Gesundheitsminister Spahn "Die Corona-Epidemie ist in Europa angekommen"

Jens Spahn blickt mit Sorge auf den Covid-19-Ausbruch in Italien: Müssen wir nun auch hierzulande mit einer Epidemie rechnen? Der Gesundheitsminister hält Deutschland für gut vorbereitet.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

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ODD ANDERSEN/ AFP

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht nach den Todesfällen in Italien von einer geänderten Lage: "Die Corona-Epidemie ist als Epidemie in Europa angekommen", sagte er auf einer Pressekonferenz in Berlin. Es sei auch möglich, dass sich das Virus in Deutschland ausbreiten werde, sagte er. Die Lage deute darauf hin, dass sich das Virus in Form einer Pandemie ausbreite. Deutschland sei aber bestmöglich vorbereitet.

Jeder Bürger könne einen Beitrag leisten, sagte der Minister: regelmäßig Hände waschen, sich weniger ins Gesicht fassen und Grippeimpfungen könnten vor einer Infektion mit der Influenza schützen. Die Entwicklung eines speziellen Impfstoffs für das neuartige Virus brauche noch Zeit. Der Staat tue alles, um die Bürger zu schützen, so Spahn. "In Zeiten wie diesen muss Staat funktionieren."

"Frage der Verhältnismäßigkeit"

Beim Auftreten von Infektionen in einer Stadt oder Gemeinde werde entschieden, welche Maßnahmen im öffentlichen Raum notwendig seien, sagte Spahn. "Grundsätzlich lassen sich keine Maßnahmen ausschließen, gleichzeitig stellt sich immer die Frage der Verhältnismäßigkeit."

Das Infektionsschutzgesetz sehe verschiedene Möglichkeiten vor, um ein Infektionsgeschehen zu begrenzen. Von der Absage von Großveranstaltungen, der Schließung von Einrichtungen wie Schulen oder Kitas "bis hin zum Abriegeln ganzer Städte" gebe es zahlreiche Zwischenstufen. Es müsse "im Einzelfall" entschieden sowie "angemessen und verhältnismäßig" vorgegangen werden. Obwohl beispielsweise die Masern deutlich ansteckender seien als das Coronavirus, würden auch bei Maserninfektionen keine Städte gesperrt, sagte Spahn.

Spahn will sich am Dienstag in Rom mit seinem italienischen Amtskollegen und weiteren EU-Ländern abstimmen. Das Virus mache an Grenzen nicht Halt, sagte er. Deswegen seien nationale Alleingänge keine sinnvolle Option.

Am Montag war der sechste Todesfall durch Covid-19 in Italien bekannt geworden. Die italienische Regierung hatte am Wochenende elf Gemeinden im Norden des Landes abgeriegelt und 52.000 Menschen praktisch unter Quarantäne gestellt. Mehr als 220 Menschen sind in Italien bereits positiv auf das Virus getestet worden. Mehr als 20 Menschen befinden sich auf der Intensivstation. Italien ist derzeit das Land mit den meisten erfassten Fällen in Europa.

Bayern rüstet sich für Italien-Reisende

Das bayerische Gesundheitsministerium rüstet sich für mögliche Covid-19-Fälle aus Italien. Einer Mitteilung zufolge bereit sich der Freistaat für den Fall möglicher Infektionen von Reisenden vor, die aus Italien zurückkehren. Details werden den Angaben zufolge kurzfristig in enger Abstimmung mit den Ärzteverbänden festgelegt. Wer in Italien mit einem Coronavirus-Fall persönlichen Kontakt hatte, solle sich umgehend an sein Gesundheitsamt wenden, hieß es in der Mitteilung.

In Deutschland wurden bislang 16 Infektionen gemeldet, letztmals wurden zwei Fälle vor knapp zwei Wochen in Bayern bekannt. Allerdings gehen Experten davon aus, dass es auch in Deutschland sehr wahrscheinlich unentdeckte Infektionen gibt.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte in Berlin, es gehe darum, "Zeit zu gewinnen", um neue Erkenntnisse zu dem Erreger umzusetzen und beispielsweise Therapiemöglichkeiten für Patienten zu finden. Auch er sagte: "Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Virus in Deutschland ausbreitet."

RKI testet Grippeproben auch auf Coronavirus

Im Rahmen der Grippeüberwachung durch das RKI werden Proben jetzt auch auf das neuartige Coronavirus getestet. Die bundesweit aus Praxen eingeschickten Nasenabstriche, die üblicherweise auf Influenza und Erkältungsviren untersucht werden, werden seit Montag auch auf Sars-CoV-2 getestet, sagte eine RKI-Sprecherin der Agentur AFP zufolge in Berlin.

Damit soll das seit Jahren bestehende Überwachungssystem genutzt werden, um zu beobachten, ob das Coronavirus in Deutschland überhaupt zirkuliert. "Dafür gibt es aktuell noch keine Hinweise", sagte die Sprecherin. Das RKI betonte, dass die Untersuchungen unabhängig von den Tests in anderen Laboren in Deutschland erfolgen, wo ebenfalls Proben auf Coronaviren getestet werden.

Wöchentlich schicken rund 150 niedergelassene Arztpraxen Proben an die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am RKI. Die AGI ist ein Netzwerk von rund 700 Haus- und Kinderärzten, die regelmäßig die Zahl der akuten Atemwegserkrankungen in ihren Praxen übermitteln. Auf dieser Basis ermitteln die Experten im RKI die Entwicklung akuter Atemwegsinfektionen in der Bevölkerung, speziell durch Influenza.

kry/Reuters/dpa/AFP
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