Knackpunkt Impfbereitschaft Bald bestimmen wir alle über die Herdenimmunität

Die Versorgung mit Impfstoff gegen Covid-19 läuft so gut, dass es womöglich schon in wenigen Wochen mehr Dosen als Impfwillige gibt. Das Problem soll mit einem Kniff behoben werden.
Covid-19-Impfstoff im Impfzentrum in der Messe Berlin

Covid-19-Impfstoff im Impfzentrum in der Messe Berlin

Foto: Michael Kappeler / dpa

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Langsam, aber sicher geht es voran mit dem Impfen gegen Covid-19 in Deutschland. Ungefähr ein Viertel der Menschen haben hierzulande inzwischen mindestens eine erste Dosis erhalten, in einigen Bundesländern sind es sogar etwa 30 Prozent. Mehr als 650.000 Menschen wurden im Mittel der vergangenen sieben Tage täglich geimpft.

Und in den kommenden Wochen werden die Zahlen weiter steigen, womöglich sogar schneller, als von der Politik bislang erhofft.

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»Nach einer Modellierung könnte Ende Mai mehr als die Hälfte der Impfberechtigten mindestens eine Corona-Erstimpfung erhalten haben. Mitte Juni könnten drei Viertel erstgeimpft sein«, schreibt das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) auf Twitter. Bis spätestens Ende Juli könnten demnach gar alle Impfberechtigten versorgt werden.

Impfbereitschaft wird zum limitierenden Faktor

Die positive Prognose beruht unter anderem darauf, dass vermehrt Impfstofflieferungen kommen, die Hausärzte mitimpfen und spätestens ab der Woche vom 7. Juni auch Betriebsärzte eingebunden werden sollen. Mindestens 500.000 Impfdosen pro Woche sind für das Impfen in Firmen vorgesehen. Gesundheitsminister Spahn will damit auch einem Phänomen entgegenwirken, das den Impffortschritt womöglich bald wieder drosseln könnte: Nicht jeder, der Recht auf eine Impfung hat, wird diese Möglichkeit auch sofort nutzen.

»Bereits in ein paar Wochen werden wir voraussichtlich mehr Impfstoff haben als Terminanfragen«, erklärte Spahn jüngst laut »Welt am Sonntag« . Anders gesagt: Während derzeit noch die Verfügbarkeit von Impfstoff das Tempo bestimmt, könnte schon bald die Impfbereitschaft in der Bevölkerung entscheidend für das Vorankommen der Impfkampagne sein – und damit Zentral für den weiteren Verlauf der Pandemie.

Etwa 65 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind grundsätzlich bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, heißt es in der repräsentativen Cosmo-Umfrage der Universität Erfurt . Nur 16 Prozent wollen das auf keinen Fall. Das klingt erst mal gut und befördert die Debatte über eine Herdenimmunität. Fachleute gehen inzwischen jedoch davon aus, dass zwischen 75 und 80 Prozent der Menschen vor einer Corona-Infektion geschützt sein müssten, um die Ausbreitung des Virus entscheidend einzudämmen. Dabei gibt es mehrere Knackpunkte.

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Fehlende Kinder-Impfung drückt Impfquote

»Nicht eingerechnet sind Kinder und Jugendliche«, erklärte etwa Studienleiterin und Professorin für Gesundheitskommunikation Cornelia Betsch dem Science Media Center (SMC) mit Blick auf die Zahl der Impfwilligen. Solange Kinder und Jugendliche noch nicht geimpft werden könnten, liege die für die Herdenimmunität benötigte Impfquote in der restlichen Bevölkerung noch höher als die erwähnten 75 bis 80 Prozent.

Die in der EU zugelassenen Impfstoffe sind bislang frühstens für Menschen ab 16 Jahren zugelassen, Prüfungen mit Kindern ab 12 Jahren laufen. Für jüngere Personen wird es im Sommer wohl noch keine Impfung geben.

Geht man in der Gruppe der bald möglicherweise Impfberechtigten ab 12-Jährigen von einer noch mal wachsenden Impfbereitschaft von 75 Prozent aus, wären es lediglich rund 65 Prozent der gesamten Bevölkerung, die bis zum Herbst geimpft werden könnten. Die unter-12-Jährigen wären zu jung, um einen Impfstoff gegen Covid-19 zu erhalten und würde den Anteil der Geimpften entsprechend reduzieren.

Hinzu kommen jene Menschen, die bereits eine Infektion durchgemacht haben und dadurch einen gewissen Schutz besitzen. Bislang wurden in Deutschland rund 3,4 Millionen Sars-CoV-2-Infektionen nachgewiesen. Geht man davon aus, dass sich niemand doppelt angesteckt hat, entspricht das einem Anteil von etwa vier Prozent. Weder eine Impfung noch eine durchgemachte Infektion schützen allerdings mit absoluter Sicherheit vor einer Corona-Infektion.

Fachleute stellen auch deshalb infrage, ob es überhaupt jemals möglich sein wird, Herdenimmunität gegen das Coronavirus zu erreichen – zumindest in dem Sinne, dass Personen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können, durch die Immunität der restlichen Gesellschaft nahezu perfekt geschützt sind (mehr dazu lesen Sie hier). Erschwerend hinzu kommt, dass Mutanten kursieren, die einen Immunschutz teils umgehen können.

Nicht jeder Impfwillige lässt sich tatsächlich impfen

»Eine hohe Impfbereitschaft allein reicht nicht, um Herdenimmunität zu erreichen«, schlussfolgert Betsch und bemerkt zudem: »Auch wenn die Impfbereitschaft in der Nähe der Herdenimmunitätsschwelle liegen würde, wird nicht aus jeder hohen Impfbereitschaft automatisch auch eine Impfung.« Praktische Hürden müssten daher weitestgehend abgebaut werden und impfen so einfach wie möglich gemacht werden. Hier kommen die Impfungen in Firmen ins Spiel.

»Sehr relevant wird vermutlich das Impfen am Arbeitsplatz und in den Universitäten – und perspektivisch möglicherweise auch Schulen«, so Betsch. Sie plädiert auch dafür, Informationen über die Sicherheit der Impfstoffe verstärkt zu kommunizieren. »Dabei sollte nicht einfach beteuert werden, dass der Impfstoff sicher ist, sondern es sollte jeder, der möchte, in die Lage versetzt werden, Risiken abzuwägen.« Die Entscheidung, die jeder in dieser Pandemie zu treffen habe sei: krank werden oder Impfung. »Die Entscheidung bleibt eine Risikoabwägung, keine der beiden Alternativen ist absolut sicher.«

Gesamtgesellschaftlich überwiegt in der Abwägung stets der Vorteil der Impfung. »Herdenimmunität im Sinne einer niedrigen Inzidenz und einer gezielten, lokalen Eindämmung wird mit dem Impffortschritt immer einfacher erreichbar«, so Viola Priesemann, Leiterin der Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen gegenüber dem SMC. Priesemann erstellt Modelle zum Verlauf der Pandemie.

Hoffnung auf einen entspannteren Sommer

Um diese deutlich einzudämmen, wäre es demnach ausreichend, wenn sich spätestens bis zum Herbst, vielleicht auch schon bis zum Sommer, die bislang Impfwilligen auch tatsächlich immunisieren lassen. »Wir erwarten, dass bei rund 50 Prozent geimpften Erwachsenen das Testen, Kontaktnachverfolgen und Isolieren, zusammen mit den AHA-Regeln und dem Verzicht auf Großveranstaltungen, ausreichen wird, um die Inzidenz niedrig zu halten.«

Dann könnten im Sommer Schulen, Restaurants und Geschäfte wieder öffnen, kleinere Feiern und Veranstaltungen mit Hygienekonzept wären möglich. Das zeigen auch die Erfahrungen aus Israel, wo bislang gut 60 Prozent eine Erstimpfung gegen Covid-19 erhalten haben. Eine Einschränkung bleibt allerdings.

»Das gilt alles nur, solange wir keine potente Escape-Variante bekommen«, so Priesemann. Gemeint ist eine Mutante des Coronavirus, die den Immunschutz vollständig oder zumindest zu großen Teilen umgehen kann und sich schnell ausbreitet. »Um zuverlässig einen guten Sommer zu haben, sollte die Ausbreitung von Escape-Varianten unbedingt vermieden oder verlangsamt werden.«

Priesemann verweist zudem darauf, dass mit saisonal sinkenden Fallzahlen im Sommer womöglich auch die Impfbereitschaft abnehmen könnte – und warnt vor einer weiteren Infektions-Welle, falls doch zu schnell gelockert wird. Die Abwägung zwischen Virusbekämpfung und persönlicher Freiheit bleibt vorerst ein Balanceakt.

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