Sechster Covid-19-Todesfall Italien in Alarmbereitschaft

Das Risiko einer Pandemie wird größer: Vier Länder melden erste Covid-19-Infektionen, in Südkorea und Iran steigen die Fallzahlen sprunghaft. In Europa ist vor allem Italien alarmiert - und riegelt Teile des Landes ab.
Zwei Passanten im italienischen Turin tragen Atemschutzmasken: In Italien ist der sechste Mensch an Covid-19 gestorben

Zwei Passanten im italienischen Turin tragen Atemschutzmasken: In Italien ist der sechste Mensch an Covid-19 gestorben

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Alberto Gandolfo/ imago images/ Pacific Press Agency

In Italien sind mittlerweile sechs Menschen an Covid-19 gestorben. Das neueste Opfer stammt laut einem Bericht des Rundfunksenders RAI aus Brescia im Norden des Landes. Die Zahl der Infizierten in Italien ist laut dem Zivilschutzchef Angelo Borrelli auf mehr als 220 gestiegen - am Vorabend waren es nach Angaben des Zivilschutzes noch rund 150.

Italien hatte sich zuletzt zum größten Herd des neuartigen Virus in Europa entwickelt. Die meisten Fälle wurden in der norditalienischen Region Lombardei gemeldet, von dort stammen auch fünf der Todesopfer. Das sechste stammt aus dem angrenzenden Venetien. Alle Toten waren ältere Menschen, teils auch mit Vorerkrankungen, eines der Opfer litt dem Bericht zufolge an Krebs. 23 Menschen sind den Behördenangaben zufolge auf der Intensivstation. Seit dem ersten Todesfall am Freitag ergriffen die Behörden und die Regierung in Rom drastische Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen. Der Karneval in Venedig wurde abgebrochen und Spiele der ersten Fußball-Liga abgesagt.

Regionalpräsident Fontana warnte vor Hamsterkäufen: "Der Wettlauf um Lebensmittel hat keinen Sinn. Die Lieferungen sind gesichert", sagte er. Auf Fotos und Videos waren leergeräumte Regale in Supermärkten in Mailand zu sehen - und lange Schlangen an den Kassen.

DER SPIEGEL

In der Lombardei wurden zehn Gemeinden in der Provinz Lodi, die südlich der Millionenmetropole Mailand liegt, zu Sperrzonen erklärt. Dort kontrollieren Sicherheitskräfte, wer rein und raus darf. Zudem wurde eine Gemeinde in Venetien abgeriegelt. Schulen, Universitäten und Museen bleiben geschlossen.

Am Sonntag waren zwei Eurocitys auf dem Weg von Venedig nach München von Österreichs Behörden am Brenner vorübergehend angehalten worden. Einer der Züge hatte zwei deutsche Frauen an Bord, die Fieber und starken Husten hatten. Sie wurden aber in Verona nach Angaben des österreichischen Innenministeriums negativ getestet. Danach konnten die 500 Passagiere nach München weiterfahren. Die Deutsche Bahn meldete am Montagvormittag keine Einschränkungen im Passagier- und Frachtverkehr.

Die österreichische Regierung warnte vor Panik und Hysterie angesichts des Ausbruchs im Nachbarland. "Wir sind nach wie vor in einer sicheren, stabilen Situation", sagte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP). Alle 189 Tests, die in Österreich bisher auf das Coronavirus durchgeführt wurden, seien demnach negativ.

Die EU kündigt trotz des Covid-19-Ausbruchs in Italien vorerst keine Reisebeschränkungen an. Man wolle die Reisefreiheit nach dem Schengenabkommen derzeit nicht abschaffen, sagte der EU-Krisenbeauftragte Janez Lenarcic am Montag in Brüssel. Allerdings arbeite man an verschiedenen Plänen zur Eindämmung der Epidemie.

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte, Beschränkungen im Reiseverkehr müssten koordiniert, angemessen sowie wissenschaftlich begründet sein. "Derzeit hat die Weltgesundheitsorganisation weder Beschränkungen für Fracht noch Passagiere empfohlen", sagte sie. Eine Abordnung der Behörde werde am Dienstag nach Italien reisen, um die Lage zu analysieren.

Gefahr für deutsche Bevölkerung weiterhin gering

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagte der Agentur Reuters zufolge, die Gefahr für die Bevölkerung sei hierzulande aktuell gering. Grenzschließungen seien aktuell nicht Teil der Überlegungen. Die Einschätzung könne sich aber kurzfristig ändern. Eine Sprecherin des Außenministeriums ergänzte demnach, es gebe keine Reisewarnung für Italien. Der Reisehinweis der Regierung sei aber mit den von Italien angeordneten Maßnahmen überarbeitet worden.

Der Virologe Alexander Kekulé forderte unterdessen deutlich mehr Tests auf das neuartige Coronavirus in Deutschland. Kekulé sagte im MDR, die aktuelle Ausbreitung des Erregers in Italien sei zwar kein Grund zur Panik. Es gebe aber Anlass zur Sorge. "Wir haben eine Ausbreitung, die nicht mehr mit den unmittelbaren Reisen aus China zu tun hat", sagte der Experte. "Deshalb müssen wir bei der Abwehr der Epidemie in den zweiten Gang schalten." Vor dem Hintergrund der vermehrten Covid-19-Fälle in Italien geht der Virologe von weiteren Fällen in Europa aus. "Es wäre ein Wunder, wenn wir nicht weitere Herde irgendwo hätten", sagte er.

Lage in Südkorea und Iran bedenklich

In China stieg die Zahl der Toten zuletzt stark an. Die Gesundheitskommission berichtete am Montag in Peking von weiteren 150 neuen Covid-19-Todesfällen - so viele wie noch nie innerhalb eines Tages. Der Ständige Ausschuss des Parlaments billigte formell die Verschiebung der diesjährigen Sitzung des Volkskongresses. Der Schritt war zuvor bereits angekündigt worden. Ein neuer Termin für die ursprünglich für den 5. März geplante Plenarsitzung wurde nicht genannt, wie das Staatsfernsehen am Montag in Peking berichtete. Es ist das erste Mal in der jüngeren Geschichte der Volksrepublik, dass die Sitzung des Volkskongresses verlegt wird.

Aus rund 30 Ländern und Regionen außerhalb Festlandchinas sind mehr als 2200 Infektionen und mehr als 25 Todesfälle berichtet worden. In Iran stieg die Zahl der gemeldeten Todesopfer auf 12. Mindestens 61 Menschen sind infiziert.

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Am Montag meldeten auch Afghanistan, Kuwait, Bahrain und Irak die ersten Covid-19-Fälle, die offenbar alle auf den Ausbruch in Iran zurückzuführen sind. Irak hatte wegen des Ausbruchs im Nachbarland zuletzt die Grenze geschlossen. Offenbar war jedoch vor der Grenzschließung ein infizierter iranischer Student in das Land gelangt, der nun in einem Krankenhaus in der Stadt Nadschaf positiv auf Sars-CoV-2, wie das neuartige Coronavirus offiziell heißt, getestet wurde.

Kuwait entdeckte das Virus in drei Menschen, die sich zuvor in Iran aufgehalten hatten und wegen der Einreisesperre nach Kuwait gebracht worden waren. Auch die Betroffenen in Bahrain hatten sich zuvor in Iran aufgehalten, hieß es.

In Südkorea, wo sich gerade ein größerer Ausbruch entwickelt, wurden zwei weitere Tote durch die Lungenkrankheit sowie 161 neu entdeckte Infektionen gemeldet. Damit gibt es schon 763 bekannte Ansteckungen und sieben Todesfälle in Südkorea. In keinem anderen Land außerhalb Chinas, wo Sars-CoV-2 im Dezember ausgebrochen war, wurden bisher mehr Infektionen gemeldet.

In Südkorea konzentriert sich der Ausbruch auf die südöstliche Millionenstadt Daegu und Umgebung. Allein 129 neue Infizierungen wurden unter Mitgliedern der christlichen Sekte Shincheonji-Kirche Jesu gezählt. Mehr als die Hälfte aller Fälle im Land entfällt auf Anhänger der Sekte - möglicherweise durch einen "Superverbreiter". Die Regierung hat die höchste Alarmstufe für Infektionskrankheiten verhängt.

kry/dpa/AFP/Reuters