Schlaganfälle, Kopfschmerzen, Atemlähmung Das Coronavirus kann auch das Gehirn befallen

Vor allem bei schweren Verläufen von Covid-19 beobachten Ärzte auch neurologische Probleme. Wie bahnt sich das Virus den Weg ins Gehirn? Und welchen Schaden richtet es dort an? Erste Erklärungsversuche.
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Abgeschlagenheit, Husten oder eine Lungenentzündung gehören zwar zu den typischen Symptomen einer Covid-19-Erkrankung. Aber es sind längst nicht die einzigen. Während manche Menschen kaum Beschwerden haben und ihre Erkrankung gar nicht mitbekommen, erleben andere einen Herzinfarkt, die nächsten verlieren ihren Geruchssinn und wieder andere können ohne Hilfe nicht mehr atmen.

Woran genau das liegt, wissen Experten noch nicht. Aber sie suchen überall nach Antworten. Und weil verschiedene Systeme im menschlichen Körper zusammenspielen, sammeln nicht nur Virologen und Immunologen die Daten ihrer Patienten, um möglichst schnell möglichst viel über das neue Virus zu lernen. Auch Herzspezialisten, Intensivmediziner, Pathologen, Radiologen, Kinder-, Haus- und HNO-Ärzte sind gefragt. Und Neurologen. Denn das Virus macht auch vor unserem Nervensystem nicht halt.

Geruchsstörungen, Schlaganfälle, epileptische Anfälle, Lähmungen, Kopfschmerzen - inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Beobachtungen, die zeigen, dass sich eine Infektion mit Sars-CoV-2 auch auf das zentrale Nervensystem auswirken kann. In einer Untersuchung aus China von 214 Patienten  hatten immerhin 78 von ihnen (das entspricht 36 Prozent) unterschiedliche neurologische Beschwerden.

Zunächst ist das nicht sonderlich beunruhigend, denn bei vielen Infektionen gehören Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit als Folgen einer allgemeinen Schwäche oder von Kreislaufproblemen dazu. Bei Sars-CoV-2 allerdings kann es mitunter auch noch einen Schritt weitergehen: Von den 78 Patienten aus Wuhan mit neurologischen Symptomen hatten immerhin 13 Bewusstseinstrübungen, fünf einen Schlaganfall und einer einen epileptischen Anfall. Die Ärzte vermuten: Die Viren könnten mitunter sogar direkt die Nervenzellen befallen.

Die Hirnhautentzündung

Ein Fallbericht bestätigt diese Annahme: Ein 24-jähriger Mann aus Japan fühlte sich über eine Woche lang lediglich matt und müde, er hatte Kopfschmerzen und ihm war schwindelig. Weil sein Arzt eine Grippe vermutete, verschrieb er ihm eine Influenza-Arznei, die nicht half. Am neunten Tag bekam der Mann einen epileptischen Anfall und musste notfallmäßig ins Krankenhaus gebracht werden. Dort entdeckten die Ärzte eine Entzündung seiner Hirnhäute und seines Gehirns  und eine leichte Viruspneumonie. Der Coronavirus-Abstrich im Rachen allerdings war negativ.

Um herauszufinden, welcher Erreger die schwere Hirnentzündung ausgelöst hatte, untersuchten die Ärzte der University of Yamanashi das Nervenwasser, das das Rückenmark und das Gehirn umspült. Darin fanden sie sowohl Entzündungszellen als auch Sars-CoV-2. "Von Sars und Mers wussten wir bereits, dass die Erreger direkt Rückenmark und Gehirn befallen können", sagte Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, dem SPIEGEL. "Jetzt sind wir uns auch bei Sars-CoV-2 sicher."

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Geruchsstörung

Wie sich die Erreger ihren Weg ins Gehirn bahnen, ist noch unklar. "Denkbar ist eine Verbreitung über das Blutsystem", sagt Berlit. "Am wahrscheinlichsten ist aber, dass die Infektion über die Riechbahn erfolgt." Dafür spricht, dass ein großer Teil der Patienten über Störungen des Geruchssinns klagen: In einer von der belgischen Universität Mons geleiteten Untersuchung  mit 417 Personen mit leichten Sars-CoV-2-Infektionen waren es immerhin 86 Prozent. Längst nicht alle hatten eine verstopfte Nase, die den Geruchssinn einschränken könnte. Eine Studie in Italien  kam zu dem Ergebnis, dass immerhin 64 Prozent der Patienten mit milden Covid-19-Symptomen nach eigenen Angaben auch Geruchsstörungen hatten.

Die Riechbahn ist direkt mit dem Stirnhirn verbunden, sodass sich die Viren hier schnell neuronal weiterverbreiten können. Um genauer zu verstehen, wie sich Sars-CoV-2 auf den Geruchs- und Geschmackssinn auswirkt, haben sich Wissenschaftler aus 42 Ländern im Global Consortium for Chemosensory Research  zusammengeschlossen. Erste Ergebnisse will die Forschergemeinschaft bereits in Kürze veröffentlichen.

Eine weitere Eintrittspforte könnten neben der Riechbahn auch sogenannte periphere Nerven sein wie etwa der Nervus vagus, der unter anderem die Lungen- und Herzaktivität mitsteuert. Seine Signale erhält dieser wichtige Nerv aus dem Hirnstamm, einem der wichtigsten Knotenpunkte unseres Nervensystems, der zwischen Großhirn und Rückenmark liegt. Hier werden auf engstem Raum viele lebenswichtige Funktionen gesteuert: die Herzfrequenz etwa, der Blutdruck, Reflexe - und die Atmung.

Das Atemversagen

Auffällig oft beobachten Ärzte bei ihren Covid-19-Patienten, dass sie ganz plötzlich Atemnot bekommen und ihr Zustand sich massiv verschlechtert, manchmal sogar ohne vorausgehende Lungensymptome. Dass die Viren in der Lunge eine schwere Entzündung auslösen, kann diese schnelle Veränderung nur bedingt erklären. "Eine mögliche Ursache könnte eine Störung des Atemzentrums aufgrund einer Hirnstammbeteiligung sein, wie sie bei Sars beschrieben ist", so Berlit.  

Das Problem bei der Erforschung dieser Theorie ist: Auch hier fehlen bislang noch verlässliche Daten. Längst nicht alle Verstorbenen werden obduziert, sodass Pathologen nachträglich die krankhaften Vorgänge im Gehirn nachvollziehen könnten. Und um die Hirnfunktionen bei Erkrankten genau zu untersuchen, müssten die Patienten im Kernspin untersucht werden, was wiederum eine logistische Hürde in den beanspruchten Intensivstationen bedeutet. Denn die Beatmung und intensivmedizinische Behandlung stehen an erster Stelle, und die Patienten müssen wegen der Infektion isoliert werden.

Der Schlaganfall

Wie viele andere Mediziner erhoffen sich auch die Neurologen Antworten auf die vielen ungeklärten Fragen vom neu geschaffenen europäischen Register Leoss , in dem klinische Daten von Patienten mit Sars-CoV-2-Infektion gesammelt werden.

Denn ebenfalls ungeklärt ist, warum manche Covid-19-Patienten mit heftigen Verläufen auch Schlaganfälle entwickeln, wie unter anderem die chinesische Forschergruppe beschreibt. Ein Schlaganfall ist immer Folge einer Minderdurchblutung oder einer Blutung im Gehirn. Da bei einer schweren Infektion oft auch das Gerinnungssystem zur Abwehr aktiviert wird, könnte auch Sars-CoV-2 so "Schlaganfälle begünstigen", sagt Götz Thomalla vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Aber auch eine direkte Entzündungsreaktion in den Arterien könnte verantwortlich sein für Schlaganfälle, vermuten Spezialisten. Denn das Coronavirus hat offenbar eine hohe Affinität zu einem Rezeptor mit Namen AT2, der sich in den Gefäßwänden befindet. "Wenn man ehrlich ist, wissen wir einfach noch nicht, woher diese Häufung kommt", sagt Peter Berlit. "Denn natürlich haben viele Menschen mit schweren Covid-19-Verläufen Vorerkrankungen wie Diabetes und hohen Blutdruck, die das Risiko für einen Schlaganfall deutlich erhöhten. Außerdem waren sie alle schwer lungenkrank und litten unter Sauerstoffmangel und einer erhöhten Gerinnungsneigung, was einen Schlaganfall begünstigt ebenso wie bestimmte Medikamente."

Die aufsteigenden Lähmungen

Ganz neu sind Beobachtungen von einem alten Krankheitsbild, das Ärzte aus Italien und Wuhan nun erstmals auch bei Covid-19-Patienten beschreiben. In Italien entwickelten vier Betroffene im Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion Lähmungen ihrer Beine, bei einem fünften waren die Gesichtsmuskeln gelähmt. Auch eine Patientin aus Wuhan konnte zunächst ihre Beine nicht mehr bewegen und später nicht mehr allein atmen.

Bereits von anderen Infektionskrankheiten mit Zika- oder Zytomegalieviren oder Bakterien wie Campylobakter ist das sogenannte Guillain-Barré-Syndrom bekannt. Dabei richten sich die Antikörper, die das Immunsystem aufgrund der Infektion gegen den Erreger gebildet hat, gegen körpereigenes Gewebe in den Nervenhüllen. Das führt meist wenige Wochen nach der akuten Infektion zu Entzündungen der peripheren Nerven und zu Lähmungen, die häufig an den Beinen beginnen und bis zur Atemmuskulatur aufsteigen können. Bei einem Großteil der Patienten bilden sich die Lähmungen in umgekehrter Reihenfolge langsam wieder zurück.

Bei allen sechs beschriebenen Fällen aus Italien  und Wuhan  hatten die Ärzte Sars-CoV-2 im Körper der Patienten nachgewiesen. Ob das Virus aber ursächlich für das Guillain-Barré-Syndrom war oder zufälligerweise gleichzeitig auftrat, ist noch unklar. Die Patientin aus Wuhan erhielt antivirale Mittel, die Erkrankten in Italien bekamen Infusionen mit Antikörpern, wie sie auch andere Guillain-Barré-Syndrom-Patienten bekommen. Die chinesische Patientin ist laut dem Fallbericht inzwischen wieder ganz gesund, einer der italienischen Erkrankten konnte ebenfalls aus der Klinik entlassen werden, zwei von ihnen haben noch Lähmungen und zwei weitere müssen immer noch beatmet werden.

Das Fazit

Auch wenn wir noch am Anfang der Pandemie stehen: Weil Covid-19 sich wie ein Chamäleon verhält, wie Schweizer Forscher es nannten, müssen Hausärzte und Internisten beim Auftreten von Kopfschmerzen, Schwindel oder Geruchsstörungen daran denken, dass auch eine Infektion mit Coronaviren dahinter stecken könnte. "Und wir Neurologen müssen bei schweren Krankheitsbildern wie einer Hirnhautentzündung unbedingt auch in Betracht ziehen", mahnt Berlit, "dass Sars-CoV-2 diese ausgelöst haben könnte."