Neue Corona-Welle Israel droht der zweite Lockdown

Israel vermeldet so viele Neuinfektionen an einem Tag wie noch nie - dabei galt das Land als vorbildlich im Management der Coronakrise. Experten fürchten, im Winter könnte es sogar noch schlimmer kommen.
Ein israelischer Sanitäter hält einen Plastikbeutel mit einem Rachenabstrich

Ein israelischer Sanitäter hält einen Plastikbeutel mit einem Rachenabstrich

Foto: AHMAD GHARABLI/ AFP

1780 Neuinfektionen vermeldete Israel am Donnerstag - so viele wie nie zuvor an einem Tag seit Beginn der Coronakrise. Dabei galt Israel lange Zeit als vorbildlich im Umgang mit der Pandemie: Als eines der ersten Länder schloss es gleich im März seine Grenzen für ausländische Touristen. Die Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt, die Wirtschaft heruntergefahren. Das Virus schien eingedämmt, nun droht dem Land der zweite Lockdown. Wie konnte das passieren?

Professor Arnon Afek, Vizedirektor des Schiba-Krankenhauses bei Tel Aviv, kritisiert "vorzeitige Siegesfeiern". "Die Lockerungen waren dann viel zu hastig und ohne klare Strategie, und haben eine neue Welle von Infektionen ausgelöst." Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu hatte die Bürger im Mai euphorisch dazu aufgefordert rauszugehen, "Kaffee trinken, auch Bier trinken". Nun fordern Tausende seinen Rücktritt.

Seit Ende Mai steigen die Corona-Zahlen in Israel wieder massiv. Auch im Westjordanland zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab, mit Hebron als Epizentrum.

Als Hauptinfektionsquellen nach den Lockerungen sieht Afek Schulöffnungen und Großveranstaltungen wie Hochzeiten. "In Israel gibt es viel mehr Schüler in einer Klasse als in Deutschland", sagt er. Außerdem hätten sich viele Menschen sehr undiszipliniert verhalten und weder Maskenpflicht noch Abstands- oder Hygieneregeln eingehalten. Die Polizei habe nicht ausreichend gegen die Regelverstöße durchgegriffen.

Bei zweiter Welle mehr Junge infiziert

Nach Medienberichten ist es etwa bei vielen Schul-Abschlusspartys, die trotz Verbots heimlich stattfanden, reihenweise zu neuen Ansteckungen gekommen. "Die Älteren sind vorsichtiger geworden, in dieser Welle haben sich vor allem Jüngere angesteckt, deshalb gab es bisher auch weniger Schwerkranke", sagt Afek. "Aber die Jungen haben Eltern und Großeltern, die sich letztlich auch infizieren können", sagt er.

Mit 376 ist die Zahl der Toten in Israel weiterhin vergleichsweise gering. Das wird auch damit erklärt, dass Israel ein außergewöhnlich junges Land ist. Mit durchschnittlich 3,1 Kindern pro Frau hat es die höchste Geburtenrate aller Länder in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Vor allem streng religiöse Wohngebiete sind von der Pandemie stark betroffen. Die Untersuchungen der Behörden nach Entdeckung von Corona-Fällen seien langsam und mangelhaft, sagt Afek. "All dies hat dazu geführt, dass wir jetzt die zweite Welle haben." Das könne anderen Ländern eine Lehre sein: "Sie müssen extrem vorsichtig sein, vor allem, was Großveranstaltungen angeht."

Festhallen, Schulen, Kneipen

Professor Gabi Barabasch, wie Afek ehemaliger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, geht ebenfalls davon aus, dass Festhallen, Restaurants, Kneipen und Schulen die Hauptansteckungsorte des aktuellen Infektionsgeschehens in Israel sind. "Hier gibt es in einer Klasse 30 bis 40 Schüler." Besonders in den Altersgruppen von 10 bis 19 Jahren habe es zahlreiche Infektionen gegeben. "Dies hat zur Ausbreitung im ganzen Land geführt, mit ständig steigenden Zahlen."

Das Gesundheitsministerium habe im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus völlig versagt, meint er. Außerdem habe das Volk "sich gehen lassen und unverantwortlich gehandelt". Barabasch ist dafür, dass die Armee - die schon für die sogenannten Corona-Hotels zuständig ist - das Krisenmanagement übernimmt. In 20 Hotels landesweit stehen 4300 Zimmer zur Isolation von Corona-Infizierten sowie für Patienten mit mildem Verlauf zur Verfügung.

Eine Rückkehr zu einer Art Normalität erwartet Barabasch frühestens nach dem Winter 2021/2022. Auch das sei aber nicht sicher, sagt er.

Gesundheitsminister Juli Edelstein sagte, nur ein "Wunder" könne noch einen weiteren erzwungenen Stillstand verhindern. Aus Sicht von Experten würde dies die Wirtschaft des Landes, die ohnehin mit den Folgen des ersten Lockdowns zu kämpfen hat, noch weiter zurückwerfen. Der Finanzwissenschaftler David Gerschon von der Hebräischen Universität in Jerusalem rät daher entschieden davon ab. Ein Lockdown ist aus seiner Sicht eine "mittelalterliche Methode", die ein Land zerstören kann. Er warnt vor einer Generation von Arbeitslosen, die entstehen könnte. In Israel liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei mehr als 20 Prozent, der Unmut in der Bevölkerung wächst.

Im Verlauf der Krise hat die Regierung viel Vertrauen verspielt. Dies zeigt sich an zunehmend wütenden Demonstrationen in Tel Aviv und Jerusalem. Nach einer Umfrage des Israelischen Demokratie-Instituts (IDI) sind 75 Prozent der Israelis enttäuscht oder zornig über die Corona-Politik der Regierung.

Afek geht allerdings davon aus, dass die wirklichen globalen Herausforderungen noch bevorstehen. "Das nächste Großereignis ist der Winter, wenn die Grippe und Corona zusammenkommen - und man nicht zwischen ihnen unterscheiden kann."

Noch dramatischer formuliert es Zvi Hauser, Vorsitzender des Außen- und Sicherheitsausschusses der Knesset. "Was jetzt passiert, ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was uns im Winter erwartet - wir haben drei Monate Zeit, uns an allen Fronten vorzubereiten", sagte er nach Angaben der Nachrichtenseite ynet.

kry/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.