Lockdown-Debatte Intensivmediziner dringen auf strikte Maßnahmen in allen Bundesländern

Angesichts der steigenden Corona-Zahlen fordern Deutschlands Intensivmediziner die Politik auf, unverzüglich zu handeln. Jeder weitere Tag ohne strikten Lockdown koste Menschenleben.
Ärzte und Pflegepersonal auf einer Covid-19-Intensivstation

Ärzte und Pflegepersonal auf einer Covid-19-Intensivstation

Foto: Gaetan Bally / dpa

Deutschlands Intensivmediziner halten die aktuelle Corona-Situation in Deutschland für unverantwortlich. Angesichts von fast 30.000 Neuinfektionen und rund 600 Corona-Toten innerhalb eines Tages müsse die Politik unverzüglich handeln.

Jeder weitere Tag ohne durchgreifende und nachhaltige Lockdown-Maßnahmen koste Menschenleben, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens. Selbst ein sofortiger Lockdown lasse die Zahlen erst in zwei bis drei Wochen deutlich sinken. »Ein Zögern und Warten auf Weihnachten ist schier unverantwortlich.« Mediziner bereiteten sich bereits auf Situationen vor, bei denen sie zwischen Patienten priorisieren müssten.

»Wenn wir die kommenden zwei Wochen jeden Tag im Schnitt 30.000 Neuinfektion haben, verzeichnen wir an Weihnachten etwa 420.000 Corona-Infizierte«, erklärte Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, weiter. »Die sich daraus ableitenden Zahlen an Krankenhauspatienten und schwerst erkrankten Patienten, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen, wird dann nicht mehr adäquat zu behandeln sein.«

Schon jetzt könnten einzelne Kliniken keine neuen Notfallpatienten mehr aufnehmen. Dadurch seien zum Teil lange Transportzeiten erforderlich, bis das nächste Krankenhaus mit freien Behandlungskapazitäten erreicht werde.

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Auch der wenig betroffene Norden müsse mitziehen

Die Intensivmediziner dringen auf ein gemeinsames Handeln aller Bundesländer. Auch der Norden Deutschlands, der derzeit noch wenig betroffen sei, müsse mitziehen, sagte DIVI-Vorstandsmitglied Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. »Wir brauchen die Möglichkeit einer Reserve, um Patienten in weniger belastete Regionen in Deutschland verlegen zu können.«

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte am Freitag neue Höchststände sowohl bei der Zahl der Neuinfektionen als auch bei der Zahl der Corona-Toten veröffentlicht. Die Gesundheitsämter meldeten demnach 29.875 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Die Zahl der innerhalb eines Tages gemeldeten Todesfälle stieg auf 598.

Auch Innenminister Horst Seehofer warnt davor, im Kampf gegen das Coronavirus mit einem Lockdown bis nach Weihnachten zu warten. »Die einzige Chance, wieder Herr der Lage zu werden, ist ein Lockdown, der aber sofort erfolgen muss«, sagte der CSU-Politiker dem SPIEGEL. »Warten wir bis Weihnachten, werden wir noch Monate mit den hohen Zahlen zu kämpfen haben.«

Bund und Länder wollen am Sonntag in einem Spitzengespräch von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder über weitere Verschärfungen in der Coronakrise beraten.

irb
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