Neue Maßnahmen gegen Corona Intensivmediziner unterstützen Shutdown

Deutsche Intensivmediziner beurteilen die neuen Corona-Maßnahmen als sinnvoll und verhältnismäßig. Die Situation in den Krankenhäusern aber habe die Regierung vernachlässigt.
Personalmangel auf den Intensivstationen ist laut Intensivmedizinern ein großes Problem

Personalmangel auf den Intensivstationen ist laut Intensivmedizinern ein großes Problem

Foto: Fabian Strauch / dpa

Intensivmediziner in Deutschland haben die Regierung dazu aufgefordert, Krankenhäuser dazu anzuhalten, auf Notfallbetrieb herunterzufahren. "Wir befinden uns an einem relativ kritischen Punkt in der zweiten Welle der Pandemie", sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), auf einer Bundespressekonferenz am Donnerstag.

Obwohl aktuell die Fallzahlen höher lägen als im Frühjahr, habe es bisher keine Verordnung seitens der Politik gegeben, dass die Krankenhäuser auf Notfallbetrieb umstellen sollten. "Elektive Operationen müssen wieder verschoben werden, um zusätzliche Kapazitäten frei zu machen", forderte Janssens. "Dazu brauchen die Krankenhäuser die Anweisung und auch finanzielle Hilfen vom Staat."

Die Zahl der registrierten Corona-Neuinfektionen in Deutschland hat mit 16.774 Fällen binnen eines Tages am Donnerstag erneut einen Höchstwert erreicht. Der bisherige Rekordwert vom Vortag lag nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei 14.964 Fällen. Am Mittwoch hatten Bund und Länder deutschlandweite strenge Maßnahmen  beschlossen, die ab dem 2. November gelten sollen.

Diese bezeichneten die Intensivmediziner - ebenso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel - als sinnvoll und verhältnismäßig. Ein Lockdown sei auch immer ein Parodoxon, sagte der Infektiologe Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. "Nach einem Lockdown sehen die Zahlen immer besser aus. Das erweckt den Anschein, dass der Lockdown gar nicht nötig gewesen wäre." Dieser Eindruck stimme aber nicht.

Bei der Pressekonferenz waren auch Vertreter einiger der größten deutschen Universitätskliniken anwesend, etwa von der Charité in Berlin, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und der München Klinik Schwabing. Sie alle beobachten die steigenden Zahlen von Covid-19-Intensivpatienten in den vergangenen Wochen mit Sorge.

"Wir müssen uns jetzt auf dringend notwendige Operationen und die Versorgung von Covid-19-Patienten konzentrieren", sagte Stefan Kluge, stellvertretender Direktor der Intensivmedizin am UKE. "Die Maßnahmen der Regierung werden sich erst in den kommenden Wochen auswirken." Man dürfe nicht vergessen, dass die Patienten erst nach zehn Tagen auf die Intensivstation kommen. "Die Welle steht uns also noch bevor." Zudem blieben beatmete Patienten meist sehr lange auf der Station, mitunter bis zu drei Wochen. "Sie verstopfen also richtiggehend die Intensivstationen für einen sehr langen Zeitraum", so Kluge.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

"Nicht eine müde Maus mehr beim Personal"

Noch sei die Lage auf den deutschen Intensivstationen kontrollierbar, sagte Janssens. Deutschland verfüge über ein hervorragendes Gesundheitssystem und im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wesentlich größere Kapazitäten. Doch in wenigen Wochen könnte sich das bei einem weiteren exponentiellen Wachstum der Neuinfektionen dramatisch ändern. "Und auch die Krankenhausmitarbeiter infizieren sich immer häufiger, die fallen dann sofort aus", sagte er.

Bereits Mitte der Woche hatte Janssens in einem YouTube-Video  auf den Personalmangel im Gesundheitswesen hingewiesen. Und auch auf der Pressekonferenz sowie gegenüber der dpa betonte er, wie prekär die Personalsituation ist: "Wir haben mehr Betten und mehr Beatmungsgeräte als zu Beginn der Pandemie. Aber wir haben nicht eine müde Maus mehr beim Personal", sagte Janssens. "In 14 Tagen haben wir die schweren Krankheitsfälle, und unsere großen Zentren kommen unter Maximalbelastung."

Seine Vereinigung führt ein Register , das die bundesweit freien Intensivbetten anzeigt. Damit soll auch eine Verlegung aus stark ausgelasteten Kliniken in Häuser mit Kapazitäten ermöglicht werden. Die Zahlen werden täglich aktualisiert. Die Intensivbetten sollen dabei mit dem nötigen Pflegepersonal berechnet werden. Denn ein beatmeter Covid-19-Patient braucht allein bis zu fünf Schwestern oder Pfleger.

"Absolut besorgniserregend"

In Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen seien einige Kliniken schon gut mit Covid-19-Patienten belegt, andere Erkrankte würden bereits verdrängt, sagte Kluge. Die Lage sei "absolut besorgniserregend". Von den Infizierten müssten etwa fünf Prozent im Krankenhaus behandelt werden, zwei Prozent auf der Intensivstation, so Kluge. Über 70-Jährige hätten ein Sterberisiko von über 50 Prozent.

Vor einem Personalnotstand hatte in dieser Woche bereits die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege gewarnt. "Wenn es zu einem massiven Anstieg von Corona-Patienten in den Intensivstationen kommt, werden nicht alle fachgerecht betreut werden können", hieß es. Nicht, weil es an Intensivbetten mangele, sondern an qualifiziertem Fachpflegepersonal.

"Wir richten unseren Aufruf auch an alle Mitarbeiter im Krankenhaus: "Leute, ihr seid systemrelevant. Auch, wenn ihr das Krankenhaus verlasst", sagte Janssens der dpa. Da sei für eine Party einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Er selbst sei großer Opern- und Theaterfan, sagte der Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital im nordrhein-westfälischen Eschweiler. "Ich vermisse das wahnsinnig. Aber ich sehe es als gesellschaftliche Aufgabe und Verpflichtung an, mich da zurückzuhalten. Damit schütze ich viele, viele andere."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Er sei nicht sauer, er sei vielmehr traurig über die Entwicklung der Infektionszahlen. "Der persönliche Spaß ist vielen wichtiger als die Gemeinschaft", sagte Janssens. Die momentane Lage habe seiner Ansicht nach viel mit einer egoistischen Grundhaltung zu tun. "Wenn die Leute mehr "Du" denken würden, liefe es sicher besser. Ich sage gern: 'Kommt doch mal eine Stunde auf die Intensivstation und guckt euch einen Covid-19-Patienten an. Wie er da auf dem Bauch liegt und was die Schwestern da leisten müssen.'"

kry/dpa