Corona-Kontaktsperre nur für Risikogruppen Flirt mit einer vermeintlich einfachen Lösung

Die junge Bevölkerung bewegt sich frei, für Risikogruppen gilt eine Kontaktsperre. Die Stimmen, die für ein Ende des Total-Lockdowns werben, werden lauter. Doch wie praktikabel ist die Alternative?
Risikogruppe (Bild aus der Schweiz): Die meisten Todesfälle im Zusammenhang mit Corona gibt es bei Menschen im Alter von über 80 Jahren

Risikogruppe (Bild aus der Schweiz): Die meisten Todesfälle im Zusammenhang mit Corona gibt es bei Menschen im Alter von über 80 Jahren

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Davide Agosta/ DPA

Seit ungefähr eineinhalb Wochen gilt wegen der Ausbreitung des neuen Coronavirus ein Kontaktverbot in Deutschland. Gleichzeitige, persönliche Treffen mit mehr als einer Person außerhalb des eigenen Haushalts sind tabu.

Obwohl das noch bis nach Ostern so bleiben wird, stellt sich bereits jetzt - auch mit Blick auf die wachsenden wirtschaftlichen Folgen - die Frage, wie es anschließend weitergehen kann. Zwar mahnt die Kanzlerin noch zur Geduld, doch in der Großen Koalition werden zunehmend Stimmen laut, einen Plan zu entwickeln.

"Wir müssen alle möglichen Optionen jetzt durchspielen, auch wenn noch völlig unklar ist, welche davon Ende April infrage kommen", sagt Michael Hölscher, Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin an der Uniklinik München. Heute schon final zu entscheiden sei nicht möglich, da wichtige Informationen fehlten.

Es ist immer noch schwer abzuschätzen, wie die aktuelle Ausbreitungsdynamik des Virus die Krankenhäuser und Intensivstationen in der Zukunft fordern wird. "Eine Person, die sich heute infiziert, kommt erst in etwa zweieinhalb Wochen auf die Intensivstation, falls sie beatmet werden muss", so Hölscher. Hochrechnen lässt sich die Zahl nicht sicher, da unklar ist, wie viele Menschen sich insgesamt bislang mit dem neuen Coronavirus infiziert haben (mehr zu den Datenlücken lesen Sie hier).

Nach und nach Immunität aufbauen

"Langfristig müssen wir die Ausbreitung des neuen Virus so steuern, dass die Bevölkerung nach und nach eine Immunität aufbaut und gleichzeitig die Intensivkapazitäten nicht überlastet werden. Solange es keinen Impfstoff gibt, ist eine durchgestandene Infektion nach aktuellem Stand die einzige Möglichkeit, abgesehen von Kontaktbeschränkungen, das Virus einzudämmen.

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Ein Konzept, das unter anderem Helge Braun, der Chef des Bundeskanzleramts, aufgegriffen hat, drängt sich da derzeit besonders auf: Es sieht vor, den Fokus der Maßnahmen künftig auf Risikogruppen zu legen, statt auf die Gesamtbevölkerung. Vor allem Menschen in hohem Alter und mit problematischen Vorerkrankungen sollten demnach soziale Kontakte meiden. Die restliche Bevölkerung könnte einen relativ normalen Alltag leben, in Restaurants und zur Arbeit gehen.

Das klingt verlockend, doch "während sich das Virus unkontrolliert ausbreitet, wäre das viel zu riskant", sagt der Virologe und Infektionsepidemiologe Alexander Kekulé von der Uniklinik Halle. Das zeige beispielsweise die Erfahrung aus Großbritannien, wo man zunächst darauf gesetzt hatte, möglichst schnell eine Herdenimmunität zu erzeugen, dann aber doch strenge Schutzmaßnahmen für alle eingeführt hat.

Drei zentrale Schwierigkeiten

Der SPIEGEL hat mit vier Experten zu dem Thema gesprochen. Während der Altersmediziner Johannes Pantel von der Universität Frankfurt darauf verweist, dass die psychischen Belastungen für Ältere durch eine längere Isolation enorm seien (das Interview mit ihm lesen Sie hier), sehen die drei anderen Experten vor allem drei zentrale Probleme:

  • Die Fachleute gehen davon aus, dass es nicht möglich sein wird, Risikogruppen mit absoluter Sicherheit zu schützen.

  • Sie fürchten, dass die Zahl der Infizierten, selbst wenn es gelänge, die Risikogruppen abzuschirmen, in kurzer Zeit so stark ansteigen würde, dass die Krankenhäuser keine flächendeckende Versorgung mehr sicherstellen könnten.

  • Und sie stellen die Frage, wer in einem solchen Konzept eigentlich zur Risikogruppe gehören würde.

"Zwar gibt es bei den Jüngeren prozentual weniger schwere Verläufe. Wenn sich sehr viele in kurzer Zeit anstecken, ist das absolut betrachtet aber dennoch eine hohe Zahl", sagt Hölscher.

Zur groben Einordnung: Würde man alle Menschen isolieren, die älter sind als 70, wären das mehr als 13 Millionen Bürger. Knapp 70 Millionen könnten sich in dem Modell weiter frei bewegen, ungefähr zwei Drittel, also knapp 50 Millionen würden sich nach derzeitiger Schätzung innerhalb weniger Monate anstecken.

"Es ist völlig unklar, wie viele von ihnen dann zur selben Zeit intensivmedizinisch behandelt werden müssten", sagt Hölscher. "Auf gut Glück zu testen, ob die Kapazitäten reichen, wäre extrem riskant."

Kekulé geht auf Basis der bislang zur Verfügung stehenden Informationen zur Ausbreitung des Virus davon aus, dass die Intensivkapazitäten für das Experiment nicht ausreichen würden. "Es zum jetzigen Zeitpunkt darauf ankommen zu lassen, wäre völlig irrsinnig."

Streng genommen müsste man die Hälfte der Bevölkerung isolieren

Laut Robert Koch-Institut  (RKI) zählen allerdings viel mehr Menschen zur Risikogruppe als nur die über 70-Jährigen. Das Institut nennt "ältere Personen ab 50 bis 60 Jahren". Ab diesem Alter steigt das Risiko, an einer Infektion zu sterben, wobei es mit Anfang 50 immer noch deutlich geringer ist als mit Anfang 60 oder sogar Anfang 70 (siehe Grafik oben).

Bezöge man zumindest die über 60-Jährigen in die Schutzgruppe ein, müssten 23,4 Millionen Menschen von der restlichen Bevölkerung abgetrennt werden. Hinzu kämen Raucher. Sie zählen laut RKI ebenfalls zur Risikogruppe.

Ungefähr ein Viertel  der Menschen unter 60 Jahren raucht in Deutschland. Das wären 14,9 Millionen Menschen, die isoliert leben müssten. Insgesamt käme man damit auf 38,3 Millionen Personen in der Risikogruppe. Jüngere Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthmatiker, Diabetiker, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebspatienten sind da noch nicht eingerechnet.

Ganz grob überschlagen, müsste man also wohl mindestens die Hälfte der Bevölkerung langfristig vom öffentlichen Leben trennen, nimmt man die Idee ernst.

Abschottung unmöglich

"Ich bin der Meinung, dass das unmöglich ist", sagt Gerd Antes, Experte für Medizin-Statistik an der Universität Freiburg. Zu bedenken sei, dass auch ältere und chronisch kranke Menschen einkaufen und zum Arzt gehen müssten.

Sich an diesen Orten vor einer Infektion zu schützen, während das Virus breit in der Bevölkerung grassiere, sei extrem schwierig. Auch wenn Nachbarn Nahrungsmittel vorbeibrächten, bestehe unter diesen Bedingungen ein hohes Infektionsrisiko.

Hölscher sieht eine ähnliche Gefahr bei Pflege- und Altenheimen. Zwar könne man dort dafür sorgen, dass die Bewohner nicht mehr rausgingen und das Personal unter verstärkten Hygienevorschriften arbeite. Einen sicheren Schutz biete das aber nicht, solange das Virus breit in der Bevölkerung zirkuliere. Das habe etwa der aktuelle Fall aus einer Seniorenresidenz in Wolfsburg gezeigt, in der mindestens 18 Menschen mit dem Coronavirus gestorben sind.

Ganz grundlegend scheitert die Idee daran, dass Personen aus Risikogruppen mitunter mit anderen im gleichen Haushalt leben. Sie haben Partner und Kinder, die in dem Modell wieder zur Arbeit und in die Kita, den Kindergarten oder die Schule gehen würden. Sie dauerhaft von ihren Familien zu trennen, wäre unmöglich.

"Eine lang andauernde Isolation hat immer eine schwierige psychosoziale Komponente", sagt Hölscher. "Wir können das Problem nicht allein auf dem Rücken der Alten und Schwachen austragen, gerade weil wir sie besonders schützen müssen."

Die Ausbreitung verlangsamen und die ältere Bevölkerung schützen

Kekulé plädiert stattdessen dafür, Menschen über 70 besonders zu schützen und gleichzeitig sicherzustellen, dass sich das Virus in der restlichen Bevölkerung nur langsam ausbreitet. Das Modell, die Gruppen mit dem höchsten Risiko zu schützen, funktioniere erst dann, wenn das generelle Infektionsrisiko abgemildert sei.

"Ich hoffe und bin optimistisch, dass wir bis zum Ende der aktuellen Ausgangsbeschränkungen wieder an den Punkt kommen, wo wir einzelne Infektionsketten nachverfolgen, Infizierte isolieren und Kontaktpersonen in Quarantäne bringen können", sagt Kekulé.

Auf diese Weise ließe sich die Ausbreitung des Virus kontrollieren. Eine Eindämmung der Epidemie mit Nachverfolgung allein sei nicht mehr möglich, wenn es mehr als 200 Initialfälle gebe. Zur Einordnung: Am Dienstag wurden laut Robert Koch-Institut (RKI) etwa 4800 neue Fälle nachgewiesen, am Mittwoch waren es nach aktuellem Stand 2000 , wobei in der Regel in den Folgetagen noch Fälle nachgemeldet werden (mehr dazu lesen Sie hier).

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Gelinge es, die Rate der Neuinfektionen auf ungefähr 200 zu reduzieren, könne man aus seiner Sicht damit anfangen, die Maßnahmen für die Allgemeinbevölkerung schrittweise zu lockern.

Hölscher und Antes sehen das ähnlich. Alle drei Forscher plädieren jedoch dafür, gleichzeitig die Hygienemaßnahmen zu erhöhen. Aus Sicht der Experten müssten für alle einfache Mund-Nasen-Schutzmasken zur Verfügung gestellt werden.

Mund-Nasen-Schutz für alle

"Oberstes Gebot bleibt es, Abstand zu halten. Im Supermarkt ist das aber nicht immer möglich, dann kann man das Risiko, andere mit einer unbemerkten Infektion anzustecken, mit einer Maske reduzieren", sagt Kekulé. Er hat inzwischen die Kampagne "Kein Held ohne Maske" ins Leben gerufen, die sich für das Tragen von Mundnasenmasken einsetzt - notfalls genügten auch selbst hergestellte Masken oder umgebundene Tücher.

DER SPIEGEL

"Wir wissen zwar noch nicht genau, wie groß die Schutzwirkung ist, aber es gibt keine Nebenwirkungen", erklärt auch Antes. "Alles, was die Infektionsgefahr minimiert, ist derzeit willkommen." Der Medizinstatistik-Experte spricht sich außerdem dafür aus, bundesweit an öffentlichen Plätzen und im öffentlichen Nahverkehr Spender mit Desinfektionsmittel zu installieren.

"Man wird ständig dazu aufgefordert, Hände zu waschen und das ist auch sinnvoll, aber ausgerechnet draußen auf dem Markt oder im Einkaufsladen, wo man permanent mit fremden Keimen in Kontakt kommt, gibt es überhaupt keine Möglichkeit dazu", sagt er.

Masken als pädagogisches Instrument

Antes setzt auch auf den pädagogischen Wert von Masken und Desinfektionsmitteln. "Die Menschen werden ständig an die besondere Situation erinnert." Auch Hölscher spricht sich fürs Maskentragen aus. Die Empfehlungen haben allerdings einen Haken: Sowohl Masken als auch Desinfektionsmittel sind derzeit Mangelware. Zuerst müssen nun Kliniken und andere Pflegeeinrichtungen ausreichend versorgt werden.

Zudem hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine allgemeine Maskenpflicht derzeit für unangemessen. Tatsächlich bestehe sogar das Risiko, dass Anwender die Masken falsch benutzten und sich beim Abnehmen infizierten, warnte WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan am Montag. "Wir raten davon ab, Mundschutz zu tragen, wenn man nicht selbst krank ist."

Auch das Robert Koch-Institut schreibt , es gebe "keine hinreichende Evidenz dafür, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Ansteckung für eine gesunde Person, die ihn trägt, signifikant verringert." Bleibt die Frage, was das mit Blick auf Infizierte bedeutet, die nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen. (Mehr über die Maskendiskussion lesen Sie hier.) Anmerkung der Redaktion: Das RKI hat seine Einschätzung für das Tragen von Mundschutz am Donnerstagnachmittag geändert. Wenn Menschen - auch ohne Symptome - vorsorglich eine Maske tragen, könnte das das Risiko einer Übertragung von Viren auf andere mindern, teilte die Bundesbehörde mit. Wissenschaftlich belegt sei das aber nicht.

"Wenn es uns gelingt, die Risikogruppen zu schützen und die Ausbreitung des Virus im Rest der Bevölkerung so einzudämmen, dass jeder schwer erkrankte Patient die bestmögliche medizinische Versorgung bekommt, wird das Virus wahrscheinlich nicht mehr Tote fordern als eine stärkere  Grippewelle", sagt Kekulé. Wie das genau gehen könnte, hat er kürzlich ausführlich in einem Gastbeitrag für "Zeit Online"  beschrieben.

Entscheidende Hinweise, wie schnell sich das Virus ausbreitet, liefern hoffentlich bald große Testreihen, mit denen Forscher derzeit beginnen (mehr dazu lesen Sie hier). Dann liegt es an der Politik, das Risiko durch das Virus gegen mögliche Kollateralschäden durch Schutzmaßnahmen abzuwägen.