Intensivmediziner über Covid-19 »Für eine einzelne Krankheit ist das ganz schön viel«

Die Zahl der Neuinfektionen stagniert, auch auf den Intensivstationen scheint sich die Lage einzupendeln. Allerdings auf einem sehr hohen Niveau. Ärzte sagen: Wir halten das aus. Noch.
Covid-Station in Leipzig: In Sachsen wird es zunehmend voll auf den Intensivstationen

Covid-Station in Leipzig: In Sachsen wird es zunehmend voll auf den Intensivstationen

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

In manchen Regionen und Städten wie etwa Berlin oder Sachsen machen die Covid-Patienten inzwischen fast ein Viertel aller Intensivpatienten aus. In anderen Großstädten und im Südosten der Bundesrepublik sind es mehr als 16 Prozent, das geht aus dem sogenannten Divi-Register hervor. »Für eine einzelne Krankheit ist das ganz schön viel«, sagt der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis dem SPIEGEL. »Aber wir scheinen in einen ›Steady State‹ zu kommen, in dem die Belastung zwar andauernd hoch ist, aber nicht mehr wird.«

Für die kommenden Wochen sei davon auszugehen, dass die Zahl der Covid-Patientinnen und -Patienten, die täglich auf die Intensivstation kommen, in etwa gleich bleibe. »Das können wir zwar derzeit gut bewältigen«, sagt Karagiannidis, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin ist. »Es kommt aber darauf an, wie lange noch.« Denn die dauerhafte Belastung für das Personal sei hoch. »Wenn der physische und psychische Stress über Wochen so weitergeht, ist das medizinische Personal irgendwann ausgebrannt, und wir haben nach der zweiten Welle noch weniger Mitarbeiter auf den Intensivstationen.«

Zu den Covid-Patienten kämen noch die Patienten ohne Covid-19 hinzu, die auch auf der Intensivstation behandelt werden müssten. »Vor allem jetzt in der kalten Jahreszeit«, sagt Karagiannidis. »Wenngleich wir vermuten, dass der Lockdown Light auch andere Erkältungskrankheiten mindert und die Leute allgemein vorsichtiger werden.«

Um die Kapazitäten in Deutschland möglichst gut auszunutzen, schlägt Karagiannidis vor, Covid-Patienten auf freie Intensivbetten in der ganzen Bundesrepublik zu verteilen. »Wir brauchen ein bundesweites Koordinierungs- und Transportkonzept, damit wir die Kapazitäten optimal ausnutzen können.«

Wie ist die Situation in ganz Deutschland?

Das Divi-Intensivregister  gibt an, wo in Deutschland aktuell wie viele Intensivbetten belegt sind – und wie viele davon mit Covid-Patientinnen und -Patienten. Rund 1300 Kliniken melden ihre Auslastung regelmäßig an die Divi. Sind alle Betten belegt, zeigt das Register für das Krankenhaus Rot an. Sind die Kapazitäten fast erreicht, Gelb. Wo ausreichend Betten frei sind, zeigt es Grün. Aus der Divi-Übersicht geht hervor, dass am Dienstag insgesamt noch 5460 der rund 27.600 Intensivbetten in Deutschland frei waren – 445 weniger als am Vortag.

Deutschlandweit liegen derzeit knapp 4000 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern, rund 60 Prozent von ihnen müssen invasiv beatmet werden. Ausgelastet sind die Intensivstationen in deutschen Kliniken damit zwar noch nicht. Allerdings bleiben Covid-Patienten oft mehrere Wochen auf der Intensivstation. Das heißt: Diese Betten werden nicht so schnell wieder frei. Gleichzeitig kommen täglich neue Covid-Patienten hinzu.

Für Engpässe sind die Krankenhäuser dazu angehalten, Notfallkapazitäten bereitzuhalten, die sie innerhalb von sieben Tagen freimachen können. Damit kommen bundesweit noch einmal rund 12.000 Intensivbetten dazu. Jedoch würde das erfordern, dass andere Behandlungen ausgesetzt oder verschoben werden – was nicht immer ohne Risiko ist.

Bereits seit Wochen appellieren Intensivmedizinerinnen und -mediziner eindringlich an die Bevölkerung, die Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus einzuhalten. »Wir sind in einer absoluten Ausnahmesituation, die wir in der Geschichte der Intensivmedizin so noch nie erlebt haben«, sagte Gernot Marx von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Montag.

Jede Gruppe, die sich aktuell nicht treffe, trage vielleicht dazu bei, dass ein paar mehr Menschen überlebten. Die vereinbarten Lockdown-Maßnahmen hätten aus der Sicht von Marx noch schärfer ausfallen müssen. Denn die Corona-Pandemie führe ihn und seine Kollegen derzeit an die Belastungsgrenze.

Dass auch gut ausgebaute Gesundheitssysteme an ihre Grenzen stoßen können, zeigt sich in der Schweiz, wo die Infektionszahlen zuletzt drastisch stiegen: Rund 500 der insgesamt 876 zertifizierten Intensivbetten sind dort mit Covid-Patienten belegt. Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin schlug daraufhin Alarm.

kry/dpa