Aerosolübertragung In diesen Innenräumen ist das Infektionsrisiko am niedrigsten

Infiziert man sich in einem Theater eher als im Großraumbüro? In der Schule rascher als im Supermarkt? Eine Studie hat verschiedene Situationen verglichen – mit erstaunlichen Ergebnissen.
Das Berliner Ensemble: In dieser Situation ist es unwahrscheinlicher, sich zu infizieren, als in einer Oberschule ohne Mund-Nasen-Schutz

Das Berliner Ensemble: In dieser Situation ist es unwahrscheinlicher, sich zu infizieren, als in einer Oberschule ohne Mund-Nasen-Schutz

Foto: Britta Pedersen / dpa

Im Frühjahr während des ersten Lockdowns war alles noch weniger beschwerlich: Man konnte sich einfach draußen verabreden, an der frischen Luft. Auf Abstand in der Sonne sitzen. Zusammen eine Radtour machen. Als sie wieder öffnen durften, räumten Restaurants und Bars ihre Tische und Stühle auf die Gehwege vor den Lokalen. Denn das Risiko, sich im Freien mit Sars-CoV-2 zu infizieren, ist um ein Vielfaches geringer als in geschlossenen Räumen.

Jetzt ist Winter, es ist früh dunkel und eisig kalt. Alle Einrichtungen, die nicht der Grundversorgung dienen, sind geschlossen – keine Bars, kein Kino, kein Friseur. Auch Schulen und Kitas haben zu. Denn seit bekannt ist, dass sich Sars-CoV-2 nicht nur über Tröpfchen verbreitet, sondern auch über sehr viel kleinere Partikel, die in der Luft schweben, ist es in Innenräumen gefährlich geworden. Eine Studie hat nun berechnet wie gefährlich.

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Martin Kriegel vom Hermann-Rietschel-Institut an der TU Berlin und seine Kollegin Anne Hartmann haben berechnet, wie hoch das Infektionsrisiko über Aerosole in geschlossenen Räumen ist – und unterschiedliche Räumlichkeiten miteinander verglichen. Die Ergebnisse sind als Preprint veröffentlicht worden , sie wurden also noch nicht von Fachkollegen überprüft.

Aus den Berechnungen geht unter anderem hervor, wie wichtig Masken und Abstand halten sind. In einer Oberschule mit voller Belegung ohne Masken ist das Risiko, sich mit Sars-CoV-2 anzustecken 23-mal so hoch wie in einem Theater, das zu 30 Prozent belegt ist und in dem die Zuschauer Masken tragen. Reduziert man die Schüler auf die Hälfte und führt eine Maskenpflicht ein, sinkt das Risiko von einem 11,5-fachen Ansteckungsrisiko auf das 2,9-fache Risiko.

Für das Infektionsrisiko über Aerosolpartikel in geschlossenen Räumen sei die eingeatmete Dosis entscheidend, heißt es in der Studie. Diese hänge von unterschiedlichen Faktoren ab, wie etwa der Atemaktivität und der Aufenthaltsdauer im Raum.

Lautes Singen zum Beispiel, das wissen wir bereits aus der Vergangenheit, bedingt einen höheren Aerosolausstoß, genauso wie heftiges Schnaufen bei körperlicher Aktivität. Durch das Tragen von Masken oder die Belüftung der Räume kann die Aerosolmenge in der Luft beeinflusst werden. Mit einem medizinischen Mund-Nasen-Schutz etwa kann der Aerosolausstoß und die eingeatmete Menge der Studie zufolge um rund 50 Prozent reduziert werden.

Bei dem Vergleich des Infektionsrisikos in Innenräumen sind die Studienautoren davon ausgegangen, dass sich die Menschen an die AHA+L-Regeln halten. Also: Abstände einhalten, Masken tragen und die Belüftungskonzepte der Innenräume den Vorgaben entsprechend eingehalten werden. Für die Aufenthaltszeiten in Innenräumen wurden nutzungstypische Werte angenommen, etwa eine Stunde für einen Supermarktbesuch oder acht Stunden am Arbeitsplatz.

Daraus wurde ein sogenannter situationsbedingter R-Wert (Rs) berechnet: Die Anzahl Angesteckter bei einer gleichzeitig anwesenden infizierten Person in einem Innenraum. Ist R kleiner oder gleich 1, dann geht die Anzahl der Neuinfektionen zurück.

Als Berechnungsgrundlage für den Vergleich verschiedener Innenräume haben die Forscher sich unterschiedliche Ausbrüche angeschaut und daraus ein Rechnungsmodell erstellt. »Auf dieser Basis konnten wir dann vereinfacht ableiten, wie viel Luft pro Person und pro Stunde Aufenthalt benötigt wird, damit dieser situationsbedingte R-Wert kleiner eins ist«, sagt Studienautor Kriegel. »Und dann bekommt man Zahlen, die man miteinander vergleichen kann.«

In der Grafik sind dementsprechend typische Situationen in Innenräumen zu sehen – mit oder ohne Maske – und das Ansteckungsrisiko jeder anwesenden Person gegenüber einem R-Wert von kleiner oder gleich 1.

Ein Beispiel: Bei einem Supermarktbesuch von rund einer Stunde steckt sich maximal eine weitere Person an (Rs≤1). Vergleicht man diese Situation mit einem Mehrpersonenbüro, wird deutlich, dass der Arbeitsbesuch deutlich riskanter sein kann: Wenn in einem Mehrpersonenbüro die Belegung um die Hälfte reduziert wird, die Mitarbeiter aber keine Maske tragen, ist das Risiko achtmal höher als im Supermarkt (Rs≤8). Ein Besuch beim Friseur hingegen ist nur etwa halb so riskant wie ein Supermarktbesuch (Rs≤0,6).

Kriegel will sich nicht zu Empfehlungen an die Politik hinreißen lassen. »Es geht ja auch nicht nur um die konkrete Situation allein, ins Theater etwa muss man ja irgendwie zu seinem Sitzplatz kommen, an die Garderobe, zur Toilette – das sind dann alles schon wieder andere Situationen mit anderem Risiko«, sagt er. Dennoch geht aus seinen Berechnungen hervor, dass mit gut durchdachten und konsequenten Hygienekonzepte die Öffnung einiger Einrichtungen wieder möglich sein könnte. Und dass in anderen Situationen wiederum der Bedarf besteht, die Kontakte noch weiter zu reduzieren.

DER SPIEGEL

Was Kriegel und seine Kollegin nicht miteinbezogen haben, sind die neuen Mutationen und ihre höhere Ansteckungsfähigkeit. Bei der britischen Variante B1.1.7 wird etwa vermutet, dass der R-Wert um 30 bis 50 Prozent höher ist als beim ursprünglichen Typ von Sars-CoV-2. »Das würde bei unseren Berechnungen nur die Balken nach rechts verschieben«, sagt Kriegel. Das Ansteckungsrisiko würde also steigen, die Verhältnisse zwischen den Innenraumsituationen blieben gleich.

»Wir wollten mit der Studie herausfinden, was es braucht, um den R-Wert bei kleinergleich eins zu halten«, sagt Kriegel. »Und ich denke, dass wir da Räumlichkeiten zueinander in Relation sehen müssen.« Die Berechnungen könnten natürlich als Diskussionsgrundlage für Öffnungen von Geschäften, Theatern, Museen oder Friseuren herangezogen werden. Ob man dann einzelne Lokalitäten wieder öffnen könne, sei vom gesamten Hygienekonzept abhängig.

»Was klar aus der Studie hervorgeht ist, dass es vor allem die Situationen sind, in denen wir uns gerne aufhalten, die ungünstig sind«, sagt Kriegel. »Situationen, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen: Da kann man gar nicht ausreichend lüften, es wird immer eine ungünstige Situation bleiben.« Man müsse sich beispielsweise darüber im Klaren sein, dass das Ansteckungsrisiko in einer Schulklasse einfach vergleichsweise hoch sei.

Anmerkung: In einer vorherigen Version des Textes hieß es, das Risiko, sich in der Oberschule bei voller Besetzung ohne Maske anzustecken, sei elfmal so hoch wie im Theater. Tatsächlich ist das Risiko 23-mal so hoch. In der eingebauten Grafik war zudem eine Doppelung, die wir behoben haben.