Studie in Baden-Württemberg Kinder infizierten sich deutlich seltener mit dem Coronavirus als ihre Eltern

Kinder, die eine Kita besuchen, bringen alle möglichen Krankheiten nach Hause, sie tragen maßgeblich zur Ausbreitung vieler Atemwegsinfektionen bei. Doch beim neuen Coronavirus scheint das anders zu sein.
Kinder auf einem Spielplatz: Bekannt als Virusschleudern

Kinder auf einem Spielplatz: Bekannt als Virusschleudern

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Welche Rolle spielen Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus? Diese Frage wird seit Monaten diskutiert. Es hängt viel daran.

Während es in vielen Bereichen des Lebens erste Lockerungen gibt, können Kinder bis heute nur sehr eingeschränkt in die Kita, den Kindergarten oder die Schule gehen. Ihre Bildung und Sozialkontakte leiden. Berufstätige Eltern haben Mühe, Arbeit und Familie gerecht zu werden.

Hinter den Vorsichtsmaßnahmen steht die Erfahrung, dass Kinder maßgeblich zur Ausbreitung vieler Atemwegsinfektionen beitragen. Sie stecken sich leicht an und geben die Krankheitserreger großzügig weiter.

Ein Kitakind bringt regelmäßig Keime in seine Familie. Nicht ohne Grund gilt der Nachwuchs als Keimschleuder. Doch im Zusammenhang mit dem Coronavirus scheint das nicht zu stimmen.

"Kinder sind keine besonderen Treiber von Corona-Infektionen, wie wir das etwa bei Grippeviren kennen", sagte Klaus-Michael Debatin, Direktor der Kindermedizin an der Uniklinik Ulm am Dienstag auf einer Pressekonferenz.

Gemeinsam mit Kollegen der Unikliniken Heidelberg, Freiburg und Tübingen hat er vom 22. April bis 15. Mai in Baden-Württemberg 2500 Eltern-Kind-Paare ohne Symptome auf eine akute und durchgemachte Corona-Infektion untersucht. Laut den Wissenschaftlern handelt es sich um die bislang größte Studie zu Corona-Infektionen bei Kindern weltweit. In Auftrag gegeben hatte sie das Land Baden-Württemberg .

Weniger infizierte Kinder als Erwachsene

Einer vorläufigen Auswertung der Daten zufolge steckten sich Kinder in Baden-Württemberg deutlich seltener mit dem Coronavirus an als Erwachsene. Insgesamt tragen von den 5000 Testpersonen nur 64 Antikörper gegen das neue Coronavirus im Blut, berichten die Forscher. 45 Eltern hatten demnach bereits eine Infektion mit dem neuen Coronavirus durchgemacht, aber nur 19 Kinder.

Die Wissenschaftler hatten Blutproben der Probanden mit zwei Antikörpertests untersucht und mit weiteren Tests validiert. Die 64 Antikörpernachweise seien daher ein sicherer Wert, sagte Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie der Uniklinik Heidelberg. Dennoch sei das Ergebnis vorläufig, da noch nicht alle Proben ausgewertet seien.

Es könne sein, dass letztlich noch bei ein paar weiteren Probanden Antikörper nachgewiesen werden. An der grundsätzlichen Aussage, dass Eltern sich häufiger infiziert hatten als ihre Kinder, werde sich aber nichts mehr ändern.

Die Forscher fanden keine Hinweise darauf, dass sich Kinder in der Notbetreuung häufiger infiziert hätten als Kinder, die nicht in öffentlichen Einrichtungen betreut wurden. Allerdings sei die Fallzahl hier klein und die Aussage somit mit Unsicherheiten verbunden.

Studie nicht repräsentativ

Dass die Untersuchung stattgefunden hatte, als Schulen, Kindergärten und Kitas bereits geschlossen waren, sei für die Auswertung nicht entscheidend, betonten die Forscher.

Zwar hätten dadurch wohl weniger Infektionen nachgewiesen werden können. Akut waren in der Studie nur zwei Personen am Coronavirus erkrankt, ein Elternteil und ein Kind. Mit den Antikörpertests ließen sich aber auch Ansteckungen belegen, die vor der Schließung von Schulen, Kindergärten und Kitas stattgefunden hatten, so die Forscher.

Die Studie verrate allerdings nicht, bei wem sich die Infizierten angesteckt hatten. Auch sind die Ergebnisse nicht repräsentativ. Aussagen zur Frage, wie viele Kinder in Baden-Württemberg schon mit dem neuen Virus infiziert waren, lassen sich also nicht ableiten. Die Studie soll spätestens Anfang Juli zur Veröffentlichung in einem Fachjournal eingereicht werden, die Methoden haben die Forscher vorab veröffentlicht (hier ).

Unterschiedliche Ergebnisse, unterschiedliche Untersuchungen

Debatin verwies darauf, dass es mit Blick auf das neue Coronavirus schwierig sei, absolute Antworten zu geben. "Es gibt derzeit lediglich Tendenzen", sagte er. Forscher könnten immer nur von dem Wissensstand ausgehen, den sie zu einer bestimmten Zeit haben.

So sehen die Forscher beispielsweise auch keinen Widerspruch ihrer Arbeit zur viel diskutierten Studie von Christian Drosten oder zu einer Studie aus Island, bei der Forscher überhaupt keine Corona-Infektionen bei Kindern nachgewiesen hatten.

Die Drosten-Studie sage nichts darüber aus, wie ansteckend Kinder im Alltag seien, sondern dass sie zum Zeitpunkt eines Infektionsnachweises ähnlich viel Virus im Rachen trügen wie Erwachsene. Auch um die Frage, wie oft sie sich anstecken, gehe es darin nicht. Die isländische Studie habe zudem zu einem anderen Zeitpunkt der Epidemie stattgefunden, als das Virus offenbar noch nicht unter Kindern verbreitet war.

Es werde nie eine Studie geben, in der alle Fragen geklärt werden könnten, so die Forscher. Vielmehr ginge es darum, aus der Summe der einzelnen Erkenntnisse zu einem Ergebnis zu kommen.

Keine Studie zeigt besonderes Risiko durch Kinder

Das Gesamtbild zeige bislang zumindest sehr gut, dass Kinder seltener und weniger schwer erkrankten als Erwachsene, so Debatin. Ursache dafür könnte sein, dass der Rezeptor, über den das neue Coronavirus in den Körper eindringt, bei Kindern in geringeren Mengen vorkommt.

Zudem sei das Immunsystem von Kindern aktiver, sodass sie das Virus eliminierten, bevor es vom Nasen-Rachen-Raum in die Lunge wandere. Das könne schwere Verläufe verhindern. Auch sei dadurch womöglich die Phase kürzer, in denen der Nachwuchs ansteckend ist.

Es gebe bislang keine Studie, die belege, dass von Kindern ein besonders großes Corona-Infektionsrisiko ausgehe, so die Forscher. "Vielleicht können wir von den Kindern sogar etwas lernen, das die Medizin voranbringt", sagt Debatin.

Das baden-württembergische Kabinett beschloss am Dienstag, Kitas und Grundschulen ab dem 29. Juni wieder zu öffnen. Leichtsinnig sollten Eltern nun trotzdem nicht werden. Es gilt weiterhin, Hygieneregeln so gut es geht einzuhalten und dafür Konzepte zu entwickeln - auch und insbesondere mit Blick auf Kinder.

Mit Material von dpa und AFP
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