kontaktpersonen nicht unter Quarantäne gestellt werden, um den Ausbruch einzudämmen. "Dafür gibt es derzeit im ganzen Land viel zu viele Viren. Das ist sehr entmutigend."

Jeder Infizierte kann der Ursprung einer neuen Kette sein

Zieht man die Zahl der nachweislich genesenen und verstorbenen Infizierten in den USA von der Gesamtzahl der Infizierten ab, tragen aktuell mehr als eineinhalb Millionen Menschen das Virus in sich.

Umso größer sei die Verantwortung jedes Einzelnen, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten, mahnen Experten. Gleichzeitig sehen sie ein Mentalitäts- und Bildungsproblem, das den USA selbst dann noch Probleme bereiten könnte, wenn es einen Corona-Impfstoff geben sollte.

"Einige Menschen in diesem Land haben eine Anti-Wissenschafts-, Anti-Autoritäts- und Anti-Impf-Einstellung - relativ gesehen ein alarmierend großer Prozentsatz", sagte Fauci. Er forderte mehr Bildung. Zudem müssten Behörden und Politiker daran arbeiten, verlorenes Vertrauen von Minderheiten zurückzugewinnen, die sie zuvor nicht immer fair behandelt hätten.

Eine Frage der Mentalität

Insbesondere in den Südstaaten der USA messen viele Menschen Traditionen und religiösen Überzeugungen größeren Wert bei als wissenschaftlichen Erkenntnissen. So gibt es in den meisten Staaten, in denen die Zahl der Neuinfektionen nun wieder exponentiell ansteigt, keine Maskenpflicht. Viele von ihnen öffneten nach dem Lockdown schnell Restaurants, Bars und Kinos. Erst jetzt rudern sie teils zurück.

Die Verantwortlichen in Florida schlossen vor ein paar Tagen erneut die Bars, Getränke und Speisen dürfen aber noch abgeholt werden, berichtet die "New York Times" . Im ebenfalls stark betroffenen Texas gab es Proteste, weil Kneipen wieder dichtmachen mussten. Eine Maskenpflicht gibt es in den meisten im Fokus stehenden Staaten aber weiterhin nicht. Längst nicht alle tragen den Schutz freiwillig.

"Wenn Sie für Trump sind, tragen Sie keine Maske"

Grund dafür ist auch, dass sich die Maskenverweigerung in Teilen der USA zum politischen Statement entwickelt hat. So empfiehlt die US-Regierung zwar seit Anfang April, Mund und Nase in der Öffentlichkeit zu bedecken, Präsident Trump befolgt den Rat aber selbst nicht. Am Dienstag bekam er dafür auch Kritik aus der eigenen Partei.

Der republikanische Senator Lamar Alexander appellierte an seinen Parteikollegen, doch gelegentlich zur Maske zu greifen. Leider sei diese einfache lebensrettende Praxis Teil der politischen Debatte geworden. "Wenn Sie für Trump sind, tragen Sie keine Maske, wenn Sie gegen Trump sind, tun Sie es", so Alexander. Der Präsident habe viele Bewunderer, die seinem Beispiel folgen würden.

Wenn es nicht gelingt, die Ausbreitung des Virus schnell einzudämmen, droht den USA bald schon ein weiteres, schwerwiegendes Problem: Schon jetzt gelangen die Testkapazitäten allmählich an Grenzen, berichtet "The Atlantic" . Demnach testen die USA derzeit jeden Tag rund 550.000 Menschen auf das Virus. Durch die Ausbrüche im Süden und Westen könnten die Kapazitäten aber bald überschritten werden.

Gelingt es dann nicht mehr, zumindest die Infizierten mit Symptomen zu identifizieren, die sich testen lassen wollen, verliert der Staat endgültig den Überblick über den Ausbruch.

Mitarbeit: Marcel Pauly
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.