Antigen-Selbsttests Negative Weihnacht überall

Viele Menschen wollen an Heiligabend Antigen-Schnelltests machen, um ihre Familie nicht zu gefährden: Ein Rachenabstrich, 15 Minuten warten – und ab zur Oma. Doch ganz so einfach ist es nicht.
Covid-19-Antigentest: Schnell noch testen vor Weihnachten?

Covid-19-Antigentest: Schnell noch testen vor Weihnachten?

Foto: Georg Hochmuth / dpa

Kurz vor dem Fest schnell noch ein Stäbchen in den Rachen, und wer ein negatives Ergebnis hat, darf am Weihnachtstisch Platz nehmen: Die verlockende Idee, einen Corona-Schnelltest zu machen, um die Eltern oder Großeltern an Weihnachten nicht anzustecken, treibt derzeit viele um.

Doch sind die Antigen-Schnelltests auch sicher? Oder lindern sie nur das schlechte Gewissen derer, die an Heiligabend trotz steigender Infektions- und Todeszahlen zur Familie fahren wollen? Diese Fragen sind nicht so einfach zu beantworten.

Keine Abgabe an Privatpersonen

Zunächst einmal dürfte der Großteil der Bundesbürger bereits bei der Beschaffung eines solchen Tests scheitern: Antigen-Schnelltests sind in Deutschland nicht für Privatpersonen erhältlich. Laut aktueller Testverordnung stehen sie nur Ärztinnen und Kliniken sowie Einrichtungen und Unternehmen zur Verfügung, die dem Gesundheitsamt ein Testkonzept vorlegen, etwa Alten- oder Pflegeheime.

Doch natürlich gibt es zahlreiche Anbieter, die ihre Tests auch im Netz verkaufen. Und in europäischen Nachbarländern wie etwa Österreich können Antigentests in Apotheken durchgeführt und oft auch unter der Hand gekauft werden.

Zweifelhafte Zuverlässigkeit von Onlinetests

Das Hauptproblem der Onlinetests dürfte sein, dass zahlreiche Produkte nicht den durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und das Robert Koch-Institut (RKI) festgelegten Mindestkriterien  entsprechen. Demnach müssen Antigentests mindestens eine Sensitivität von mehr als 80 Prozent und eine Spezifität von mehr als 97 Prozent aufweisen, um in Deutschland zum Einsatz zu kommen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt eine geprüfte Liste  mit allen Herstellern, deren Test diesen Kriterien entspricht.

Aus den Zahlen geht bereits hervor, dass die Zuverlässigkeit von Antigentests im Vergleich zu PCR-Tests um einiges geringer ist. Antigen-Schnelltests weisen nicht den Covid-19-Erreger selbst nach, sondern mit diesem verbundene Proteine. Ein Test mit einer Sensitivität von rund 80 Prozent erkennt 20 von 100 Corona-Positiven nicht. Auf der Liste des BfArM gibt es jedoch auch Tests mit einer Sensitivität von rund 98 Prozent – das heißt, bei etwa zwei von 100 Infizierten fällt der Test falsch-negativ aus. Wenn ausgerechnet diese zwei an Heiligabend mit der Großmutter am Tisch sitzen, wäre das fatal.

Könnte man also im Umkehrschluss nicht argumentieren, dass die 98, bei denen ein richtig-positives Ergebnis angezeigt wird, und die sich daraufhin in Isolation begeben müssten, dann eben keine Gefahr mehr für andere sind? Könnte man.

Selbstentnahme durch Laien kaum möglich

Doch es gibt ein weiteres Problem solcher Antigen-Schnelltests für zu Hause: Die dafür notwendige Probe wird per Nasen-Rachenabstrich entnommen. Ein Abstrichtupfer muss also sehr tief in den Rachen eingeführt werden, um ausreichend Virusmenge zu erhalten – den Test bei sich selbst oder bei einem Familienmitglied durchzuführen, ist also für Laien kaum möglich.

»Die Selbstabnahme durch nicht medizinisch geschultes Personal des Rachenhinterwandabstrichs kann aufgrund der eingeschränkten Abstrichqualität zu falsch-negativen Ergebnissen führen«, sagt Jan Kramer, Internist und Laborarzt sowie stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM). Die dann falsche gefühlte Sicherheit könne zur Nicht-Beachtung der AHA+L-Regeln führen und damit gerade die Infektion anderer auslösen. »Wenn nicht medizinisch geschulte Menschen bei anderen einen Test abnehmen, besteht zudem die Gefahr, sich selbst oder andere im Rahmen der dabei auftretenden Aerosolbildung zu infizieren«, sagt Kramer.

Auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte haben mehrfach vor Antigen-Selbsttests gewarnt. Durch Selbsttests erhöhe sich die Rate an falsch-negativen Tests und die Gefahr von Superspreadern, hieß es Anfang Dezember in einer Pressemitteilung des Virchowbunds. Die Abstriche könnten nur durch medizinisch geschultes Personal durchgeführt werden. »Es wäre fatal, wenn Menschen nach einem fehlerhaften Selbstabstrich ein falsch-negatives Ergebnis erhalten und sich dadurch in trügerischer Sicherheit wiegen.«

Wenn Expertinnen und Experten also dagegen sind, dass Laien einen Selbsttest durchführen – warum bietet die Bundesregierung in den bereits in vielen Städten eingerichteten Testzentren nicht Antigen-Schnelltests an? Dann könnten alle, die eine weitere Sicherheit für das Weihnachtsfest haben wollen, sich professionell testen lassen und damit zumindest die Unsicherheit der falschen Probenentnahme ausschließen. Länder wie die Slowakei oder Österreich haben solche landesweiten Antigen-Massentests bereits durchgeführt. Auch Schottland setzt auf eine ähnliche Strategie vor Weihnachten.

Massentests in Deutschland derzeit ausgeschlossen

In Deutschland werden solche Massentestungen bisher abgelehnt und deren Nutzen infrage gestellt. Das Bundesgesundheitsministerium begründet das mit einem zielgerichteten Vorgehen beim Testen. »Testen ohne Anlass führt zu einem falschen Sicherheitsgefühl«, heißt es auf eine Anfrage. »Denn auch ein negativer Corona-Test ist nur eine Momentaufnahme und entbindet nicht von Hygiene- und Schutzmaßnahmen.«

Ein weiterer Grund, warum im bevölkerungsreichen Deutschland nicht einfach alle getestet werden können: Es gibt gar nicht genug Tests. Anfang Dezember war sich Gesundheitsminister Jens Spahn noch unsicher, ob es überhaupt genug Tests für alle Alten- und Pflegeheime zu Weihnachten geben wird. Mehr als 80 Millionen Antigentests auf einmal bereitzustellen, ist derzeit wohl noch nicht möglich. Immerhin: Am Mittwoch kündigte die Bundesregierung an, ab sofort die Produktion von Corona-Schnelltests in Deutschland zu fördern. 200 Millionen Euro sollen zur Verfügung stehen.

Richtiger Zeitpunkt entscheidend

Angenommen, man kommt an einen zertifizierten Antigentest und angenommen, die Frau des Bruders ist beim Roten Kreuz tätig und kann die Abstrichprobe adäquat durchführen – dann gibt es immer noch eine Unsicherheit: der Zeitpunkt der Probenentnahme. »Der beste Zeitpunkt, um einen Antigentest zu benutzen, das sind die ersten fünf Tage nach Symptombeginn«, sagte der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast Ende November . Seiner Meinung nach seien die Antigentests vor allem dann sinnvoll, wenn jemand Symptome habe und man wissen wolle, ob er an Covid-19 leide oder an einer anderen Erkrankung.

Antigentests benötigen eine hohe Virusmenge, um eine getestete Person als positiv zu erkennen. Inzwischen weiß man, dass dies rund zwei Tage vor bis zwei Tage nach Symptombeginn der Fall ist – dann ist die Person auch am infektiösesten für andere. Doch nicht alle Menschen haben Symptome. »Das Problem bei Asymptomatischen ist halt immer, man weiß nicht, ob man in der Frühphase der Infektion testet«, sagte Drosten in dem Podcast. »Also ob man den Test zur richtigen Zeit anwendet.«

So würde man zwar bei einem Test an Heiligabend vermutlich diejenigen herausfiltern, die zu diesem Zeitpunkt sehr infektiös sind. Doch bereits einen Tag später wäre dieses Testergebnis nicht mehr aktuell. »Das heißt, wenn man solche Antigentests für Familienbesuche benutzen will, dann muss man im Prinzip sich jeden Morgen damit testen«, sagte Drosten .

Eine Möglichkeit gibt es laut Drosten dann doch, um eine möglichst hohe Sicherheit herzustellen: die Vorquarantäne. Wer seine Familie an Weihnachten besuchen wolle, könne freiwillig eine zehntägige Vorquarantäne machen und sich an deren Ende per Antigentest »freitesten«.

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