Erste Probandin für mögliche Corona-Impfung "Nur ein kleiner Piks"

Jennifer Haller ist der erste Mensch, dem ein möglicher Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus gespritzt wurde. Hat sie keine Angst vor Nebenwirkungen? Der SPIEGEL hat mit ihr gesprochen.
Jennifer Haller kurz nach der ersten Impfung: "Endlich eine Gelegenheit, selber etwas zu tun"

Jennifer Haller kurz nach der ersten Impfung: "Endlich eine Gelegenheit, selber etwas zu tun"

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Ted S. Warren/ AP

Es sei nur ein kleiner Piks gewesen, erzählt Jennifer Haller, "wie bei der jährlichen Grippeimpfung". Die 43-Jährige ist die weltweit erste Versuchsperson, der am Montagmorgen im amerikanischen Seattle ein möglicher Impfstoff gegen das Virus Sars-CoV-2 gespritzt wurde. "Mir geht es gut", sagt sie wenige Stunden darauf dem SPIEGEL per Telefon.

Haller ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet als Betriebsleiterin bei einem Software-Start-up. Sie sagt, als sie vor wenigen Wochen auf Facebook las, dass Teilnehmer für eine Impfstudie gesucht würden, bewarb sie sich sofort. Angesichts der Epidemie habe sie sich hilflos gefühlt, "und das war endlich eine Gelegenheit, selber etwas zu tun".

Den Impfstoff namens "mRNA-1273" entwickelt die private US-Biotechnologiefirma Moderna in Zusammenarbeit mit den staatlichen National Institutes of Health (NIH). Insgesamt 45 Testpersonen zwischen 18 und 55 Jahren sollen in den kommenden Wochen jeweils zwei Dosen von bis zu einem halben Milligramm gespritzt bekommen.

"Am Ende muss ich darauf vertrauen"

Bis zur Marktreife des Impfstoffs wird es nach Angaben der Forscher noch mindestens ein bis anderthalb Jahre dauern. Bislang hat es nicht einmal Versuche mit Labortieren gegeben. Dass der Stoff trotzdem schon an Menschen getestet wird, bricht mit bisherigen Grundsätzen der Pharmaforschung - und birgt große Risiken.

Jennifer Haller kurz vor ihrer Impfung: "Ich bin eine positive Person"

Jennifer Haller kurz vor ihrer Impfung: "Ich bin eine positive Person"

Foto: Ted S. Warren/ AP

Angst vor möglichen Nebenwirkungen hat Haller trotzdem nicht. Besorgten Freunden erzählte sie, dass der Impfstoffkandidat nicht auf einem abgeschwächten Lebendvirus beruhe, sondern auf Nukleinsäuren - und eine ähnliche Substanz gegen die Coronaviren Sars und Mers schon früher an Menschen getestet worden sei. "Ich bin eine positive Person", sagt sie. "Die Forscher haben den Stoff gut auf Risiken hin untersucht. Am Ende muss ich darauf vertrauen."

Wenn der Versuch läuft wie geplant, wird Haller in knapp einem Monat eine zweite Dosis des Impfstoffes erhalten. In der ersten Phase der Studie geht es vor allem darum, ob Menschen das Vakzin gut vertragen. Erst in größeren, nachfolgenden Studien untersuchen die Forscher, wie gut der Stoff tatsächlich gegen Covid-19 schützt.

Internationaler Wettlauf unter Forschern

Unter Wissenschaftlern sind die frühen Tests an Menschen umstritten, einige warnen vor unkalkulierbaren Risiken. Die Erprobung eines neuen Vakzins ist ein hochkomplexes Verfahren. In der Regel geben nationale Zulassungsbehörden erst grünes Licht für klinische Studien, wenn sowohl die Sicherheit als auch die Wirksamkeit eines Stoffs an Labortieren nachgewiesen ist.

Doch im Kampf gegen den Erreger Sars-CoV-2 ist ein internationaler Wettlauf unter Forschern entbrannt. Wohl noch nie wurden Impfstoffe so schnell entwickelt wie jetzt. Neben Moderna stehen weitere Pharmafirmen nach eigenen Angaben kurz davor, Tests am Menschen durchzuführen.

Anders als bei herkömmlichen Impfstoffen setzen die meisten Biotechfirmen bei der Entwicklung von Vakzinen gegen Sars-CoV-2 nicht auf abgeschwächte Lebendviren oder Bruchstücke des Erregers. Stattdessen bestehen ihre Substanzen aus kurzen Nukleinsäuren, die die Körperzellen selbst zur Produktion von Antikörpern anregen sollen.

Dadurch lassen sich die Vakzine nicht nur deutlich schneller herstellen, sie sollen auch sicherer sein. Allerdings hat diese Technologie in mehr als zwei Jahrzehnten Forschung noch keine einzige Marktzulassung eines Impfstoffs gegen ein Virus hervorgebracht.

msk/jki