Corona-Pandemie in Europa Die zweite Welle rollt

Die Politik in Deutschland diskutiert über Konsequenzen aus den gestiegenen Corona-Zahlen. In den Nachbarländern ist die Situation längst teilweise außer Kontrolle geraten. Ein Vorgeschmack auf die Lage hierzulande?
Von Julia Merlot und Patrick Stotz (Grafik)
Corona-Neuinfektionen: Europa ist ein roter Teppich

Corona-Neuinfektionen: Europa ist ein roter Teppich

Am Mittwochnachmittag beraten Angela Merkel und die Regierungschefs der 16 Bundesländer im Kanzleramt über die Corona-Pandemie. Es geht um die Beherbergungsverbote und um bundesweit einheitliche Vorgaben. Während hierzulande noch über Details diskutiert wird, gehen andere europäische Länder in Teilen schon wieder in den Notfallmodus über.

In unserer Nachbarschaft schießen die Infektionszahlen teils extrem nach oben. Laut dem wöchentlichen Situationsbericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  verzeichnete Europa in der zweiten Oktoberwoche den höchsten Anstieg der Corona-Fallzahlen weltweit - ein Plus von 34 Prozent. Rund 700.000 neue Fälle wurden registriert. Damit entfiel knapp ein Drittel der global nachgewiesenen Neuinfektionen auf die Region. Sie umfasst laut WHO-Definition 51 Staaten, auch Russland.

In Polen hat sich die Zahl der registrierten Corona-Neuinfektionen und der Covid-19-Todesfälle laut der Auswertung der Zahlen von vergangener Woche innerhalb von sieben Tagen verdoppelt. Bezogen auf die Größe der Bevölkerung überholt Europa gerade erstmals seit April Nordamerika.

Europa ist ein roter Teppich

In Teilen lässt sich der Anstieg zwar mit höheren Testzahlen erklären, aber auch unabhängig davon nimmt die Zahl der nachweislich Infizierten zu. Der Anteil positiver Testergebnisse, die sogenannte Positivrate, wächst. Das Virus breitet sich wieder aus.

Die Grafik unten zeigt, wie viele positive Coronatests in sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern in 45 Staaten Europas erfasst wurden. Zu erkennen ist ein großer roter Teppich mit nur wenigen orangefarbenen Bereichen. 26 Staaten überschreiten den Wert von 50 nachgewiesenen Neuinfektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern.

Den höchsten Wert hat Andorra. Mit gerade mal 77.000 Einwohnern treibt in dem Zwergstaat jeder neue Corona-Fall die Statistik in die Höhe. Darauf folgen die deutschen Nachbarländer Tschechien und Belgien mit 370 und 340 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen.

Die Niederlande liegen nach Montenegro auf Platz fünf mit einem Wert von rund 260. Auch Frankreich, Großbritannien und Spanien sind mit mehr als 150 Corona-Fällen in den Top 10 vertreten. Zum Vergleich: Deutschland belegt mit 36 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen Platz 32. Allerdings wächst die Zahl der positiven Tests auch hierzulande.

Am Mittwoch meldete das Robert Koch-Institut (RKI) mehr als 5100 neue Corona-Fälle, noch vor einer Woche waren es rund 2800 (siehe Grafik oben). Wie auch bei der ersten Welle im Frühjahr, scheinen uns viele EU-Staaten ein Stück voraus zu sein. Was derzeit in unserer Nachbarschaft geschieht, könnte also ein Vorgeschmack sein auf die kommenden Wochen, wobei die Länder sehr unterschiedlichen Erfolg dabei haben, die zweite Welle abzuflachen.

Kontaktverfolgung aufgegeben

Unter anderem in Tschechien, Belgien, den Niederlanden und Frankreich schießen die Zahlen derzeit explosionsartig in die Höhe. Dabei war die erste Corona-Welle in Tschechien relativ mild verlaufen. Zwar lassen sich die Zahlen von heute und damals aufgrund der veränderten Teststrategie nicht eins zu eins vergleichen. Aber es zeigt sich einmal mehr, dass eine flache erste Welle keine Garantie für einen dauerhaft milden Verlauf ist (siehe Grafik unten).

Umgekehrt scheitert Belgien nach einer bereits heftigen ersten Welle offenbar ein zweites Mal daran, wirksame Gegenmaßnahmen zu etablieren. Bezogen auf die Zahl der Einwohner sind in dem Land in der gesamten Corona-Pandemie bislang mehr Menschen an und mit Sars-CoV-2 gestorben als in den USA, zeigt eine Untersuchung im Fachmagazin "Jama" .

Demnach starben in Belgien bis 19. September rund 87 unter 100.000 Einwohnern, in den USA waren es 60, in Deutschland 11. Wo das Virus die Möglichkeit bekommt, sich auszubreiten, tut es das.

Auch in den Niederlanden war die Todesquote mit 36 unter 100.000 Einwohnern bislang hoch. Bei dem Wert wird es allerdings auch in dem Land nicht bleiben. Durch den rasanten Anstieg positiver Testergebnisse sind die dortigen Behörden bereits so überlastet, dass sie Infektionsketten nicht mehr nachzuverfolgen können. Um mit der rasanten Ausbreitung des Virus fertig zu werden, hat die Regierung jüngst einen teilweisen Lockdown beschlossen (mehr dazu lesen Sie hier).

Je mehr sich das Coronavirus in einer Gesellschaft ausbreitet, desto schwieriger wird es, Risikogruppen zu schützen und Todesfälle zu verhindern. Dementsprechend haben zunehmend auch die Krankenhäuser in den Niederlanden mehr Patienten. In Amsterdam, Rotterdam und Den Haag mussten die Notaufnahmen von Krankenhäusern bereits zeitweilig geschlossen werden, weil alle Betten belegt waren und zu wenig Personal zur Verfügung stand. Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass bis November im günstigsten Fall 40 Prozent der regulären Versorgung gestrichen werden muss.

Das Problem zeigt sich auch in Frankreich. In Gebieten mit der Warnstufe "Scharlachrot" gelten dort bereits strikte Schutzmaßnahmen. Cafés und Bars sowie Fitnessclubs und Schwimmbäder müssen schließen, Restaurants dürfen nur unter Auflagen öffnen. Das betrifft auf dem Festland derzeit den Großraum Marseille, zu dem auch Aix-en-Provence zählt, sowie die Großstädte Paris, Lyon, Grenoble, Saint-Etienne, Lille, Toulouse und Montpellier.

In den Regionen füllen sich auch die Krankenhäuser. In der Hauptstadt schlagen die Verantwortlichen in den Kliniken Alarm: Bis Ende Oktober könnten bis zu tausend Corona-Patienten auf den Intensivstationen der 39 Krankenhäuser liegen, das entspräche 90 Prozent ihrer normalen Kapazität. Bereits bis Ende September war die Todesquote in Frankreich mit rund 47 Fällen pro 100.000 Einwohnern recht hoch.

Italien bremst die Welle

Bemerkenswert ist, dass Italien, das im März noch besonders stark vom Coronavirus betroffen war, die dort nun ebenfalls aufkommende zweite Welle bislang vergleichsweise gut im Griff zu haben scheint. Mit 58 Fällen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen überschreitet es den Grenzwert von 50 zwar etwas, doch die Ausbreitung hat längst nicht so viel Fahrt aufgenommen wie in anderen derzeit stark betroffenen Staaten (siehe Grafiken oben).

Das liegt wohl auch daran, dass die Italiener nach den heftigen Erfahrungen aus dem März mit weitreichenden Einschränkungen und überfüllten Intensivstationen aus der Krise gelernt haben. Sie sind für ihre große Disziplin bei den Hygienevorgaben - etwa beim Tragen von Masken - bekannt. Bislang sind auf 100.000 Einwohner in dem Land 59 Menschen an und mit Sars-CoV-2 gestorben.

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Spanien war mit einem Wert von 65 noch etwas stärker betroffen. Ab Ende Juli sind die Infektionszahlen dort wieder stark gestiegen. Die Regierung versuchte mit neuen Schutzmaßnahmen gegenzusteuern, unter anderem wurden Diskotheken, Nachtbars und Tanzsäle geschlossen, Trinkgelage sollten konsequenter von der Polizei aufgelöst werden. In Madrid gibt es einen teilweisen Lockdown. Doch es bleibt ein Funken Hoffnung: Seit Ende September sinkt die Zahl der Neuinfektionen im Land wieder leicht (siehe Grafik oben).

Mit Material von dpa
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